Interview

„Die Sanierung von Steglitz wird teurer“

Der Chef der Charité Karl Max Einhäupl hat gerade seinen Vertrag verlängert. Er rechnet für dieses Jahr insgesamt mit einer „schwarzen Null“

Gut gelaunt kommt Karl Max Einhäupl in sein Büro. Der Vorstandschef der Charité hat gerade seinen Vertrag um fünf Jahre verlängert und gönnt sich ein paar Tage Urlaub, den er für ein Interview mit Joachim Fahrun kurz unterbricht.

Berliner Morgenpost:

Herr Professor Einhäupl, Ihr Vertrag ist jetzt um fünf Jahre verlängert worden. Sind Sie jetzt freier in Ihrem Auftreten?

Karl Max Einhäupl:

Ich habe meine strategischen Entscheidungen immer unabhängig davon getroffen, wie lange ich im Amt bin. Aber um Entscheidungen umzusetzen, ist es natürlich wichtig, dass man eine Perspektive hat.

Haben Sie mal überlegt aufzuhören? Andere Leute gehen mit 66 Jahren in den Ruhestand.

Ich habe ja die letzten fünf Jahre nicht nur „gelitten“. Es war auch erfolgreich, dann macht so eine Aufgabe Spaß. Ich gehe davon aus, dass wir auch in den nächsten fünf Jahren erfolgreich sein werden. Das wird sicher noch schwieriger werden als in den letzten fünf Jahren. Aber die Charité hat eine enorm positive Entwicklung genommen. Sie ist die Nummer eins in Deutschland, und wir haben unser Ziel, in der Wissenschaft zu den Top fünf in Europa zu gehören, bald erreicht. Die Charité ist wichtig für Berlin, sie ist aber auch wichtig für Deutschland. Mit dem neuen Berliner Institut für Gesundheitsforschung werden wir weiter in die europäische Spitze vorstoßen.

Warum wird es noch schwieriger? Sie haben doch in der Vergangenheit schon so harte Sparrunden gefahren.

Wir haben zunächst einmal eine riesige Bauphase vor uns, nicht nur in Mitte, auch in Steglitz wird gebaut. Wir werden Steglitz für den Umzug der Psychiatrie vom Standort Eschenallee herrichten. Wir haben die OPs bereits neu gemacht. Für die Krankenversorgung wird es eine Herausforderung, weiter wirtschaftlich zu bleiben, denn Bauphasen bringen meistens besondere Herausforderungen mit sich. Wir haben eine hervorragende Campus-Klinik errichtet in Mitte, den Patienten wird dort mehr Komfort geboten als im Bettenhochhaus.

Aber die Geldprobleme dauern an, oder?

Die Finanzierung der Krankenhäuser in Deutschland kommt in eine immer schwierigere Lage. Zwei Drittel der deutschen Universitätsklinika schreiben rote Zahlen. Wir haben es gegen den Trend geschafft, positive Ergebnisse zu erzielen. Aber diese zu halten wird eine große Herausforderung werden.

Was erwarten Sie für dieses Jahr?

Wir haben eine schwarze Null vereinbart, und wir haben uns in den letzten fünf Jahren immer an das gehalten, was wir mit dem Aufsichtsrat vereinbart haben. Aber es ist nicht leichter geworden, dieses Ziel zu erreichen.

Sind Sie denn wirklich am Ende, wenn es nicht mehr Geld gibt, weil Sie nicht mehr sparen können?

Man muss unterscheiden: Die Investitionen muss das Land leisten, dazu ist es gesetzlich verpflichtet. Wenn wir nicht investieren, werden die Gebäude der Charité und die medizintechnische Ausstattung auf Dauer nicht erhalten werden können. Das andere ist die Finanzierung der Krankenversorgung, die die Krankenkassen leisten müssen. Berlin ist im unteren Drittel, was den sogenannten Landesbasisfallwert angeht. Wir hätten 44 Millionen Euro mehr in der Kasse, wenn wir unsere Patienten beispielsweise in Mainz behandeln würden. Wenn die Politik das nicht sehr bald ändert, werden alle Krankenhäuser rote Zahlen schreiben.

Warum bringt ein Kranker in Mainz mehr Geld als einer in Berlin?

Weil Mainz mit den Krankenkassen einen höheren Basisfallwert vereinbart hat als Berlin. Das sind regionale Verabredungen.

Welche Erwartungen haben Sie ans Land Berlin?

Wir sind dankbar, dass wir das Geld für unseren Masterplan bekommen haben. Dieses müssen wir erst mal verbauen. Wir haben Planungsmittel für die nächsten Projekte bekommen. Die werden vor allem nach Steglitz fließen. Über die Planungsmittel hinaus wird es dann auch mehr Geld für den Bau geben müssen. Wir gehen davon aus, dass wir noch 600 Millionen Euro brauchen, um die Charité auf dem Stand zu halten, den die Berlinerinnen und Berliner von ihr erwarten. Parlament und Senat werden nach dem Ablauf des Doppelhaushalts 2014/2015 weitere Mittel zur Verfügung stellen müssen.

