Berliner helfen

Hundebesuch im Krankenhaus

Der Verein „Kinderschutzengel“ sorgt für Abwechslung im Alltag der Lichtenberger Klinik

Die Hunde wissen genau, wann ihr Einsatz beginnt. Immer wenn die beiden Ehrenamtlichen Jacqueline Boy und Tamara Rühl ihnen das blaue Geschirr mit der Aufschrift „Kinderschutzengel“ anlegt, beginnen Cujo und Merlin aufgeregt mit dem Schwanz zu wedeln. „Sie freuen sich schon auf die Kinder“, sagt Jacqueline Boy, während sie die beiden Australian-Shepherd-Rüden in den Eingang der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin Lindenhof lotst.

Im zweiten Stock wird das kleine Grüppchen von der Klinik-Pädagogin Juliane Gaensslen begrüßt. Nach einer kurzen Besprechung holt sie vier Jungen aus ihren Zimmern ab. Sie sind zwischen sieben und 16 Jahren alt und müssen einige Tage oder Wochen in der Kinderklinik in Lichtenberg verbringen. Zwei Jungen wurden vor wenigen Tagen operiert, die beiden anderen leiden an Diabetes. Neugierig betrachten die Jungs die beiden Hunde. „Ist der eine auf einem Augen blind?“ fragt der 13jährige Yannick. „Nein, Er hat einfach nur ein blaues und ein grünes Auge“, lacht Jacqueline Boy. „Wenn man genau hinsieht, dann sieht man auch einen grünen Punkt in dem blauen Auge. Wahrscheinlich hat die Farbe einfach nicht für beide Augen gereicht.“ Die Jungen lachen und beginnen die Hunde vorsichtig zu streicheln. „Sind das Geschwister?“ wollen sie wissen. Jacqueline Boy berichtet, dass die Hunde im Abstand von vier Monaten geboren wurden und von der selben Züchterin stammen. Sie sind so genannte Therapiehunde. Auf ihre Aufgabe, kranke Menschen in Kliniken oder Pflegeheimen zu besuchen, wurden sie monatelang vorbereitet.

Leckerlis und Streicheleinheiten

Während sich Tamara Rühl mit Hund Merlin in eine Ecke des Raumes setzt, darf Cujo ein paar Kunststücke zeigen. „Cujo ist besonders schlau“, sagt Jaqueline Boy. „Unser Merlin ist dagegen ein ganz Verschmuster.“ Sie verteilt kleine Stückchen mit Trockenfutter zwischen den Füßen der Jungen. Der Hund beobachtet sie dabei aufmerksam und rührt sich nicht. Erst als sie gemeinsam mit den Kindern lautet „Okay!“ ruft, schnappt sich Cujo blitzschnell seine Leckerli. Danach gibt er auf Kommando Pfötchen, rollt sich auf dem Boden und winkt mit der Pfote. Die Kinder loben, streicheln ihn und verteilen Futter. Stefan, mit sieben Jahren der jüngste in der Runde, strahlt über das ganze Gesicht. Anschließend ist Merlin an der Reihe.

Die 20jährige Tamara Rühl, die seit Anfang des Jahres die Einsätze in den Kinderkliniken begleitet, führt den Hund zu den Jungen. Der Rüde ist, genau wie es seine Besitzerin verraten hat, nicht ganz so konzentriert bei der Sache wie Cujo. Dafür ist er sehr zutraulich und lässt sich gerne und ausgiebig streicheln.

Vor gut acht Jahren hat Jacqueline Boy, selbst Mutter von zwei Kindern, den Verein „Kinderschutzengel“ e.V. gegründet. Anlass war die Geiselnahme von Beslan, bei der mehr als 330 Menschen, viele von ihnen Kinder, starben und Hunderte weitere verwundet wurden. Sie sammelte bei Unternehmen und Schulen Kuscheltiere, Puppen, Sportschuhe und Kinderkleidung ein. Die Aktion wurde ein voller Erfolg: 500 Geschenkpakete wurden Weihnachten 2004 von dem Logistikunternehmen DSL nach Beslan befördert. Jacqueline Boy organisierte für einige schwerkranke Jungen und Mädchen in Deutschland medizinische Versorgung. „Doch bei einer einzigen großen Operation kommen schnell Kosten von 30.000 Euro und mehr zusammen. „Dann habe ich gemerkt, dass es auch hier in Berlin genug Kinder gibt, die Hilfe brauchen,“ erzählt sie.

Monatelange Ausbildung

Also begann sie einen umfangreichen Besuchsdienst für Kinderkliniken zu organisieren. Die ehrenamtlichen Mitglieder – viele von ihnen haben medizinische oder soziale Ausbildungen - besuchen kranke Kinder am Klinikbett oder Zuhause. Sie kümmern sich auch um die Geschwisterkinder, für die in akuten Krankenheitsphasen oft viel zu wenig Zeit bleibt. Das Ziel ist, den Kindern und ihren Familien ein paar schöne Stunden zu bereiten und sie dabei den Krankenhausalltag vergessen zu lassen.

Seit Anfang des Jahres bietet der Verein den Besuchsdienst mit den Hunden an, der bei den Kindern besonders gut ankommt. „Eigentlich war das gar nicht meine Idee. Die Züchterin, bei der ich die Hunde gekauft habe, erzählte mir, dass die Rasse Australian Shep besonders gut als Therapiehund geeignet ist. Sie fragte mich, ob ich nicht noch einen Besuchsdienst mit Hunden anbieten will“, berichtet Jacqueline Boy, die den Vorschlag sofort großartig fand. Die Ausbildung der Hunde dauerte insgesamt sechs Monate. Therapiehunde müssen exakt Anweisungen befolgen und vor allem dürfen sie sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Behinderte Menschen können ihre Bewegungen oft schlecht koordinieren, machen schnelle ausladende Gesten. Geistig behinderte und demente Menschen schreien oder weinen mitunter plötzlich los. „Dass die Hunde in solchen Situationen ruhig und ausgeglichen bleiben, ist ihre größte Leistung“, findet Jacqueline Boy.

Die Hundebesitzerin redet deshalb gern davon, dass die Hunde „arbeiten“. Nur die Größe von Cujo und Merlin wird mitunter ein Problem. „Wir besuchen auch Kinder, die im Rollstuhl sitzen und im Bett liegen müssen. Ihnen würden wir die Hunde gerne auf den Schoß setzen, aber das geht nicht“, sagt sie. Seit einigen Monaten gehören deshalb zwei Hündinnen der kleineren Rasse Toy Australian Shepherd zu ihrer Familie. Noch sind die „Mädels“, wie Jacqueline Boy sie nennt, in der Ausbildung. In einigen Wochen werden auch sie bei den Klinikbesuchen dabei sein.