Familie

„Familie hat so viele Gesichter“

Eine junge Frau erzählt, wie es ist, Pflegekind zu sein – mit zwei Müttern, zehn Geschwistern und vielen Fragen nach den eigenen Wurzeln

Jenny ist eine junge Frau wie viele andere. 24 Jahre alt, sie arbeitet als Arzthelferin in einer Praxis in Spandau. Sie hat eine eigene Wohnung und einen Freund. Und sie hat eine Familie im Hintergrund. Dennoch ist ihr Leben anders verlaufen als das der meisten Menschen in ihrem Alter. „Mama“ und „Papa“ nennt sie ihre Eltern, die auf dem Papier gar nicht Mutter und Vater für sie sind. Jenny ist in einer Pflegefamilie aufgewachsen. Mit fünf Monaten kam sie dorthin, weil ihre eigene Mutter nicht in der Lage war, sich um das Baby zu kümmern. Über die damaligen Probleme der Mutter wusste Jenny schon früh Bescheid. Öffentlich möchte sie lieber nicht darüber sprechen.

„Etwas Besseres, als zu meiner Pflegefamilie zu kommen, hätte mir nicht passieren können“, sagt Jenny heute. Auch wenn sie längst ausgezogen ist, schaut sie fast jeden Tag bei ihrer Pflegemutter vorbei. Es ist wie ein Ritual, so, als würde sie Nähe tanken. „Das ist meine Familie“, sagt sie. Es klingt wie: „Es gibt auch keine andere für mich.“ Die Pflegemutter Angelika Bongartz lächelt. „Jenny ist ein richtiger Familienmensch“, sagt die 56-Jährige.

Keinen Augenblick gezögert

Jenny war das zweite Pflegekind, das sie aufgenommen hat. Damals, als ihre eigenen beiden Kinder gerade ins Teenageralter kamen. Eigentlich sollte es erst einmal bei dem einen Pflegekind bleiben, aber als sie sah, dass Jenny nicht bei ihrer Mutter leben konnte, hat sie keinen Augenblick gezögert, die Kleine aufzunehmen. Schnell ist sie ihr ans Herz gewachsen. Angelika Bongartz nennt die junge Frau noch heute „meine Süße“.

Fast 2700 Kinder und Jugendliche lebten Ende 2012 in Berlin bei einer Pflegefamilie. Manche nur für wenige Wochen oder Monate, andere bleiben bis zu ihrer Volljährigkeit. So wie Jenny. Nicht alle Pflegekinder kommen zurecht in der neuen Familie. Nicht alle schaffen es, sich in die neue Umgebung einzufügen, die Rollen der Eltern und Pflegeeltern für sich zu definieren. Dass es bei Jenny so gut klappte und sie in ihrem Leben bis heute keinen Bruch empfindet, liegt wohl auch daran, dass sie schon als Baby in die Pflegefamilie kam. Die Familie war auch nicht ganz fremd, schließlich ist Angelika Bongartz ihre Großcousine.

Jenny war drei Jahre alt, als ihre Mutter ihr Leben wieder in die Hand nahm und die Frage im Raum stand, ob ihre Tochter wieder zu ihr zurückkommen könnte. Sie hätte das wohl beim Jugendamt durchsetzen können, aber sie tat es nicht. Im Interesse ihrer Tochter, sagt Angelika Bongartz: „Ich habe ihr das hoch angerechnet, dass sie ihr Kind nicht noch einmal entwurzeln wollte.“ Die Mutter habe gesehen, welch feste Bindung das kleine Mädchen längst zu ihrer Pflegefamilie aufgebaut hatte. „Sie da wieder herauszureißen hätte Jenny wichtige Stabilität genommen“, glaubt die Pflegemutter. Sie pochte daher damals auf eine schnelle Entscheidung: „So ein Rumgeeiere ist nicht gut für ein Kind.“ Insbesondere innerhalb der Familie seien klare Verhältnisse ganz wichtig. Natürlich sei es nicht leicht, das eigene Kind der Cousine zu überlassen. „Es ist doch ohnehin für eine Mutter schwer zu ertragen, wenn sie sieht, dass es dem Kind woanders besser geht.“

