Unternehmen

Holländer wollen das Stromnetz

Alliander bewirbt sich in Berlin auch um das Gasnetz und bietet Senat Kooperation an

Der Schalk blitzt in den Augen unter der runden Brille mit dem feinen Goldrand. „Wir werden allen Strom, den Vattenfall liefert, problemlos durchleiten“, sagt Ton Doesburg und lächelt fein. Der Niederländer aus Nijmegen ist Chef der Alliander AG und möchte gern ein großer Spieler auf dem Energiemarkt Berlins werden. Der niederländische Netzbetreiber bewirbt sich mit seiner deutschen Tochter als einziges Unternehmen um die Konzessionen für das Gas- und für das Stromnetz, die ab 2014 beziehungsweise 2015 neu vergeben werden. Und verfolgt dabei eine Strategie, die für die Konkurrenten Gasag und Vattenfall, die gerne die Netze weiter betreiben würden, gefährlich werden könnte.

Alliander bietet sich und sein Know-how im Netzbetrieb dem Land nämlich anders als die beiden Berliner Unternehmen auch als Minderheitsgesellschafter an. „Ich bin der Meinung, Berlin braucht einen Partner“, sagt der Manager, der mit seiner Firma bereits beim Betrieb der Ampeln mit Berlin kooperiert und zehn Jahre lang die Stadtbeleuchtung managte, wobei aber nach Aussage des Chefs Fehler gemacht worden seien.

Berlin selbst bewirbt sich mit dem landeseigenen Betrieb Berlin Energie ebenfalls um die Konzessionen für das Gas- und das Stromnetz. Ausdrücklich sind im Vergabeverfahren auch die Optionen vorgesehen, dass sich Berlin einen oder mehrere Partner sucht.

Alliander kommt nach den Worten des Vorstandschefs auch deswegen dafür in Frage, weil es selbst ein kommunales Unternehmen ist. Eigentümer sind niederländische Provinzen und Städte, darunter auch Amsterdam. „Unsere Eigentümer mögen kommunale Partner“, sagt Doesburg. Das Unternehmen, dessen deutsche Tochter er leitet, betreibt in dem Nachbarland ein mehr als 40.000 Kilometer umfassendes Gasnetz mit 2,6 Millionen Abnehmern und ein doppelt so langes Stromnetz mit mehr als drei Millionen Anschlüssen.

„Wir halten es für richtig, Gas und Strom als Einheit zu betrachten“, sagt Doesburg. Viele Synergien seien denkbar. So seien gemeinsame Planung der Straßenbauarbeiten möglich oder gemeinsame Ausbildung der Monteure. Weil das in den Niederlanden so geregelt sei, seien dort die Netzentgelte niedriger als in Deutschland. Künftig werde Expertise aus eigener Hand noch wichtiger. Denn mit der Energiewende werde es zwingend sein, zeitweise überflüssigen Öko-Strom etwa aus Windkraft zu speichern. Dafür könnte er in Gas umgewandelt und später wieder zu Strom werden. Es sei also sinnvoll, beide Netze eng abgestimmt zu steuern.

Kein Interesse hat Alliander an der Fernwärme, die manche Energieexperten und einige Landespolitiker als nächstes mögliches Objekt für eine so genannte Rekommunalisierung ausgemacht haben. Die Wärmeleitungen gehörten untrennbar mit den Heizkraftwerken zusammen, die Vattenfall gehören. Hier einzusteigen widerspräche einem Grundsatz der Holländer. Sie sehen sich als reiner Netzbetreiber, mit Produktion und Verkauf von Energie haben sie nichts zu tun. Der 64 Jahre alte Doesburg, der früher für die sozialdemokratische Partei der Arbeit im Niederländischen Senat saß, kann sich noch gut an andere Zeiten erinnern. Denn Alliander entstand 2009, als der Nuon-Konzern in einen Produktionsteil und einen Netzbetreiber aufgespalten wurde. Mit solchem „unbundling“, also der Trennung von Produktion, Vertrieb und Verteilung, funktioniere der Markt einfach besser.

Aus seiner Zeit bei Nuon kennt er die Versuchungen. Denn natürlich habe der Netzbetreiber alle Kundendaten und ihren Verbrauch, die Kollegen treffen sich und tauschten sich aus, das werde schlimmer werden, je stärker sich intelligente Messgeräte durchsetzen. „Es gibt immer einen Interessenkonflikt zwischen den Handels- und Vertriebsinteressen und den Interessen eines Netzbetreibers“, beschreibt der Manager seine Erfahrungen. Dies sind Argumente, die auch der Berliner Energietisch formuliert, der per Volksentscheid dafür sorgen will, dass der Energieproduzent Vattenfall nicht länger das Berliner Stromnetz betreiben sollte.

Und anders, als es stets die Manager von Vattenfalls Tochter Stromnetz Berlin beteuern, sieht Doesburg sehr wohl Einflussmöglichkeiten des Netzbetreibers auf die Energiepolitik. Nicht jeder dürfe dort einspeisen, was er möchte. „Es ist notwendig, als Netzbetreiber steuern einzugreifen, er hat eine wichtige Machtposition“, so der Alliander-Chef. Das sei entscheidend für die Stabilität im Netz. Auch die Frage, wie Strom erzeugt wird, kann der Netzbetreiber beeinflussen. So arbeitet Alliander in Heinsberg, einer Kreisstadt in der Nähe von Köln, als Betreiber des Stromnetzes daran, Brennstoffzellen als saubere, dezentrale Energiequellen zu verbreiten.

Den Zustand der Berliner Netze hält der Alliander-Chef für verbesserungsfähig: „Die sind nicht überall modern“, sagt er. Dass eine Übernahme der Anlagen durch einen neuen Betreiber, wie von Experten geschätzt, zwei bis drei Milliarden Euro kosten würde, hält Doesburg für absurd. Es könne nur um den Ertragswert gehen, also eine Summe, die aus den von der Bundesnetzagentur genehmigten Renditen zu erwirtschaften ist. Bei einer Laufzeit von 20 Jahren für die Konzession dürfte dieser Wert bei etwa 800 Millionen Euro liegen, rechnet der Alliander-Chef die Kaufsumme – naturgemäß – herunter. Die Niederländer gehen davon aus, dass sich aus dem Netz eine Rendite von sechs bis sieben Prozent ziehen lässt. Nach Berlin wollen sie, weil sie dabei sein möchten, wenn getrieben durch die Energiewende neue Technologien und Methoden entstehen. Alliander brauche mehr Volumen, um diesen Prozess führend mitzugestalten. „Wir wollen unser Know-how international verteilen und erweitern“, sagt Doesberg: „Wir gehen über die Grenzen, weil unser Land für uns ein bisschen zu klein ist.“