Gewalt

„Ja, ich fühle mich sicher hier“

In Hellersdorf wird seit Tagen gegen und für ein Flüchtlingsheim demonstriert. Jetzt meldet sich ein Bewohner zu Wort

Der Mann, der in dieser Situation einen mutigen Schritt nach vorn wagt, trägt Badelatschen. „Mein Name ist Winnie“, sagt er und schaut dabei in die Kamera des Ersten Deutschen Fernsehens. Er erzählt auf Englisch, dass er aus Afghanistan geflohen ist, Hindu sei und kein Moslem, dass er in seiner Heimat einen Laden besessen habe und gut koche, dass er Deutsch lerne und froh sei, dass er es mit seiner Familie nach Deutschland geschafft habe. Er sagt noch: „Ja, ich fühle mich sicher hier.“

Es ist eine Geschichte, wie sie wohl viele Flüchtlinge erzählen könnten, die hier in Berlin leben. Aber sie schauen selten in so viele Kameras wie dieser Mann, der am Nachmittag vor die Tür des Flüchtlingsheimes in Hellersdorf tritt. Die Medien sind hier, weil sich seit Anfang dieser Woche dieses Heim in einer Art Belagerungszustand befindet. Sogar eine indische Zeitung berichtet bereits über rassistische Angriffe auf die 40 Flüchtlinge, die hier eingezogen sind.

Längst hat sich die Plattenbausiedlung zu einer gewaltigen Bühne entwickelt. Für unverhohlen Rechtsradikale. Für Menschen, die Flagge zeigen gegen Fremdenhass. Die Spenden vorbeibringen oder Spielzeug für die Kinder. Aber auch für Aktivsten, die sich gern in den Medien inszenieren. Dazwischen: viele verunsicherte Anwohner.

Fast unsichtbar bleiben dabei die Flüchtlinge. Viele haben die Vorhänge der Fenster am schmucklosen Haus zugezogen. Der Aufpasser einer Sicherheitsfirma erzählt, die Bewohner hätten Probleme zu unterscheiden, wer aus der Meute da draußen nun gefährlich sei. Vor allem nachts, wenn hier einige Vermummte herumlaufen. Dann kann auch die Menge an Journalisten bedrohlich wirken. Man hört, dass zwei Flüchtlinge aus Angst wieder in das Heim zurückgekehrt sind, aus dem sie kamen.

Respektvoller Abstand

Winnie, der aus Afghanistan geflohen ist, um in Deutschland in Frieden zu leben, hat für einen Moment den Druck aus dieser verkanteten Situation genommen. Mit seinem Aufritt gibt er den Flüchtlingen ein Gesicht und erinnert daran, worum es auch hier in Hellersdorf eigentlich geht: Dass mehr Menschen aus Krisenregionen nach Deutschland flüchten. Dass man Unterkünfte für sie braucht, dass sie auf Akzeptanz ihrer Nachbarn angewiesenen sind. Dass man nicht vergessen darf, sich ihre Geschichten anzuhören. Winnie sagt, dass es ihm gut gehe hier. Solche Aufregung erlebe er erstmals, seit er im April ankam.

Doch auch in anderen Bezirken der Stadt und im ganzen Land gibt es Proteste gegen Flüchtlingsheime. Einige der Sicherheitsleute hier haben schon viel Erfahrung mit Protesten. Dennoch, in der Hellersdorfer Siedlung sind die Bilder eindringlicher als anderswo. Hier hängen nur Wahlplakate von zwei Parteien: Die der NPD und daneben die der Linken, mit dem Slogan „Nazis raus aus den Köpfen“. Und ja, man trifft Anwohner in Jogginghosen die sagen, ihr Kumpel habe bei den Protesten gar keinen Hitlergruß gezeigt. Er habe nur seinem Kind zugewinkt. Doch es zeigt sich schnell, dass nur ein kleiner Teil der Anwohner so denkt. Den meisten geht es darum, dass sie gehört werden.

Katrin Ra schaut aus dem Fenster im Haus gegenüber. Sie war mit einem Ägypter verheiratet und weiß, welche Sorgen er sich derzeit um seine Heimat mache. Sie erzählt, dass nach der Wende vor ihrem Fenster eine Kindertagesstätte abgerissen wurde und schließlich auch die Schule zumachte, in deren Gebäude nun das Heim ist. All das habe man erst erfahren, als die Bauarbeiter anrückten. Sie erzählt die Geschichte einer Gegend, die sich zuweilen nicht ernst genommen fühlt von der Regierung. Sie hätte sich gewünscht, dass man erst mit den Bürgern gesprochen hätte, bevor das Heim eröffnete. Allerdings sagt Frau Ra auch: Wirklich willkommen seien die Flüchtlinge erst, wenn sie arbeiten würden. Sie verschweigt, dass viele Flüchtlinge laut Status gar nicht arbeiten dürfen.

Am Ende der Straße haben die Unterstützer ein Camp aufgebaut, ausgerüstet mit Süßigkeiten und Limonade. Sie verstehen sich auch als Beschützer, aber sie wollen nicht direkt vor dem Heim campieren. Solidarität heiße auch: respektvollen Abstand zu wahren. Zwar haben sich inzwischen Bundespolitiker zur Situation hier geäußert. Aber die kennen die Gegend nicht wie Mathias Raudies, der hier steht. Seit Jahren wohnt er in der Nachbarschaft und macht Politik für die Grünen. Ohne Mandat. Er sagt, man müsse Zeichen setzen, aber es wäre falsch zu behaupten, dass viele Hellersdorfer rechtsradikal seien.

Aus Steglitz sind auch Xenia und Paul gekommen, zwei Studenten. Sie haben orangefarbene Blumen mitgebracht, als Geschenk für die Flüchtlinge. Orange, ist das etwa ein Symbol? Im November 2004 wurde eine Revolution in der Ukraine unter orangener Farbe organisiert. Das Mädchen sagt: „Nein, ich finde sie nur schön.“

Die rechtspopulistische Partei „Pro Deutschland“ versucht, das Heim als Symbol zu missbrauchen. An fünf Orten in Berlin sind für Mittwoch Kundgebungen angekündigt, allerdings ohne Erfolg. Am Vormittag versammelten sich in der Nähe des Flüchtlingsheims statt der angekündigten 50 lediglich ein Dutzend Pro-Anhänger. Bei einer Kundgebung vor der Aufnahmestelle für Asylbewerber in Moabit waren es noch acht rechte Sympathisanten. Bei weiteren Kundgebungen an der Warschauer Brücke und an der Rigaer Straße fanden sich dann nur noch eine Handvoll Pro-Anhänger ein. Allerdings flogen hier auch Feuerwerkskörper. Die Zahl der Gegendemonstranten wuchs auf annährend 300. Es gelang ihnen die Parolen der Rechten zu übertönen. 450 Polizisten waren im Einsatz.