Ermittlungen

Der Mörder hatte einen Schlüssel

Das Opfer Ingo W. trafen sechs Schüsse in Brust und Kopf. Die Söhne des in Westend erschossenen Anwalts sind wieder frei

Erst Mittags liegen Blumen am Tatort. Vier Jugendliche sind in die gediegene Straße in Westend gekommen, nur kurz, sie haben Schulpause. Drei Jungen und ein Mädchen, sie legen Sträuße vor die Anwaltskanzlei, zünden eine Grabkerze an und falten die Hände. Sie trauern, dass hier am Vortag ein Mensch gewaltsam gestorben ist. Vielleicht sind sie auch traurig, dass zwei Menschen in Verdacht geraten sind, die sie kennen: die Söhne des Anwaltes nämlich, die nach der Bluttat von einem bewaffneten Polizeikommando in der elterlichen Wohnung festgenommen wurden. Jedenfalls spricht einer der Jugendlichen bereits in der Vergangenheit über die alten Bekannten. „Wir kannten die Söhne“, sagt er.

Vielleicht ist es auch nur ein Versprecher. Denn es gibt eine Wendung in dem Fall. Zu diesem Zeitpunkt sind Manuel L. (Name geändert), 16, und Tim (Name geändert), 18, die Söhne des verstorbenen Anwaltes Ingo W., längst wieder auf freiem Fuß. Es gebe keinen „dringenden Tatverdacht“, so die Staatsanwaltschaft. Für einen dringenden Tatverdacht und damit mögliche Haftbefehle reichten die Beweise derzeit nicht aus, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner. Ob es sich um ein Familiendrama handelt, werde noch untersucht.

Ermittlungen wegen Totschlags

Vor allem bedeutet das: Es ist möglich, dass die Söhne unschuldig sind an dem „Familiendrama in Westend“, über das inzwischen Medien im gesamten Land berichten. Sie wären dann nicht Täter, sondern zweifache Opfer – einer Tragödie und eines falschen Verdachtes. Sie sind ohne Auflagen freigelassen worden, derzeit ist unbekannt, wo sie sich aufhalten. Allerdings wird weiterhin gegen die beiden wegen Totschlages ermittelt, wie die Berliner Morgenpost erfuhr.

Umso unklarer erscheinen derzeit die Hintergründe der Bluttat. Fest steht: Der 49-jährige Anwalt wurde in seiner Kanzlei regelrecht hingerichtet. Ihn trafen sechs Schüsse aus einer Neun-Millimeter-Pistole in Brust und Kopf. Die Ermittler gehen zudem davon aus, dass der oder die Täter einen Schlüssel zur Kanzlei hatten. Zudem heißt es in Ermittlerkreisen, das Opfer habe selbst eine Pistole dieses Kalibers besessen. Doch bisher fehlt offenbar jede Spur von der Tatwaffe. Damit kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Anwalt durch Kugeln aus seiner eigenen Waffe starb.

Als die Schüsse fielen, waren drei Angestellte in der Kanzlei. Nach Informationen dieser Zeitung widersprechen sich ihre Aussagen. Da will einer die Söhne kurz zuvor in der Kanzlei gesehen haben. Ein anderer sagt aus, es hätten junge Männer die Kanzlei betreten, die er nicht kannte. Ein Zeuge dagegen will nur einen Täter mit Kapuzenjacke gesehen haben. Somit ist wahrscheinlich, dass keiner der Angestellten die Tat unmittelbar beobachtet hat.

Nach Aussagen von Anwohnern spielten die beiden Söhne kurz nach der Tatzeit gerade Klavier, als die Polizei die Wohnung der Mutter stürmte. Kurz darauf testeten Beamte der Spurensicherung die Hände, Kleidung und Oberkörper der beiden jungen Männer auf Schmauchspuren, wurden aber offenbar nicht fündig. Auch die Ehefrau des Ermordeten war zu diesem Zeitpunkt in der Wohnung.

Wenn es ein unbekannter Täter war, der den Anwalt erschossen hat: Woher hatte er einen Schlüssel zur Kanzlei? Und wenn es die Waffe des Opfers war: Wie hatte er Zugang zu ihr? Anwalt Ingo W. jedenfalls hatte keine offensichtlichen Verbindungen zur Unterwelt. Er war kein Strafverteidiger, sondern Steuerberater, Anwalt und Notar. Erbschaftsteuern sparen, Häuser kaufen, mit diesen Themen richtet sich die Homepage seiner Kanzlei an eine wohlhabende Klientel.

Lauter Streit in Familie

Bekannt ist, dass der Anwalt und seine Frau in Trennung lebten. Zuletzt soll der Mann nicht mehr bei seiner Familie gewohnt haben, sondern bei einer anderen Frau. In Ermittlerkreisen heißt es, in Streitereien der Eheleute sei es vermutlich auch um Geld gegangen. Anwohner erzählen von lauten Wortgefechten der Eheleute in der Wohnung und im Treppenhaus. Beide Eheleute stammen aus Familien, die mehrere Wohnungen in bester Stadtlage besitzen.