Die Anbahnung zwischen Mutter und Tochter lief damals über das Jugendamt. Jenny hat daran nur vage Erinnerungen. Die beiden näherten sich vorsichtig an. Die Mutter war unsicher, weil sie ihr eigenes Kind ja kaum kannte. Sie spielten miteinander, Jenny war ein zutrauliches Kind. Aber Nähe lässt sich nicht erzwingen. Als Jenny im Grundschulalter war, ließ die Pflegemutter das Mädchen selbst entscheiden, wann und wo sie ihre Mutter treffen wollte. Die Begegnungen wurden seltener. Die Mutter bekam ein zweites Kind, das auch bei ihr lebte. „Ich hatte immer das Gefühl, er war der Mustersohn“, sagt Jenny. Sie selbst hatte das Gefühl, eine weniger wichtige Rolle zu spielen. Sie sagt das ohne Groll, eher wie ein Beobachter. So klingt auch dieser Satz: „Ich habe Kontakt zu meiner Mutter, aber keine Beziehung.“ Und in den Fotoalben ihrer Kinderjahre klebt kein Bild von ihrer Mutter. „Es gibt ein paar Bilder, aber die sind in einer Kiste.“ Vielleicht hat sie diese Distanz auch geschützt vor weiteren Enttäuschungen. Denn die hat es schon gegeben. Jenny erinnert sich, dass sie als 13-Jährige ein Handy haben wollte. Ihre Pflegemutter fand das zu früh, aber ihre Mutter versprach, jeden Monat fünf Euro beizusteuern. „Die fünf Euro habe ich einmal bekommen und dann nie wieder.“ Es blieb das Gefühl, sich nicht auf ihre Mutter verlassen zu können.

Dennoch ist sie froh, ihre Mutter zu kennen. Ihren Vater hat sie nicht mehr kennenlernen können, er starb bei einem Autounfall, als sie noch ein Baby war. Aber sie hat ihre Mutter immer wieder nach ihm gefragt. Doch erst, als Jenny 19 war, sprach die Mutter mit ihr über den Vater. Sie besuchten gemeinsam sein Grab und danach seine Eltern. Es war das erste Mal, dass sie ihre Großeltern väterlicherseits traf. Für Jenny ein erlösender Moment. „Man fühlt sich vollständiger, sonst hätte ich wohl immer das Gefühl, etwas verpasst zu haben.“

Auch die Pflegemutter, die inzwischen das zehnte Pflegekind betreut, weiß, dass es den Kindern besser geht, wenn sie Kontakt zu ihren Eltern aufgenommen haben. „Es ist schlimm, nicht zu wissen, wer die eigenen Eltern sind.“ Wenn ihre Pflegekinder Fragen stellen, gibt sie Antworten, kindgerecht und soweit es ihre Rolle betrifft. „Über die Hintergründe halte ich mich bedeckt, da müssen die Eltern schon selbst entscheiden, was sie ihren Kindern sagen wollen.“ Wenn Angelika Bongartz mit ihren beiden fünfjährigen Pflegekindern auf der Straße einer Schwangeren begegnet, sagen die Kinder schon mal, dass sie auch in ihrem Bauch gewesen seien. Die Pflegemutter korrigiert sie dann, erklärt ihnen aber auch: „Das ist auch gar nicht wichtig, jetzt seid ihr ja hier.“

Jenny hat ihre Wurzeln und ihren eigenen Weg gefunden, mit diesem Wissen umzugehen. Vielleicht hat sie dadurch auch immer viel Sicherheit auf ihre Umgebung ausgestrahlt. In der Schule sei sie nie gehänselt worden, weil sie ein Pflegekind war. Wenn jemand gefragt hat, hat sie die Verhältnisse erklärt. Nur einmal, da hatte sie doch Angst, dass ihre heile Welt zusammenbrechen würde. An dem Tag, als ihre Pflegeeltern ihr sagten, dass sie sich trennen würden. Jenny hatte Angst, ihre Familie zu verlieren, aber schnell lernte sie, dass sie trotz der Trennung intakt bleibt. Ihre Pflegeeltern hätten keinen Rosenkrieg veranstaltet. Noch heute kommt der Pflegevater oft und hilft seiner Ex-Frau, wenn es im Haus etwas zu tun gibt. Sie schneidet ihm im Gegenzug die Haare. „Familie hat so viele Gesichter“, sagt sie heute.

Für ihre Zukunft wünscht sich Jenny eine eigene Familie. Zwei Kinder hätte sie gern – ein eigenes und ein Pflegekind. Sie weiß, dass eine Familie nicht selbstverständlich ist. „Es gibt so viele Kinder, die kein Zuhause haben.“ Sie möchte weitergeben, was ihre Pflegefamilie ihr entgegengebracht hat.