Gerichtsverhandlung

Zehn Plädoyers zum Tod von Jonny K.

Der Prozess um die tödliche Attacke auf den 20-Jährigen am Alexanderplatz geht am Montag in die entscheidende Phase

Wenn am Montag um neun Uhr vor dem Landgericht Berlin das erste von insgesamt zehn Plädoyers im Fall Jonny K. gehalten wird, beginnt für Jonnys Schwester Tina K. noch einmal eine schwere Zeit. Zehn Mal wird die 28-Jährige sich anhören, wie Staatsanwaltschaft, Nebenklagevertreter und Verteidiger die brutale Prügelattacke beurteilen, die ihren Bruder das Leben kostete. Zehn Mal werden die Juristen erläutern, wie ihrer Ansicht nach die sechs jungen Männer bestraft werden sollen, die eine Beteiligung an der Tat gestanden haben.

An einem frühen Sonntagmorgen im Oktober vergangenen Jahres war es in der Nähe des Alexanderplatzes zwischen ihnen und vier anderen jungen Leuten zu einem Streit gekommen. Dabei wurden Jonny K. und dessen Freund Gerhard C. schwer verprügelt. Jonny K. erlag später den schweren Kopfverletzungen, die ihm durch Tritte zugefügt worden waren.

Im Mai begann der Prozess gegen die sechs Tatverdächtigen im Alter zwischen 19 und 24 Jahren, denen die Staatsanwaltschaft unter anderem Körperverletzung mit Todesfolge und gefährliche Körperverletzung vorwirft. Tina K. hat ihn vom ersten bis zum letzten Verhandlungstag im Gerichtssaal verfolgt. Sie hat die Angeklagten bei ihren Aussagen beobachtet, die Zeugenaussagen verfolgt, den Gutachtern aufmerksam zugehört.

Die Tat hatte im vergangenen Jahr die Öffentlichkeit schockiert – auch weil Jonny K. offenbar einem Freund zur Hilfe eilen wollte, der von einem der Angeklagten attackiert worden sein soll. Was genau damals vorfiel, konnte das Gericht bislang nicht klären. Offen blieb vor allem, welcher der Angeklagten Jonny K. die entscheidenden Tritte gegen den Kopf zufügte.

Ausfälligkeiten eines Schöffen

Im Fokus standen die beiden Angeklagten Onur U. und Bilal K. Sie hatten sich nach der Tat in die Türkei abgesetzt und kamen erst nach Monaten zurück. Beide bestritten, Haupttäter zu sein und nahmen in Anspruch, in der Tatnacht „stark alkoholisiert“ gewesen zu sein. Zwar ist klar, dass alle mutmaßlichen Täter vor der Tat gemeinsam eine Diskothek besuchten. Wie viel Alkohol sie dort konsumierten, konnte im Nachhinein aber nicht zweifelsfrei bestimmt werden.

Für den Vorsitzenden Richter Helmut Schweckendieck war der Prozess noch aus einem anderen Grund problematisch: Wenige Wochen nach seinem Beginn musste das Verfahren neu aufgerollt werden. Ein Schöffe hatte zunächst einen Zeugen in heftiger Weise verbal attackiert und sich danach offenbar gegenüber einem Reporter einer Boulevardzeitung „abfällig über die Verteidiger geäußert“, wie das Gericht mitteilte. Die Verteidiger kündigten aus diesem Grunde Befangenheitsanträge gegen den Schöffen an, denen sich die Staatsanwaltschaft und die Vertretung der Nebenklage möglicherweise anschließen wollten. Den Anträgen kam das Gericht mit seiner Entscheidung zuvor und startete den Prozess Anfang Juni von vorn.

Öffentliche Diskussion

Den Unmutsäußerungen des Schöffen waren die Aussagen von Zeugen vorangegangen, die sich noch bei ihren Vernehmungen bei der Polizei sehr ausführlich geäußert hatten. In der Hauptverhandlung klang das gänzlich anders, plötzlich wollte sich keiner der Zeugen mehr an die Tat erinnern.

Im weiteren Verlauf der Hauptverhandlung wurden drei der sechs Angeklagten aus der Untersuchungshaft entlassen, sie haben offenbar keine so schwere Strafe zu erwarten, dass weiterhin Haftgründe vorliegen. Und zum Ende der Beweisaufnahme empfahlen Vertreter der Jugendgerichtshilfe für alle sechs Angeklagte Bewährungsstrafen. Sowohl die Entlassung aus der U-Haft, als auch die Empfehlung milder Bewährungsstrafen sorgten in der Öffentlichkeit für Diskussionen. So wie der gesamte Prozess von emotionsgeladenen Debatten begleitet wurde.

Zwei Monate später steht das Verfahren vor dem Abschluss und es bleibt unsicher, ob das Gericht zu einem eindeutigen Urteil kommt. Tina K. betonte mehrfach, sie wolle die Angeklagten durch ihre Anwesenheit mit ihrer Tat konfrontieren und eine Erklärung für das Geschehen finden. Ob der Prozess ihr letzteres ermöglicht hat, wird wohl erst das Urteil erweisen.