Stadtplanung

Alter Schlachthof: eine neue Heimat für Familien

Birgit Pietsch wohnt in einem der 30 Reihenhäuser im Quartier am Blankensteinpark. Vor fast vier Jahren zog sie mit ihrem Mann dort ein. Im neuen Wohngebiet „Alter Schlachthof“ in Prenzlauer Berg wurden Julian (4) und Carlotta (2) geboren. Beide gehen in die neue Kita, die seit Anfang August in Betrieb ist. Es ist ein Wohnviertel der jungen Familien. „20 Kinder und 20 Mütter und Väter wohnen in unserer Häuserreihe“, erzählt die junge Frau. Die Gärten seien relativ offen. „Nachmittags ist bei uns das Trampolin Anlaufpunkt. Man trifft sich. Es ist wie ein riesiger Spielplatz.“ Auf der Spielstraße zwischen den Häusern herrscht reger Verkehr, weil die Kinder mit Bobbycars, Rollern und kleinen Rädern unterwegs sind.

Man lebe im Viertel wie eine große Familie, erzählt Birgit Pietsch. „Wir kennen uns alle sehr gut.“ Es gab Sommerfeste und Winterfeste. Nachmittags das Tohuwabohu in den Gärten. So sind Freundschaften entstanden, nicht nur zwischen den Kindern, sondern auch zwischen den Erwachsenen. „Wir mögen uns.“ Man habe immer ein gutes Gefühl, wenn man in den Urlaub fährt, sagt sie. „Weil die Nachbarn mit aufpassen.“ Für die jungen Leute ist es ein Wohlfühlkiez. Auch sonst ist alles da. „Kitas, Supermärkte Bioläden, Ärzte – die Infrastruktur ist so, wie eine Familie das braucht.“ Birgit Pietsch, 33 Jahre alt, ist Marketing-Angestellte. Sie stammt aus dem Ruhrgebiet, hat zuvor mit ihrem Mann in Tiergarten, an der Spree, gewohnt. In einer Altbauwohnung. Eigentlich habe er kein Haus gewollt, erzählt Birgit Pietsch. Die Dachterrasse überzeugte ihn. „Man kann nicht besser wohnen. Der Spielplatz ist vor der Tür.“ Irgend jemand guckt immer nach den Kindern. Die Eltern müssen deshalb nicht immer draußen präsent sein, sondern können auch mal etwas im Haus erledigen. „Was wir hier gefunden haben, ist unbezahlbar.“ Die Atmosphäre empfindet sie als dörflich, „nicht wie mitten in der Großstadt.“ Man muss es mögen, denn es ist auch ein bisschen eng. „Wenn wir sonntags draußen frühstücken, kommen viele Kinder vorbei, auch mal Erwachsene, und dann hält man ein Schwätzchen. Wir finden das toll.“ Um 9 Uhr beginnt sonntags der Trubel im Kiez. Erst nach 21 Uhr wird es still. An den Werktagen ist bis nachmittags um 16 Uhr Ruhe, dann kommen Kinder aus der Kita und die Eltern von der Arbeit.

Rund 750 Wohnungen sind in den vergangenen Jahren auf dem Gelände des alten Schlachthofs entstanden, darunter etwa 270 Stadthäuser und fast 440 Wohnungen in Mehrfamilienhäusern. Mehrere Firmen haben gebaut.

Das Unternehmen CDS Wohnbau Berlin GmbH hat die Siedlung errichtet, in der Birgit Pietsch wohnt. Auch die Kita, die ihre Kinder besuchen, hat die Firma gebaut. Jetzt wird ein weiteres Viertel auf dem Schlachthof-Gelände fertig, die „Eldenaer Höfe“. 82 Häuser gehören dazu. Die ersten Bauten konnten 2011 bezogen werden. Die letzten sollen Ende 2013 oder Anfang 2014 den Bewohnern übergeben werden. 120 bis 180 Quadratmeter Platz bieten die Neubauten, mit zwei Etagen, einem Dachgeschoss und einer Dachterrasse. Ein kleiner Garten gehört dazu. Wieder sind es junge Familien, die die Häuser kaufen, damit dort ihre Kinder aufwachsen können. In den Gärten stehen Buggys, Bobbycars, kleine Trampoline und Laufräder. Keine Zäune trennen die Grundstücke. Zu 70 Prozent seien die Bewohner Zugezogene aus anderen Bundesländern, die aber schon einige Zeit in Berlin gewohnt haben, sagt Katrin Schlosser von der CDS-Geschäftsleitung in Berlin. Etwa 30 Prozent seien Berliner, die aus den Wohngebieten ringsum stammen. Zwischen 300.000 und 450.000 Euro haben sie für die Häuser bezahlt, je nach Größe.

Einiges erinnert noch an die Vergangenheit des Schlachthofgeländes. Etwa die alten Giebel aus rotem Klinker. „Sie stammen von den Rinderställen“, sagt Katrin Schlosser. Die großen Hallen aus dem 19. Jahrhundert waren zu marode und konnten nicht erhalten werden. Nur die Giebel sind geblieben, abgestützt und ausgebessert worden. An sie wurden die Neubauten angefügt. In der Kubatur der alten Gebäude. Sechs Reihen von Häusern sind entstanden, die in ihrer Grundfläche, in der Höhe und der Form an die abgerissenen Ställe erinnern sollen. Zehn Meter breit und zehn Meter hoch – so hätten es die Denkmalschutz-Verantwortlichen gewollt, sagt Schlosser. „Wir haben gemeinsam mit dem Amt diese Architektur entwickelt.“

Erinnerung an die alten Hallen

Der damalige Stadtplaner Hermann Blankenstein hatte im 19. Jahrhundert das Gelände entwickelt – für eine Viehhaltung mitten in der Stadt, unter hygienischen Bedingungen. 80 Prozent der Bauten wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. In der DDR-Zeit arbeiteten das volkseigene Fleischkombinat und andere Betriebe auf dem Gelände. In den 90er-Jahren beschloss der Senat, das Areal zum Entwicklungsgebiet zu machen.

Im neuen Quartier „Eldenaer Höfe“ wechseln sich moderne Fassaden mit traditionellen ab. Auch der Zaun am neuen Kita-Gebäude passt sich mit seinen Pfeilern und Stahlfeldern ins Ensemble ein. Die Zufahrtsstraße zwischen den einstigen Rinderhallen wird wieder aus den alten Granit-Pflastersteinen aufgebaut. Spätestens am Jahresende möchte Ivo Ulrich mit seiner Frau und seinem Sohn ins neue Haus einziehen. Der Rohbau steht. Wegen des langen Winters hatten sich die Arbeiten verzögert. „Noch ist es nicht wohnlich“, sagt der 46 Jahre alte Slawist. „Wir freuen uns, dass es bald fertig ist.“ 2011 habe sich die Familie zum Umzug entschlossen. Sie wohnt in einem Plattenbau in Lichtenberg, nicht weit entfernt. Ivo Ulrich kennt den Schlachthof noch aus den 70er-Jahren. „Uns hat gefallen, dass jetzt Häuser gebaut werden, die äußerlich an die alten Ställe erinnern.“