Rendezvous mit einem Doktorfisch

Das Aquarium Berlin ist 100 Jahre alt. Unsere Reporterin lebt seit Jahren in Berlin und besucht es jetzt zum ersten Mal

In der dritten Etage wird es kribbelig. Wer das mag, kann hier endlich mal neben einer Vogelspinne sitzen. Ein zwei Hände großes Guckloch in einer Holzbank lässt die Sicht auf die eine Hand große Tarantula zu. Spätestens jetzt ist klar: Das Aquarium Berlin hat wesentlich mehr zu bieten, als sein Name verrät. Statt nur Wasser und Fisch gibt es hier auch Terrarien, Amphibien, Insekten und Reptilien. Und vor allem: schwarz, pelzig und vielbeinig. Die Spinne neben mir sitzt auf einer halben Kokosnuss. Ihr Napf ist leer.

„Voll gemein, die hat ja gar keinen Platz, ey“, sagt eine etwa 14-Jährige im Vorbeigehen. Und ich nicke.

„Voll gemein, die haben ja gar keinen Platz, ey“ – so in etwa lautet auch meine grundsätzliche Haltung zu Zoos, weswegen ich es in mittlerweile sieben Jahren Berlin noch nie in den Zoo – und somit auch nicht in das traditionsreiche Zoo-Aquarium – geschafft habe. Dieses Jahr aber wird das Aquarium hundert Jahre alt. Und der Zoo feiert den Geburtstag der rund 13.000 Tiere beherbergenden Institution am Sonntag mit Torte, Bühnenprogramm und Aktionsständen. Eigentlich, so stelle ich fest, muss man ja mal da gewesen sein.

Meine ursprüngliche Vorstellung, mich hier vor großen Glasscheiben, bei optimaler Beleuchtung, ohne Risiko und vor allem trocken der Illusion hingeben zu können, ich sei in ein Korallenriff getaucht, zerschlägt sich aber relativ schnell. Das Aquarium ist randvoll mit Besuchern gefüllt, es ist schwül, irgendwo weint immer ein Kind, und irgendwo wird immer gerade fotografiert. Der Besucher steht hier nicht Auge in Auge mit einem Hai, er schiebt sein Handy dazwischen. „Das wird voll das coole Hintergrundbild“, brüllt eine Grundschülerin, bevor sie eine gepunkteten Wurzelrundqualle aus dem Indischen Pazifik fotografiert: „Die sieht aus wie ein schwimmender Blumenkohl.“

Der sanfte Direktor

Dass die Bewohner des Aquariums vor allem als Fotomotiv genutzt werden, ist auch Noch-Zoodirektor Bernhard Blaszkiewitz aufgefallen. Pünktlich zum Geburtstag des Hauses hat er ein Buch zu dessen Geschichte veröffentlicht. „Auf der Vorderseite“, erklärt er am Mittag in der Cafeteria, „sind Besucher mit Zylinder und Zooführer zu sehen. Das ist die Vergangenheit. Auf der Rückseite haben wir die Moderne. Da hält der Besucher ein Handy in der Hand.“

Gerade erst hatte der Aufsichtsrat beschlossen, den Vertrag des als schwierig geltenden Zoodirektors nicht weiter zu verlängern, um mit einem Neuen Modernisierungen vornehmen zu können. Und gerade erst hatte Blaszkiewitz bekannt gegeben, dass er vor Juni 2014 nicht abdanken werde, und damit erneut für Kritik gesorgt. Nun aber ist Partystimmung angesagt, und der Noch-Direktor steht in der mit Senioren gefüllten Cafeteria des Aquariums und referiert über die ehemaligen Direktoren des Hauses.

Werner Schröder, lehrt er sein Publikum, Chef des Aquariums nach dem Zweiten Weltkrieg, sei ein Sanfter gewesen. „Er hat das Haus mit Seele erfüllt und sich nie aufgeregt“, sagt Blaszkiewitz: „Es sei denn, es waren irgendwo mal Spinnweben.“ Er selbst habe als Kind Schröder bewundert. Schließlich sei dieser sogar mal mit Schlangen im Handgepäck in ein Flugzeug gestiegen. „Eine Persönlichkeit, ein Original“, schwärmt er. Und plötzlich scheint ein großer Elefant im Raum zu stehen, den keiner anspricht. Denn wie wird wohl der 150. Geburtstag des Aquariums aussehen? Wird einer seiner Nachfolger auch über Blaszkiewitz sagen, dass er den Zoo „mit Seele erfüllt und sich nie aufgeregt“ habe?

Während man sich das fragt, erklärt der Zoochef, dass ein Quallen-Pfleger rund um die Uhr im Aquarium bleiben muss, weil Quallen auch nachts Betreuung brauchen. Und dass die Krokodile, die bei der Zerstörung des Aquariums während des Zweiten Weltkrieges gestorben sind, danach zu Krokodilschwanzsuppe verarbeitet wurden. Blaszkiewitz sagt, er finde es wichtig, wenn von verzehrbaren Tieren die Rede sei, auch immer über deren Geschmack zu sprechen.

Führend in der Quallenzucht

Wieder im Aquarium, lasse ich mir eine große grüne Gespensterschrecke aus Asien auf den Arm setzen und werde dabei – natürlich – fotografiert. Wenig später stelle mich vor ein Korallenriff und werde von einem Gelbklingen-Doktorfisch angeschwommen. Das ermutigt mich, mit ihm im Gleichtakt den Mund zu öffnen und zu schließen. Wir machen das eine Weile. Bis der Fisch kommentarlos wegschwimmt.

In offenen Aquarien sehe ich zwei Wochen alte Quallen (so groß wie ein Centstück) und zwei Tage alte Quallen (kaum sichtbar) und lerne: Das Berliner Aquarium gehört weltweit zu den führenden Quallenzucht-Einrichtungen. Ein freundlicher Pfleger ermutigt mich, sie anzufassen. „Aber die sind doch elektrisch“, gibt ein kleiner blonder Junge neben mir zu bedenken: „Da kriegst du einen elektrischen Schock.“ Viele der Tafeln habe ich bei meinem Jungfernspaziergang durch das Aquarium nicht gelesen. Die Kommentare der zahlreichen Kinder um mich herum schienen mir unterhaltsamer.

Am Ende, so verlangt es der Job, muss dann noch ein Foto von mir geschossen werden. Ein Pfleger erklärt: „Fotos an sich sind kein Problem. Nur bei den Haien darf man nicht blitzen. Die würden sich zu sehr erschrecken und dann sterben.“ Sollte die Entwicklung mit den Fotohandys also weiterhin so rasant voranschreiten, dürfte man beim 150. Geburtstag des Aquariums vermutlich die eine oder andere Geschichte über zunehmenden Verzehr von Haifischflossensuppe im Aquarium hören. Vielleicht bin ich ja dann noch mal dabei.