Serie: Die Berlin.Macher - Start-Ups im Porträt

Retter des Augenlichts

Cathy Boom verkauft mit ihrem Bruder Kleidung im Internet und hilft so Menschen in Bangladesch

Es gibt Menschen, die haben Geld und geben es gern für schöne Dinge aus. Dann gibt es welche, die haben keins, und es mangelt ihnen am Nötigsten. Eine Situation zu schaffen, die beiden Seiten etwas bringt – das ist die Idee hinter Iwishusun. Mit jeder erworbenen Jacke finanziert der Käufer eine Operation der Augenkrankheit Grauer Star in Bangladesch – mit jedem T-Shirt eine Brille für dort lebende, bedürftige Kinder. „Als ich die Zahlen sah, war ich geschockt. Von den 39 Millionen blinden Menschen weltweit müssten es 80 Prozent nicht sein“, sagt Cathy Boom. Da hatte die 42-Jährige ihr Thema gefunden. Sie wollte etwas zurückgeben im Leben.

Beruflich beschäftigte sie sich schon lange mit der Visualisierung von Themen. Mehr als 15 Jahre leitete sie das von ihr verlegte Mode- und Kulturmagazin „Style & the Family“. Ein Leben ohne Wahrnehmung und Licht – eine schreckliche Vorstellung. Irgendwann hatte Boom genug vom Verlegen und hörte auf. Gemeinsam mit ihrem Bruder Patrick Andrist gründete sie im November 2012 Iwishusun. Seitdem verkaufen die beiden Geschwister über ihre Website Jacken und T-Shirts, die zudem unmittelbar Menschen in Bangladesch zugutekommen. Dabei nutzen sie ihren unterschiedlichen beruflichen Hintergrund. Andrist ist Inhaber eines Textilherstellers mit Sitz in Hongkong. Boom studierte Kunstgeschichte und Germanistik in Hamburg und sammelte während ihrer Zeit bei dem Magazin viel publizistische Erfahrung.

Design ist wichtig

Die Idee, einen Teil des Erlöses von Produkten für Hilfsprojekte zu spenden, ist nicht neu. Iwishusun legt dabei allerdings auf zwei Punkte einen besonderen Fokus. „Zum einen möchten wir Produkte anbieten, die den Menschen auch wirklich gefallen und sie nicht bloß aus Gutmenschentum kaufen. Zum anderen sollen sie konkret wissen, wohin ihr Geld fließt“, erklärt Boom. Jeder soll die Gewissheit haben, mit seinem Kauf einen Menschen vor der Erblindung zu retten. Zudem soll der Konsument ein hochwertiges Produkt erhalten, das von seinem Design ansprechend ist.

Auf diese Weise können alle profitieren. „Ich weiß, dass wir in einer kapitalistischen Welt leben. Das wird man wahrscheinlich auch nicht so schnell ändern können. Aber wir müssen mindestens für einen fürsorglichen Kapitalismus sorgen“, sagt Boom. Eine Katarakt-Operation kostet 40 Dollar. Durchgeführt wird sie von Ärzten in einem Hospital in Dhaka, das auf Augenkrankheiten spezialisiert ist. Im Ispahani Islamia Eye Institute and Hospital wird besonders viel Wert darauf gelegt, dass auch ärmere Menschen Zugang zu medizinischer Hilfe bekommen. Unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten, soll jeder die gleiche Behandlung erfahren.

Vor Ort arbeitet Iwishusun mit der Hilfsorganisation Orbis zusammen. Orbis kämpft mit Projekten seit mehr als 60 Jahren gegen die vermeidbare Erblindung. Jede Operation wird dokumentiert. Auf der Website sind Fotos von Menschen veröffentlicht, denen dank Iwishusun bereits geholfen werden konnte. Der Erlös von den T-Shirts ermöglicht den Kauf einer Brille für ein Kind. Durch die Spende und mithilfe von medizinischer Hilfe kann einer Erblindung vorgebeugt werden.

Saubere Produktion

„Letztens wurde ich gefragt, wie viel von dem Erlös tatsächlich gespendet werde – ein Euro? Das wäre eine Farce!“, sagt Boom. Viel zu viele Projekte würden sich als „Charity“ tarnen und nur einen Bruchteil der Einnahmen spenden. Dem entgegenzutreten, ist Boom wichtig. Neben dem Erlös spielt auch die Produktion der Waren selbst eine Rolle. „Wir können nicht Nachhaltigkeit predigen und dann selbst unsere Textilien unter widrigen Bedingungen herstellen lassen“, sagt Boom. Sie und ihr Bruder achten darauf, dass die Produktionsstätten zertifiziert sind und notwendige Standards eingehalten werden.

Auch privat legt Boom Wert darauf, sich nachhaltig zu verhalten. Ab einem gewissen Einkommen sei dies Pflicht, findet sie. Schon kleine Änderungen im Verhalten könnten einen großen Unterschied machen – sei es auch nur, keine Tiere aus Massentierhaltung zu essen. „Eigentlich ist alles eine Frage des Respekts miteinander. Gegenüber anderen Menschen, der Natur oder Tieren“, sagt Boom.

Iwishusun ist für Boom ein Teilzeitprojekt. Sie nennt es ihr „Herzensprojekt“. Daneben arbeitet sie freiberuflich für verschiedene Unternehmen als Creative Director. Von Iwishusun könne und wolle sie nicht leben – es soll möglichst viel bei den Menschen in Bangladesch ankommen. Neben Boom gibt es zwei weitere Angestellte, die sie in Berlin bei der Arbeit für Iwishusun unterstützen. Andrist arbeitet von Hongkong aus und hatte bereits die Gelegenheit, das Projekt vor Ort in Bangladesch zu besuchen. Für Boom das nächste erklärte Ziel: ein Besuch in dem Hospital. Bisher hatte sie dafür keine Zeit gefunden. Die größte Herausforderung sei es, Iwishusun ausreichend bekannt zu machen. Dabei helfen sollen „Botschafter“. Bekannte Kreative bekennen sich auf der Website zu der Idee von Iwishusun, tragen die Kleidung. Zudem arbeitet Iwishusun mit Designern, Kosmetikherstellern und anderen Kreativen zusammen. Als nächstes ist ein Projekt geplant, bei dem Seidenschals bedruckt werden sollen. Iwishusun arbeitet dafür mit einem amerikanischen Modedesigner und Fotokünstlern zusammen. „Wir sind natürlich international ausgerichtet und möchten möglichst viele Menschen mit unserer Idee erreichen“, sagt Boom. Durch das Internet sei man heutzutage nicht mehr auf ein Land festgelegt. Zudem helfe ihr ein weites, durch ihre berufliche Erfahrung gewonnenes Netzwerk. Wer sich einmal die Fotos auf der Website ansieht, auf denen Menschen zu sehen sind, denen bereits geholfen werden konnte, ist ziemlich schnell von der Idee überzeugt.