Reiseblog

„Zu Hause ist da, wo wir gerade sind“

Die US-Pensionäre Lynne und Tim Martin verkauften ihr Hab und Gut und reisen seit Jahren um die Welt. Jetzt sind sie in Berlin

Das Entsetzen war groß. Den Kindern verschlug es den Atem, die Freunde trauten ihren Ohren nicht, als Lynne und Tim Martin ihnen eröffneten, dass sie ihr Leben verändern wollten – radikal und ohne Kompromisse. Sie hatten beschlossen, sich von allem Besitz zu trennen, um mit leichtem Gepäck die Welt zu entdecken.

Je einen mittelgroßen Koffer und ein Handgepäck für den Laptop gestanden sie sich zu – mehr nicht. Mit Anfang 70 wollten sie in der Welt zu Hause sein, nur noch reisen und in jedem Land, das sie besuchen, ein bis drei Monate verbringen. Inzwischen haben sie neun Länder bereist, Wochen oder Monate in großen Städten in Mexiko, Argentinien, Portugal, Italien, Marokko, Frankreich, der Türkei, England und Irland gelebt. Diesen August verbringen sie in Berlin.

„Home Free Adventure“ nennen sie ihren Aufbruch, und so heißt auch Lynnes Blog bei der „Huffington Post“, mit dem sie anfangs ihre Familie und inzwischen eine stetig wachsende Fangemeinde über ihre Reise auf dem Laufenden hält. Da schwingt mit, was sie seither empfinden – Freiheit.

Besitz war Klotz am Bein

Die Martins sind keine Hippies und sehen nicht aus wie Aussteiger. Einen leichten Hang zur Bohème hatte besonders Tim, wie er sagt, allerdings schon immer. Das gepflegte ältere Ehepaar aus Kalifornien hatte erreicht, was ein erfolgreiches Leben gemeinhin ausmacht. Sie blickten auf interessante Karrieren zurück, Lynne als Inhaberin einer PR-Agentur, Tim als Dichter, Songwriter, Krimiautor und Geschäftsmann. Die vier Töchter lebten in geordneten Verhältnissen. Um ihren Ruhestand in der Nähe der Kinder und sieben Enkel zu genießen, hatte sich das Paar ein großes Haus mit Garten gekauft und mit schönen Möbeln und vielen Erinnerungsstücken gefüllt. Die Aussicht: ein beschauliches Rentnerleben, für den Nachwuchs da sein, Haus und Garten pflegen, hin und wieder eine dreiwöchige Reise. Drei Jahre hielten sie das durch, dann hatten sie genug. Lynne sprach aus, was auch Tim schon länger dachte: War’s das? „Wir sind beide kerngesund, vital und reiselustig, die zehn bis 20 guten Jahre, die wir vielleicht noch haben, sollten wir besser nutzen“, sagt Lynne.

Für Langzeitreisende ist Eigentum ein Klotz am Bein, da waren sie sich einig. Sie handelten schnell und effizient. Verkauften das Haus, verteilten Tafelsilber, Möbel, Erbstücke unter den Töchtern, verkauften oder verschenkten den Rest. Sie digitalisierten ihre Familienalben und Videos und schickten die Erinnerungen in eine Cloud, trennten sich – auch mal schweren Herzens – von geliebten Büchern und Musiksammlungen. Manchmal bekamen sie Angst vor der eigenen Courage, erzählt Lynne. Was, wenn wir das nicht packen? Was, wenn wir als Amerikaner zu intolerant sind, um über lange Zeit mit anderen Kulturen und Lebensstilen umzugehen? Das Aufräumen lenkte ab, und in nur vier Monaten war alles erledigt. Ihre letzten Habseligkeiten – Bett, Kunstsammlung, wichtige Unterlagen, Küchengeräte und Kleidungsstücke – schlossen sie in einen 15 mal zehn Meter großen Lagerraum. Tim, sonst eher zurückhaltend, leuchtet, als er das Gefühl beschreibt: „Das war fantastisch. Wir waren euphorisch und fühlten uns unendlich befreit, übermütig wie Teenager.“ Zweieinhalb Jahre sind sie unterwegs und haben es nie bereut.

