Stadtplanung

Zimmer, Bad und eine Wohnlandschaft

In Adlershof wurde der Grundstein für das erste Wohnheim der Humboldt-Uni gelegt

Der Bann Berlins auf junge Menschen ist ungebrochen. Die im Vergleich zu anderen europäischen Metropolen günstigen Lebenshaltungskosten, das reiche Kulturangebot und nicht zuletzt die fehlenden Studiengebühren machen die Stadt besonders für Studenten attraktiv. Doch vor allem die günstigen Wohnmöglichkeiten nehmen zusehends ab. Eine Entlastung des akademischen Wohnungsmarkts soll nun das neue Studentendorf in Adlershof bringen. Am Freitagvormittag wurde der Grundstein für das erste Wohnheim der Humboldt-Universität gelegt. Das auf dem Campus der naturwissenschaftlichen Fakultäten gelegene Studentendorf soll ab dem Wintersemester 2014 insgesamt 377 neue Wohnplätze auf hohem Standard zur Verfügung stellen.

Zehn Gebäude bilden gemeinsam mit dem Garten ein Ensemble, das sich sehen lassen kann. Die Fassaden der Häuser sind geprägt von den sogenannten Denkererkern. Jedes Zimmer hat an seiner Fensterfront einen integrierten Schreibtisch mit anliegendem Bücherregal. Schließlich soll auch das Lernen in einem Studentenwohnheim nicht zu kurz kommen. Das Hauptaugenmerk im Dorf soll jedoch auf dem Miteinander liegen. „Der neue Campus hat alles, was studentisches Wohnen ausmacht: Musikzimmer, Fitnessstudio, Garten, Waschsalon und Kindergarten“, sagt Claudia Sieper von den „Zusammenarbeitern“, dem verantwortlichen Architektenbüro.

Vorbild in Gent und Kopenhagen

Jedes der Zimmer wird ein eigenes Bad haben – ein zeitgemäßer Standard, der für die Architekten unabdingbar war. Die einzelnen Zimmer verschmelzen mit einem gemeinsamen Wohnzimmer und Küche zu einer Wohnlandschaft. Ein Zimmer wird im Schnitt 380 Euro monatlich kosten. Weit über dem Durchschnitt der Wohnheime des Studentenwerks, der bei 200 Euro liegt. Orientiert wurde sich bei dem Projekt an studentischen Wohnheimen in Gent und Kopenhagen. Vorbild ist auch das Studentendorf Schlachtensee, das auch den Betrieb und die Vermietung der neuen Anlage übernehmen wird.

Die denkmalgeschützte Anlage wird nach jahrzehntelangem Verfall und Leerstand sukzessive erneuert. Im Jahr 2009 konnte das erste fertiggestellte Gebäude übergeben werden. Bis zum Abschluss der Arbeiten 2023/24 sollen rund 900 Studenten in dem Dorf leben. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sieht in den Adlershofer Neubauten einen wichtiger Baustein für die Entlastung des studentischen Wohnungsmarkts. Es ist aber wohl nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Jürgen Morgenstern, Sprecher des Studentenwerks, hält das Angebot an öffentlichen Wohnheimplätzen in Berlin für deutlich zu niedrig. „Bundesweit liegen wir da an vorletzter Stelle“, sagt er.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) versprach bei der Grundsteinlegung einen weiteren Ausbau der studentischen Wohnmöglichkeiten. „Wir folgen einem dreigliedrigen Konzept, um mehr Wohnraum zu schaffen. Insgesamt sind 900 weitere Plätze im Blick“, sagt Scheeres.

Die erste Säule des Ausbauplans bilden die Wohnheime des Studentenwerks. Das Land hat dem Studentenwerk Liegenschaften in den Bezirken Steglitz-Zehlendorf, Pankow und Lichtenberg angeboten. Diese werden derzeit vom Studentenwerk geprüft. Neue Wohnheime sollen vor allem innerhalb des S-Bahnrings entstehen. Als sogenannte zweite Säule bezeichnet Scheeres die Verhandlungen mit den Wohnungsbaugesellschaften. Auch dort soll studentisches Wohnen attraktiver gemacht werden. Noch werden von den Angeboten der Wohnungsbaugesellschaften hauptsächlich ältere Menschen angezogen. Ein Zusammenleben von Rentnern und Studenten – also gelebte Generationenverständigung – ist das Ziel, auch wenn es zum jetzigen Zeitpunkt noch etwas abwegig erscheint.

Lange Wartelisten

„Ein Problem ist häufig auch die mangelnde Transparenz bei den Wohnungsangeboten“, sagt Scheeres. Oftmals wüssten Studenten gar nichts von den Angeboten, die ihnen offenstehen. Hier möchte Scheeres beispielsweise durch eine einheitliche Website für mehr Transparenz sorgen. Die dritte Säule stellt das studentische Wohnangebot durch private Träger dar – wie jetzt in Adlershof. Diese Angebote sind jedoch für die Studenten teurer, da die privaten Träger die Grundstücke nicht wie das Studentenwerk miet- und pachtfrei erlangen. Die Wartelisten für ein Zimmer in einem Studentenwerk-Wohnheim sind allerdings lang. Gerade zu Semesterbeginn im Frühjahr und Herbst steigen die Wartelistenplätze noch einmal an. Üblich sind Listen von 800 bis 900 Bewerbern. Wer bereit ist auch außerhalb des S-Bahnrings einen Platz anzunehmen, findet jedoch schnell ein Platz. Für attraktivere Lagen wie Kreuzberg und Friedrichshain gibt es teilweise Wartezeiten von bis zu zwei Jahren.

Die Zahl der Studienbewerber übersteigt in den gefragten Fächern auch zum Wintersemester das Platzangebot um ein Vielfaches. An der Humboldt-Universität in Mitte kommen derzeit 36.600 Bewerber für das erste Semester auf nur 3300 Plätze. An der Freien Universität sind es etwa 33.000 Bewerber auf 4300 Plätze. Der Ausbau von insgesamt 6000 weiteren Plätzen ist bereits beschlossen. Wer einen der begehrten Plätze bekommt, hat ab Herbst 2014 wieder die Möglichkeit, sich einen Platz zu erkämpfen – diesmal in dem neuen Wohnheim in Adlershof.

Berlins erstes Studentendorf entstand bis 1959 mithilfe der Amerikaner im Stadtteil Schlachtensee. Eine große Lobby bewahrte die Gebäude, die in den 80er Jahren marode aussahen, vor dem Abriss. Privatisiert und denkmalgerecht saniert, bietet das „Dorf“ heute wieder rund 900 Wohnheimplätze.