Buchveröffentlichung

Ohne Talent zur Improvisation geht gar nichts

In fast jeder dritten Familie fehlt ein Partner. Eine Alleinerziehende erzählt von ihrem Alltag

Am schlimmsten sind die Momente, in denen Meike Büttner ihrer Tochter Sätze wie diesen sagen muss: „Ich kann dir kein Eis kaufen, weil ich kein Geld habe.“ Es tut ihr weh, wenn sie in den Augen ihrer Tochter Verständnis entdeckt, das aber die Enttäuschung dahinter nicht ganz verbergen kann.

Meike Büttner ist 31 Jahre alt und seit zehn Jahren alleinerziehend. Seit zwei Jahren betreibt sie unter dem Pseudonym Maike von Wegen mehrere Blogs, unter anderem „Mutterseelenalleinerziehend“. Unter demselben Titel hat sie jetzt auch ein Buch über ihre Erfahrungen als alleinerziehende Mutter geschrieben. Sie erzählt von Behördengängen, von Scham und Angst, vom täglichen Kampf ums Geld, vom Spagat zwischen Arbeit und Kind, von der oft vergeblichen Suche nach Anerkennung. Es sind Situationen und Emotionen, in denen sich viele Menschen wiederfinden können, denn Meike Büttner gehört zu den mehr als 1,6 Millionen Alleinerziehenden in Deutschland. Nach Angaben des Bundesfamilienministeriums wuchs ihre Zahl zwischen 1996 und 2010 um 23 Prozent. Tendenz weiter steigend.

Von Bochum nach Berlin

Mindestens 20 Prozent aller Kinder wachsen bei nur einem Elternteil auf. Fast 90 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen, mindestens jede Dritte ist auf Transferleistungen angewiesen. Und 40 Prozent der Alleinerziehenden, die einer Arbeit nachgehen, verfügen über ein maximales Einkommen von 1300 Euro. Die meisten Alleinerziehenden in Deutschland leben in Berlin. Sie machen hier fast ein Drittel aller Familien aus. Als Meike Büttner vor sieben Jahren aus Bochum nach Berlin zog, tat sie das auch in der Hoffnung, dass es für sie hier leichter wäre. Manches war in der Tat einfacher, zum Beispiel einen Betreuungsplatz zu finden. Die junge Mutter erlebt auch mehr Offenheit. Aber vieles gestaltet sich in Berlin genauso schwierig wie andernorts. Was Meike Büttner vor allem zu schaffen macht, ist die Abstumpfung: „Man fühlt sich nicht gesehen und nicht gehört“, sagt sie.

Nach Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ gab es viel Kritik an seinen Integrationsthesen, aber nur wenig zu seinen Äußerungen über vermeintlich bildungsferne Alleinerziehende. „Ich bin alleinerziehend, und ich bin alles andere als bildungsfern. Meine Tochter ist sehr aufgeweckt und hat mehr Bücher als viele Erwachsene, die ich kenne“, kontert Büttner. Sie ärgerte sich so über Sarrazin, dass sie den Blog Mutterseelenalleinerziehend.de startete – und großen Zuspruch erntete. „Den Alleinerziehenden hat offenbar eine Stimme gefehlt“, sagt sie heute. Denn geändert habe sich in den letzten zehn Jahren nichts.

Zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt. Wie oft hat sie den Satz gehört: „Und was machen Sie, wenn Ihr Kind krank ist?“ Für Meike Büttner bedeutet das Leben mit Kind Improvisation, Flexibilität, Organisation. Mit 20 Jahren arbeitete sie in einer Werbeagentur. Als ihr Chef hörte, dass sie schwanger war, wurde ihr Vertrag nicht verlängert. Ihre Beziehung ging bald auseinander. Mit Kind und ohne Mann fand sie erst einmal keine feste Anstellung. Auch Unterstützung durch die Familie fehlte. Sie arbeitete als Texterin, als Journalistin, schrieb Drehbücher. Für ein paar Wochen verdiente sie Geld, danach gab es oft monatelange Pausen und Hartz-IV-Anträge. Als sie einen Auftrag in München annahm, hatte sie zwar genug Geld, um eine Woche lang die beste Kinderbetreuung für ihre Tochter zu organisieren. Aber das schlechte Gewissen begleitete sie.

Der Druck, für alles allein verantwortlich zu sein, ist wohl am schwersten auszuhalten. „Man muss dafür sorgen, dass etwas zu essen auf dem Tisch ist, man muss seinem Kind Bildung vermitteln, man muss es erziehen, aber man will es ja auch einfach nur lieb haben. Und manchmal hätte man auch gern etwas Zeit für sich“, sagt Meike Büttner. Das alles sei oft zu viel. Was bleibt, ist ein Gefühl der Ohnmacht. Doch das will sie nicht akzeptieren. An Verbände und Politiker hat sie geschrieben, bekam aber bestenfalls freundliche Absagen. Unterstützt, so Büttners Kritik, werde nach wie vor hauptsächlich die klassische Familie.

Kein Geld für Turnschuhe

Statt Betreuungsgeld, nutzlos für Alleinerziehende, wünscht sie sich praktische Hilfe: flexible Betreuung, Rabatte für Kleinstfamilien, kostenlosen Zugang für Kinder zu Sportvereinen. Das sei praktikabler als der Bildungsgutschein und nehme Alleinerziehenden das Schamgefühl. Meike Büttner erinnert sich an einen Elternabend, bei dem die Lehrerin einen kostenpflichtigen Ausflug vorschlug. Nur eine Mutter traute sich zu fragen, ob sie als alleinerziehende Hartz-IV-Bezieherin von den Kosten ausgenommen sei. Auf die Frage, wer davon betroffen sei, meldeten sich drei Eltern – Meike Büttner aber weiß, dass es mehr waren. In einem Schuljahr wuchsen die Füße ihrer Tochter so schnell, dass sie ein zweites Paar Turnschuhe brauchte. Doch dafür fehlte das Geld. Der Lehrer schloss das Mädchen ohne vorheriges Gespräch mit der Mutter vom Sportunterricht aus. War kein Geld da, erklärte Büttner ihrer Tochter das offen. Natürlich habe diese davon auch profitiert, sei selbstständiger und könne besser mit Geld umgehen als viele Gleichaltrige. „Dennoch hätte ich meinem Kind lieber mehr Lebensfreude und Unbeschwertheit vermittelt als so viel Disziplin“, sagt Büttner.

Seit Kurzem lebt die 31-Jährige mit einem Partner zusammen, und endlich hat sie das Gefühl, Verantwortung teilen zu können. Sie genießt das neue Familienleben. Manchmal denkt sie sogar daran, noch ein Kind zu bekommen.

Maike von Wegen: Mutterseelenalleinerziehend, Knaur, 8,99 Euro