Die beiden Weltenbummler sitzen in „ihrer“ 40-Quadratmeter-Altbauwohnung in Moabit und servieren entspannt einen Drink, als sie ihre Geschichte erzählen. Zwei zweckmäßige, gepflegte Zimmer mit einem Hauch von asiatischem Dekor und einer kleinen Terrasse. Eine Mikrowelle haben sie kaufen müssen. Aber daran, dass in Ferienwohnungen nicht immer alles da ist, haben sie sich längst gewöhnt. „Wir haben schon einige Mikrowellen, Wasserkocher und andere Alltagsdinge zurückgelassen“, sagen sie und lachen. „Trotzdem ist es so viel angenehmer als im Hotel, wir richten uns ein, versorgen uns selbst und leben unser Leben so normal wie möglich.“ Das Schöne an dieser Art zu reisen sei die Entschleunigung. „Wir haben keinerlei Besichtigungsdruck, können auch mal ohne schlechtes Gewissen zu Hause abhängen und lesen, einfach durch die Straßen wandern, die Geschäfte erforschen. Und vor allem haben wir die Zeit, Menschen kennenzulernen, was uns am meisten interessiert“, sagt Tim. „Kalifornien bleibt unsere Heimat, aber ,zu Hause‘ ist inzwischen immer da, wo wir gerade sind.“ Spätestens am zweiten Tag, nachdem sie ausgepackt und den Supermarkt gefunden hätten.

Der reine Müßiggang ist das alles längst nicht mehr. Die ganz private Entscheidung der Martins, das für sie Beste aus ihrem Lebensabend zu machen, ist längst so etwas wie eine öffentliche Angelegenheit. Und hat Lynne mit nun 73 eine neue Karriere als Reiseautorin und Ratgeberin beschert. Beide scheinen einen Nerv getroffen zu haben und auszuleben, wovon viele ihrer Generation zumindest träumen. Lynne bekam die Gelegenheit, im „Wall Street Journal“ darüber zu berichten. Danach stieg die Zahl der Leser ihres Blogs und ihrer Facebook-Seite schlagartig von 28 auf mehr als 3500. Sie bekam Angebote von Verlagen und hat gerade ein Buch geschrieben, das im Frühjahr in den USA erscheint. Jede Woche bekommt Lynne nun an die 100 Mails von Menschen, die sie als Vorbild bewundern, Tipps für Reisen oder auch für ein erfüllteres Leben haben wollen. Einige ihrer Fans hat sie schon getroffen. Ein bisschen unheimlich war ihr so viel Aufmerksamkeit anfangs. Denn ein Rollenvorbild wollen weder sie noch ihr Mann sein. „Wir würden niemals jemanden auffordern, es genauso zu machen“, sagen sie. „Aber es gibt viele Möglichkeiten, in Bewegung zu bleiben. Wenn wir andere Menschen ermutigen können, mehr mit ihrem Lebensabend anzufangen, als auf dem Sofa auf das Ende zu warten, finden wir das inzwischen gut.“

Leben im Hier und Jetzt

„Wie finanziert ihr das alles?“, sei eine der häufigsten Fragen. Dabei sei das eine einfache Rechenaufgabe. „Wir verbrauchen nicht mehr, als uns unser Lebensstil in Kalifornien kosten würde. Mit Haus, Reparaturen, Steuern, Versicherungen und allen Verbindlichkeiten“, erklärt Lynne. „Den Rest unseres Geldes haben wir angelegt.“ Tim sei inzwischen Spezialist in der Recherche von günstigen Wohnungen und Transportmitteln. Angst hätten sie nicht mehr. „Wir leben ganz im Hier und Jetzt und ziehen das durch, solange wir können. Es gibt noch so viel, was wir nicht gesehen haben. Und wenn wir nicht mehr reisen können, dann mieten wir uns eben eine kleine Wohnung in den USA.“ Die Martins haben ihre Ansprüche zurückgefahren und sind daran gewachsen. „Wir sind sehr viel toleranter, offener und stressresistenter geworden – es muss inzwischen sehr viel passieren, um uns aus der Ruhe zu bringen“, sagt Tim. Sie fühlten sich verjüngt durch die ständig neuen Erfahrungen und Herausforderungen, auch wenn es manchmal anstrengend sei.

Ihre Kinder haben den ersten Schock längst überwunden. Sie sind stolz auf ihre mutigen Eltern. Ihr Verhältnis hat eine neue Qualität bekommen, und dank der Internettelefonie bleiben sie in Kontakt. „Früher wurden wir als selbstverständlich verfügbar wahrgenommen“, sagt Lynne. „Aber wenn wir jetzt alle acht Monate nach Kalifornien kommen, ist das für alle etwas Besonderes.“