Eröffnung

Bilder und Filme neben dem Leichentisch

Im Krematorium Wedding eröffnet die erste Galerie

Der letzte Weg endete in einem weiß gefliesten Keller. Selbst an einem dieser Sommertage ist es in den halbdunklen Gängen kalt und feucht, es riecht modrig. An einer Wand steht noch ein chromglänzender Leichentisch. Er kam schon lange nicht mehr zum Einsatz. Im Jahr 2001 war die letzte Einäscherung im Krematorium Wedding an der Gerichtstraße. Dann wurde das Krematorium stillgelegt. Jetzt halten die Kunst und vor allem das Leben Einzug an diesem besonderen Ort, der Ähnlichkeiten mit einer Tempelanlage hat.

Den Anfang macht der Galerist Patrick Ebensperger. Er eröffnet am 20.September in der Westhalle Ausstellungsräume für zeitgenössische Kunst. Auf fast 1000 Quadratmetern, verteilt über zwei Etagen, zeigen 14 internationale Künstler ihre Werke verschiedener Genres – von Malerei und Skulptur bis zu Video und Film. „Die neuen Räume schaffen eine einzigartige Atmosphäre, in der Künstler, Kunstinteressierte und Sammler den Dialog nicht nur miteinander, sondern auch über die sie umgebende Architektur führen können“, sagt Patrick Ebensperger. Tatsächlich erinnert das Krematorium mit seinen Stuckelementen, geschmiedeten Geländern und Toren, hohen Hallen und Fenstern im gotischen Stil weniger an einen Industrie- als an einen Sakralbau.

2012 hatte das Land Berlin das Krematorium verkauft. Neue Eigentümer sind die Filmemacher und Projektentwickler Jörg Heitmann, 48, und Frank Duske, 45. Sie sind die Geschäftsführer der „silent green Kulturquartier GmbH“, mit der sie den Standort zu einem Kultur- und Kreativcampus ausbauen wollen. Grüne Stille – der Name sei bewusst gewählt, sagt Frank Duske. Er passe zu dem Ort mit dem 2000 Quadratmeter großen Garten und dem Friedhof nebenan. Und stille Nutzer wollten sie auch künftig sein, mit Galerien und Kunst.

Bis zum Sommer 2014 sind die neuen Besitzer mit der Sanierung der einzelnen Gebäudeteile beschäftigt. Heizung, Elektrik, Wasser – alles muss modernisiert oder erst eingebaut werden. Die 400 Quadratmeter große Osthalle, in der sich auch die ehemalige Feierhalle befindet, soll zum Veranstaltungsort für 200 bis 300 Besucher umgebaut werden. Lesungen und Symposien kann sich Frank Duske dort vorstellen, aber auch Events und Festivals. Er will die Halle mit einem eigenen Programm bespielen, aber auch an andere Veranstalter vermieten. In den oberen Etagen sollen Büros für Start-ups und Kreative entstehen.

Auf dem Gelände gibt es aber noch einen geheimnisvollen Ort: eine 1300 Quadratmeter große, unterirdische Halle. Um nicht mit dem Grundwasser in Berührung zu kommen, wurde in das Erdreich eine sogenannte weiße Wanne mit mehr als sechs Meter hohen Wänden eingelassen. Sie wurde erst vor etwas mehr als zehn Jahren fertiggestellt und sollte als Leichenhalle im Katastrophenfall genutzt werden, so zum Beispiel bei ansteckenden Seuchen wie Ehec oder der Maul- und Klauenseuche, aber auch im Fall eines Flugzeugabsturzes.

Obwohl einige kleine Glaspyramiden im Garten einen Schimmer nach unten leiten, gibt es dort kein Tageslicht. „Die Halle ist sehr groß und nicht teilbar“, sagt Projektentwickler Frank Duske. Aus diesem Grund wäre sie für eine private Sammlung perfekt, aber auch für Unternehmen wie Plattenlabel, Filmproduktionsfirmen oder Unternehmen aus dem Bereich Design.