In der Planung des Finanzsenators findet sich diese Summe nicht.

Politik lässt sich durch überzeugende Argumente verändern. Ich bin zuversichtlich, dass wir nach dem neuen Doppelhaushalt neues Geld bekommen und dieses im Interesse Berlins nutzen werden.

Was bedeutet es für Sie, dass das Universitätsklinikum Benjamin Franklin unter Denkmalschutz steht?

Hier geht es vor allem um die Fassade. Der Campus Benjamin Franklin ist sicher auch historisch ein wichtiger Bau in Berlin. Wir werden alles tun, dieses funktionale Universitätskrankenhaus zu erhalten. Aber es ist klar, dass Denkmalschutz mehr Geld kosten wird. Ich kann noch nicht sagen, um wie viel sich die Kosten für die Sanierung von Steglitz erhöhen. Aber es wird teurer.

Ist denn die Umsetzung des Masterplans in Mitte im Plan?

Die neue Vorklinik und die Labore für das Exzellenzcluster „NeuroCure“ haben ebenso wie das Labor Berlin letztes Jahr ihre Neubauten bezogen – im Zeit- und Kostenplan. Die Charité Campus Klinik, das neue Modulkrankenhaus, ist ebenfalls im Zeit- und Kostenplan und wird gerade bezogen. Die Vorbereitung der Hochhaussanierung verläuft bisher ebenfalls ordentlich.

Bleiben Sie dabei, in fünf Jahren die Themen Bau und neue Strukturen an der Charité abgearbeitet zu haben?

Als ich vor fünf Jahren diese Aufgabe übernommen habe, war ich der Meinung, man könnte das so sehen. Mittlerweile weiß ich, dass das ein Irrglaube war. Die Charité wird wie alle großen Einrichtungen immer wieder neues Geld brauchen. Wenn Sie an einer Stelle die Renovierungen abgeschlossen haben, können Sie gleich woanders wieder anfangen. Wir brauchen im Jahr etwa 90 bis 100 Millionen Euro, um die Charité auf dem Stand zu erhalten. Wir bekommen jährlich etwas mehr als 33 Millionen Euro. Die Mittel für den Masterplan waren ein großer Schritt und wichtiger Schub. Es muss da eine Veränderung zu mehr Planungssicherheit geben. Hier ist die Charité ja nicht alleine. Vivantes, die Universitäten, alle haben die gleichen Probleme.

Sie verhandeln derzeit neue Tarifverträge. Können Sie nachvollziehen, dass sich die Beschäftigten absichern wollen gegen die zunehmende Belastung am Arbeitsplatz?

In der Charité hat der Personalabbau eine Grenze erreicht, die nur noch in Einzelfällen unterschritten werden kann. Unsere Mitarbeiter sind stark gefordert. Dass man dieses Problem aber durch die Einführung von gesetzlichen Standards lösen kann, bezweifele ich. Man kann die einzelnen Fachrichtungen nicht über einen Kamm scheren. Aber wir werden mit Ver.di darüber ins Gespräch kommen, was wir tun können, damit die Menschen gerne in der Charité arbeiten. Wenn man von uns allerdings zu Recht verlangt, nur so viel Geld auszugeben, wie wir einnehmen, müssten wir eine höhere Personalausstattung mit höheren Einnahmen durch die Krankenkassen finanzieren können – auch in der Pflege.

In den medizinischen Leistungen sehen Sie keinen Spielraum mehr?

Ich überblicke die Medizin jetzt seit 1974. Als ich ein junger Assistenzarzt war, war es selbstverständlich, dass wir bei einem Patienten mit einem neurologischen Problem auch die Leber und das Herz untersucht haben. Heute müssen wir uns weitgehend auf die Beschwerde fokussieren. Die finanziellen Engpässe in der Medizin sind nicht entstanden, weil Ärzte und Pfleger mehr verdienen, sondern weil die Möglichkeiten größer geworden sind und die Nachfrage auch durch die erfreulich gestiegene Lebenserwartung zunimmt. Deutschland ist wahrscheinlich das Land mit der besten Krankenversorgung für alle. Das würde ich gerne beibehalten. Aber wenn jeder Mensch das Recht haben soll, alle Gesundheitsgüter in Anspruch zu nehmen, kostet das eben mehr. An den Uni-Kliniken zeigt sich das als Erstes, weil wir die Krankenhäuser der letzten Instanz sind. Viele Diagnosen, die wir machen, werden nicht übernommen von den Kassen. Wenn wir eine neue Therapie gegen eine Krankheit entwickeln, wird die vielen Fällen erst einmal nicht bezahlt. Sondern erst dann, wenn sie sich in der Breite durchgesetzt hat und ins Vergütungssystem aufgenommen wird. Das ist ein Problem der Uni-Kliniken.