Debatte

Die dunkle Vergangenheit der Grünen

Eine Schrift aus der Anfangszeit der Berliner Partei verteidigt Kindesmissbrauch durch Pädophile

Jochen Esser hat diese Debatten bei Grünen-Parteitagen nicht vergessen. „Da standen Männer und Kinder auf dem Podium“, sagte er, „und verteidigten ihre sexuelle Beziehung.“ Das sei für ihn schon damals schwer erträglich gewesen, und er habe sich auch mit anderen Mitgliedern der Grünen darüber sehr aufgeregt. Das müsse man doch abgrenzen von der Beziehung, die zwei Erwachsene haben. „Aber heute muss ich damit leben“, sagte Esser weiter, „dass ich damals auch nichts gesagt habe oder sogar zu den Behörden gegangen bin.“ Er hätte das eigentlich tun müssen, das weiß er. Damals sei man eben noch staatsfern gewesen, die Grünen misstrauten den alten Institutionen.

Die aktuelle Debatte über die Entstehungsjahre der Grünen und ihren Umgang mit Pädophilen während dieser Zeit hat seit diesem Wochenende einmal mehr die Parteizentrale der Berliner Grünen erreicht. Im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ wird eine Streitschrift aus dem Jahr 1980 der damaligen West-Berliner Alternativen Liste (AL) zitiert. Aus dieser Gruppierung sind 1993 die Berliner Grünen entstanden. Diese 32-seitige Schrift hat den Titel „Ein Herz für Sittenstrolche“ und werde, so das Magazin, noch heute häufig zitiert, wenn Pädophile für ihre Sexualität öffentlich auftreten. Darin auch der Satz, der die Ursache für sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern „in der Mehrheit der Fälle beim Kind“ sieht.

Der Generalsekretär der CDU Berlin, Kai Wegner, erklärte sich „fassungslos“ über die Versäumnisse der Berliner Grünen beim Umgang mit früheren pädophilen Aktivisten in den eigenen Reihen. „Das Bedürfnis von Kindern nach Schutz und Zuwendung schamlos auszunutzen, ist unerträglich“, sagte er und forderte daher umgehend rückhaltlose Aufklärung, absolute Transparenz sowie personelle Konsequenzen. „Solange hier keine Fakten geschaffen werden, sind die bisherigen Distanzierungsversuche nichts als billige Lippenbekenntnisse.“

Falsch verstandene Toleranz

Bettina Jarasch, die Landesvorsitzende der Grünen in Berlin, reagierte am Sonntag gelassen auf den Spiegelbericht. Sie kenne diese Schrift bis heute nicht, doch sie verändere auch nicht diese bereits seit mehreren Jahren geführte Debatte. Schon seit dem Jahr 2010 setze sich die Partei sehr transparent und selbstkritisch mit diesem Kapitel der Parteigeschichte auseinander. „Die Personen, um die es geht, sind schon seit sehr Langem nicht mehr in unserer Mitgliederkartei drin“, sagte sie, „und viele von ihnen leben auch nicht mehr.“ Es stimme, dass einige Pädophile bei Sitzungen ihre Meinung geäußert hätten und die Grünen aus einer falsch verstandenen Toleranz heraus diese geduldet hätten. Als Mutter von zwei Kindern und gläubige Katholikin versichere sie, dass sie nicht zu falsch verstandener Toleranz neige.

Wie diese Toleranz ausgesehen hat, daran kann sich der 62-jährige Jochen Esser noch genau erinnern. „Aber es gab eben damals so etwas wie eine schrankenlose Diskussion“, sagte er. „Wir dachten, man muss doch über alles reden können.“ Das betraf natürlich die Homosexualität, das betraf Sex vor der Ehe, die Stellung der Frau und ging eben auch so weit, mit Pädophilen ganz offen über ihre Neigungen zu sprechen.

Im Zuge der Abschaffung des Homosexuellen-Paragrafen 175 hatten die Pädophilien damals den Wunsch, auch die Paragrafen 174 und 176 zu überarbeiten, die Missbrauch von Kindern und Jugendlichen unter Strafe stellen. „Uns war damals unklar, wie man damit umgehen sollte“, sagte Esser. Das blieb auch in der Berliner Partei noch eine ganze Weile so, wie Thomas Birk weiß, der sich bei den Grünen intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt hat. „Als ich im Jahr 1992 der Partei beitrat, habe ich noch die letzten Mohikaner der Pädophilen-Truppe getroffen“, sagte er. „Aber schon drei Jahre später war keiner von denen mehr da.“

Auch er habe diese „Streitschrift“ nicht gekannt, will sich aber nicht den Vorwurf gefallen lassen, schlecht recherchiert zu haben. „Wir haben für den Beschluss von 2010 zu dieser Frage wirklich alles ausgewertet, was ausgewertet werden muss.“ Hätte er dieses Schreiben gekannt, hätte er wohl in dem Beschluss noch eine Entschuldigung bei den möglichen Opfern dieser falschen verstandenen Toleranz angefügt. „Aber wir konnten nichts finden, von dem wir nichts wussten.“ Es habe sehr viele Schriften in den 80er-Jahren gegeben. „Die Grünen wollten damals zum Beispiel auch die Ehe abschaffen“, sagte er. Davon sei heute auch keine Rede mehr. Die Grünen-Landesvorsitzende Bettina Jarasch geht davon aus, dass nicht noch mehr Dokumente zu diesem Thema auftauchen werden.