Urteil

Schule geschwänzt: Neun Monate Haft für Mutter

Gericht setzt Strafe zur Bewährung aus. 17-Jähriger blieb Unterricht 1000 Tage fern

Renata P. sitzt auf der Anklagebank mit einem Gesichtsausdruck, als verstünde sie die ganze Aufregung nicht. Sie wirkt selbstbewusst. Greift, als Richterin und Staatsanwältin den Verhandlungssaal im Moabiter Kriminalgericht betreten, schnell noch zum Handy, um es auf lautlos zu stellen. Dabei leuchten ihre grell lackierten Fingernägel. Die Jugendrichterin wird die 44-jährige Hausfrau am Ende zu neun Monaten Freiheitsstrafe verurteilen, ausgesetzt auf Bewährung. Renata P., heißt es in der Urteilsbegründung, habe für ihren Sohn Lorenzo äußerst grob ihre Fürsorge- und Erziehungspflicht verletzt. Warum es so kam, bleibt offen. Renata P. machte von ihrem Schweigerecht Gebrauch.

Auch Sohn Lorenzo P. machte keine Angaben. Der korpulente junge Mann, den Zeugen aus der Schule als nett und umgänglich beschreiben, ist Täter und Opfer zugleich. Den Nachrechnungen des Schulamtes zufolge hat der heute 17-Jährige in den zurückliegenden Jahren mehr als 1000 Tage die Schule geschwänzt. Das begann schon in Ludwigshafen (Rheinland-Pfalz), wo Lorenzo eine Grundschule mit dem „Förderschwerpunkt Lernen“ besuchte, oder besser: besuchen sollte. Im Schnitt fehlte der stämmige Junge – er ist das jüngste von fünf Kindern – hier 100 Tage pro Schuljahr. Seine Mutter soll auf Nachfragen und Mahnungen der Schule, für einen regelmäßigen Schulbesuch des Sohnes zu sorgen, nicht reagiert haben. In der Konsequenz bekam sie von der Stadt Ludwigshafen zwischen Juni 2005 und April 2009 zwölf Bußgeldbescheide. Dabei handelte es sich um Summen von rund 500 Euro. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die alleinerziehende Hartz-IV-Empfängerin davon ohnehin nur den geringsten Teil bezahlte.

Im Januar 2010 zog die Familie P. von Ludwigshafen nach Reinickendorf. Renata P. begründete das lapidar damit, dass ihr die Hauptstadt gefallen habe. Vielleicht war es auch ein bewusster Neuanfang. Renata P. ist mehrfach vorbestraft, zumeist wegen Diebstählen. Die Schulpflicht ihres jüngsten Sohnes nahm sie aber weiterhin nicht ernst.

Eine als Zeugin geladene Mitarbeiterin des Schulamtes berichtete, dass sie Renata P. wegen der Schulpflicht des Sohnes mehrfach angeschrieben und auch Unterstützung bei der Suche nach einer passenden Schule angeboten habe. Anfang Juni reagierte Renata P., und der Junge wurde in Reinickendorf in einer Förderschule aufgenommen.

Überdurchschnittlich intelligent

Lorenzo P. sei anfangs getestet worden, gab der Schuldirektor vor Gericht zu Protokoll. Der Junge habe einen überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten. Nicht ganz so erfolgreich habe ein sprachbezogener Test geendet, hier erreichte der Schüler nur ein unterdurchschnittliches Ergebnis. Was auch wenig verwunderlich ist. Seine in Polen geborene Mutter spricht bis heute nur gebrochen Deutsch. „Er ist ein paar Tage da gewesen, hat dann aber auch schnell wieder gefehlt“, sagte der Schulleiter. Im Grunde habe sich nahtlos fortgesetzt, was in Ludwigshafen begann. Nachfragen bei der Mutter hätten nichts gebracht. Das sei sehr bedauerlich. Auch weil es für Lorenzo im Vergleich zu anderen Schülern ganz andere Möglichkeiten gegeben habe, so der Direktor. „Der Junge hätte auf jeden Fall einen berufsorientierten Abschluss geschafft.“

Auch eine Sozialarbeiterin, die für die Schule arbeitet, war von Lorenzo P. angetan. Es sei „wegen seines freundlichen Wesens sehr einfach gewesen, mit Lorenzo in Kontakt zu kommen“. Und wenn er eine Aufgabe verstanden habe, „konnte er sie auch umsetzen. Aber dann fehlte auch wieder die Ausdauer.“ Sie umarmte Lorenzo P. und blickte kopfschüttelnd zur Mutter, bevor sie das Gerichtsgebäude verließ.

Im Briefkasten von Renata P. landeten wegen der Schulschwänzereien auch in Berlin Bußgeldbescheide. Zweimal wurde Lorenzo P. von der Mitarbeiterin des Schulamtes und Polizisten morgens zu Hause abgeholt und in die Schule geschafft. Am 18. Februar 2012, sagte die Zeugin, seien die beiden beim ersten Versuch gerade einkaufen gewesen. Als sie nach einer Stunde erneut erschienen, sei ihnen Lorenzo P.schon auf der Treppe entgegengekommen. „Wir haben ihm gesagt, er solle seine Schulsachen mitnehmen, aber er hatte gar keine“, erinnerte sich die Zeugin.

Mit Polizei zur Schule gebracht

Das wirkte aber nicht lange. Lorenzo P.kam am 19. Februar noch einmal freiwillig zur Schule, blieb ihr fortan aber wieder fern. Beim zweiten erzwungenen Schulbesuch am 14. März 2012 lagen Mutter und Sohn noch im Bett, als die Schulamtsmitarbeiterin vor der Wohnungstür stand. Aber auch diese Maßnahme zeigte keine Wirkung.

Renata P. wirkte nach den Zeugenaussagen und den Vorwürfen der Anklagevertreterin – „es geht hier um einen massiven Rechtsbruch“ – irgendwie bockig. In dieser Haltung blieb sie auch, als das Urteil begründet wurde. „Sie hätten einen feinen Jungen haben können, das haben Sie ihm verbaut“, sagte die Richterin. Dabei müsste sie als Analphabetin eigentlich am besten wissen, wie nachteilig sich das für das weitere Leben auswirken kann. „Lorenzo wird immer verschleiern müssen, dass er nicht richtig lesen und schreiben kann.“ Er habe jetzt im Grunde nur noch die Chance, Hartz-IV-Empfänger zu werden. Er habe „nie gelernt, dass man durch intellektuelle Leistungen im Leben etwas erreichen kann. Und er wird das an seine Kinder auch nicht weitergeben können“, sagte die Richterin. Als Erfolg könne nur betrachtet werden, dass Lorenzo P. noch nie straffällig geworden sei. „Er hätte unter diesen Bedingungen ja auch ein Klaukind werden können.“

Renata P. kündigte sofort an, gegen das Urteil in Berufung zu gehen. Vor der Tür des Saales lamentierte sie, dass sie ungerecht behandelt worden sei und die Zeugen gelogen hätten. Ihr Sohn leide an Bluthochdruck. Es gibt dafür tatsächlich ein Attest. Ausgestellt vor einigen Jahren. Und nur als Hinweis für den Sportunterricht, bei dem Lorenzo nicht über Gebühr belastet werden dürfe.