Ein neues Lebensgefühlt II

Schweizer Viertel: wo Kinder sich frei bewegen können

Die Sonne knallt auf den Asphalt, der helle frische Anstrich der Häuser blendet in den Augen. Anja Asef hebt in ihrem Vorgarten die Erde für neue Pflanzen aus. Ihr vierjähriger Sohn Linus hilft ihr dabei mit einer kleineren Schippe. Lorena, erst zwei Jahre, betrachtet die Arbeiten vom Bobbycar aus, während sich Baby Ida Marlen im Kinderwagen bemerkbar macht. Ein Auto schleicht im Schritttempo heran, Lorena weicht gemächlich mit ihrem Spielzeugauto aus. Alles geht etwas langsamer zu, wie in einer Vorstadt. Vor fünf Jahren hat sich Anja Asef das erste Mal im Schweizer Viertel umgesehen. Zu diesem Zeitpunkt war die eine Hälfte zwischen Altdorfer und Lausanner Straße bereits komplett bebaut. „Ich fand die Grundstücke nicht groß genug für uns“, sagt die 37-Jährige. Dennoch sei sie immer wieder vorbeigekommen. Sie wollte wissen, ob es weitergeht und ob auch die andere Hälfte noch bebaut wird. Es ging weiter.

Ein einziger Kran dreht sich noch an der Goerzallee, zwei Bagger schaufeln den Rest Erde beiseite. Mehr als 500 Einfamilienhäuser und 270 Wohnungen sind in den vergangenen 15 Jahren im Schweizer Viertel in Lichterfelde zwischen Finckensteinallee, Luzerner Straße und Goerzallee entstanden. Gerade wird der fünfte und letzte Bauabschnitt mit fast 70 Einfamilienhäusern von dem Bauunternehmen Interhomes fertiggestellt. Zwischenzeitlich sah es so aus, als bliebe die eine Hälfte des 230.000 Quadratmeter großen Grundstücks, auf dem bis 1994 Kasernen der Alliierten standen, eine Brache. Der Wohnungsmarkt war kurzzeitig gesättigt, die Nachfrage nach Häusern gesunken. Mit den ersten Meldungen über Wohnungsmangel kamen die Bagger ins Schweizer Viertel zurück.

Das Haus von Anja Asef gehört zum letzten Bauabschnitt, der bis an die Goerzallee grenzt. Dort sind die Grundstücke teilweise größer. Auf 440 Quadratmeter Land steht die Doppelhaushälfte, in die die Familie genau vor einem Jahr eingezogen ist. Anfangs waren die Bagger und Kräne nur ein Haus weiter. Werktags, manchmal auch am Sonnabend mussten sie den Krach ertragen. Mittlerweile sind die Baufahrzeuge nur noch in Sichtweite. Die Familie hat vorher in Tiergarten gewohnt. „Dort gab es Spielplätze ohne Ende“, sagt Anja Asef. Allerdings seien sie nicht immer in einem guten Zustand gewesen. Im Schweizer Viertel gäbe es nur einige kleine Spielplätze. „Aber dafür hat ja jeder seinen Garten.“ Sorgen mache ihr der Platz an der Grundschule. Ihren Sohn Linus muss sie jetzt anmelden, zwei Jahre später Tochter Lorena. In dem Wohnviertel ist bereits bekannt, dass die zuständige Clemens-Brentano-Grundschule überlaufen ist und eine ehemalige Sonderschule ertüchtigt werden soll.

Besuche in der Nachbarschaft

Am Eingang zum Schweizer Viertel ist ein kleines Geschäftszentrum mit Bäcker, Biomarkt, Supermarkt, Reisebüro, Grill-Restaurant und Textildiscounter – Nahversorger im Baudeutsch genannt. Der Name passt. Alles, was man täglich braucht, sei dort zu finden, erzählen die Bewohner des Viertels. Wer am Nachmittag im Nahversorger einkauft, schiebt einen Kinderwagen vor sich her. Nach dem Einkauf rollen die Wagen in verschiedene Richtungen. Vorbei an Fassaden, die sich nur durch einen blauen, gelben oder roten Farbtupfer minimal unterscheiden, weiter über kleine Trampelpfade, die durch Zäune rechts und links begrenzt werden, vorbei an Gerätehäuschen aus Holz, Plaste-Rutschen, Grillecken und Sonnenblumen.

An solch einem kleinen Pfad steht auch das Reihenhäuschen von Kerstin Schlemm. Die 40-Jährige schraubt vor der Tür an ihrem Fahrrad. Ja, so ein Fahrrad reparieren, das bringe sie noch, sagt die Grundschullehrerin lachend. Ansonsten sei sie leider handwerklich nicht begabt. Deshalb habe sie einen Neubau zum Kauf gesucht und im Schweizer Viertel genau das Richtige gefunden. Sie gerät ins Schwärmen, wenn sie von ihrem Leben erzählt. Ihre Kinder könnten sich frei bewegen, alleine Freunde in der Nachbarschaft besuchen und mit Gleichaltrigen aufwachsen. Marlene steckt ihre Kopf durch die Tür und schiebt sich langsam neugierig heraus. Es stimme, bestätigt sie. Wenn sie wolle, könne sie immer zu ihren Freundinnen Marie und Julie gehen. Sie klettert auf die Reckstange, ein zweiter Blondschopf taucht auf, ihre Zwillingsschwester Leonie. Die beiden Siebenjährigen sind in der zweiten Klasse der Clemens-Brentano-Grundschule, gar nicht weit entfernt. Leonie klettert zu ihrer Schwester auf das Reck, beide wollen ihre Kunststücke zeigen. Nebenan geht die Tür auf, und ein junges Mädchen grüßt freundlich. Ja, es sei ein enges Zusammenwohnen, sagt Kerstin Schlemm. Aber sie schätze die Nähe und das Vertrauen und dass sie das alles in Berlin habe.

Für Karlheinz Klöß ist es vor allem die Ruhe, die das Schweizer Viertel ausmacht. Er wollte eigentlich in dem Viertel eine Wohnung mieten und hat am Ende der Besichtigung ein ganzes Hause gekauft. Sechs Jahre ist das nun her. Der 61-Jährige ist Betriebsleiter in einem Gastronomiebetrieb in der City-West und wohnte vorher am Innsbrucker Platz. Eigentlich wollte er nur ein bisschen raus aus der Stadt, erzählt er. Auf dem Weg zu einem Baumarkt an der Goerzallee habe er gesehen, wie das Schweizer Viertel gewachsen sei, und die Neugierde habe ihn gepackt. Mittlerweile ist die Tochter aus dem Haus.

Höchstens fünf bis zehn Prozent, so groß schätzt er den Anteil der Älteren, die ohne Kinder im Schweizer Viertel leben. „Wen Kinder stören, der ist hier falsch“, sagt Karlheinz Klöß. Ihn stören sie nicht, außerdem seien sie kaum zu hören und bei den mittlerweile hohen Hecken auch kaum zu sehen. „Wir fühlen uns wohl und kommen gut miteinander aus“, sagt er. Erst am Vorabend hätten sie zusammen gegrillt. Alle vier aus den beiden Doppelhäusern, die so nah gegenüberstehen, dass man von Fenster zu Fenster „Gute Nacht“ sagen kann.