Splashdiven

Vorletzter mit Hämatomen und Prellungen

In Neukölln fand die WM der Splashdiver statt. Ein Teilnehmer berichtet

Splashdiver haben einen Spruch. Er lautet so: „Es tut erst weh, wenn es blutet.“ Sie sagen das, weil Splashdiven, das man auf gut Deutsch auch als Arschbombenspringen bezeichnet, immer wehtut. Ich kann das bestätigen, ich bin auf dem Weg zur Notapotheke. Humpelnd, stöhnend und darüber sinnierend, warum Menschen so was freiwillig machen, kaufe ich mir eine Salbe. Ich habe es auch nur wegen der obersten Reporterregel gemacht: Erlebe es selbst! Tauche in die Story ein!

Ich bin eingetaucht. Bei den Weltmeisterschaften, die im Sommerbad Neukölln stattfinden, habe ich mich für den offiziellen Wettbewerb angemeldet. Eine junge Dame sagt, ich müsse wählen: „Junioren springen vom Fünfer, Senioren vom Zehner.“ Mit zwölf stand ich mal auf einem Drei-Meter-Brett. Ich schaue den Zehn-Meter-Turm hinauf. Der Betonkoloss scheint in der Stratosphäre zu enden. „Junioren, bitte.“

Man muss drei Sprünge angeben und die Figuren, die man springen will. Ich habe keine Ahnung, welche Figuren es gibt, außer der Arschbombe, also frage ich ein paar ziemlich durchtrainierte Jungs, die sich gerade auf einem Trampolin aufwärmen. Sie wollen wissen, ob ich vom Turmspringen komme. „Nein.“ „Bist du überhaupt schon mal gesprungen?“ „Nein.“ Man rät mir zu etwas Einfachem. „Cannonball normal, Cannonball mit Schraube und den Anker.“ Klingt gut. Aber wie zum Teufel soll ich eine Schraube hinbekommen?

Die Kriterien beim Splashdiving sind ähnlich wie beim normalen Turmspringen. Ist die Figur korrekt gesprungen? Wie hoch war der Schwierigkeitsgrad? Hat es bei der Eintauchphase ordentlich gespritzt? Okay, das ist schon anders als beim Turmspringen. Dort gewinnt, wer möglichst elegant eintaucht; je sanfter, desto besser. Hier punktet man, wenn das Becken überschwappt. Splashdiver haben eine kindliche Lust am Extremen. Christian „Elvis“ Guth, der Organisator der WM, ist im April vom Hubschrauber in ein Becken gehüpft. Aus 43 Metern Höhe. Mit Arschbombe. Dass der Sprung schiefging, sieht man jetzt noch. Eine lange Narbe zieht sich quer über Guths Rücken. Die Ärzte entfernten ihm eine Bandscheibe. „Ich hätte auch gelähmt sein können“, sagt er. Springt er wieder? „Ja, klar. Ich muss!“

Der Wettbewerb geht los. Guth schreit meinen Namen ins Mikrofon, aus großen Boxen dröhnt Hip-Hop-Musik. Ich stehe oben auf dem Turm. Das Publikum will von mir den Cannonball sehen, die einfache Arschbombe. Der Flug dauert nur eine gute Sekunde, aber nach Zweizehnteln merke ich, dass das hier nichts wird. Wie ein abgeschossener Spatz verliere ich das Gleichgewicht, schlage auf der Seite auf. Die Kampfrichter geben mir im Schnitt eine 4,5. Anfängerbonus. Meine anderen Sprünge werden auch nicht besser, aber ich bringe sie runter. Prellungen und Hämatome inklusive. Als ich mich von der Apotheke nach Hause schleppe, kommt mir das Ergebnis in den Sinn. Ich bin Vorletzter geworden. Keine Ahnung, warum.