Meine Woche

Politiker auf Sommertour

Christine Richter über die Wahlwerbung und die Kandidaten

Ein paar Wahlkämpfe habe ich in meinem Leben schon miterlebt und mich an vieles gewöhnt. An nackte Politiker auf Großplakaten – erinnern Sie sich: Thomas Krüger, der damalige SPD-Jugendsenator in Berlin, der für sich als „ehrliche Haut“ warb –, an Wahlplakate ohne Parteilogo – Klaus Wowereit im Abgeordnetenhauswahlkampf 2011 –, aber in diesem Jahr staune ich dann doch.

Erstens über die wahrlich schlechte Qualität der Plakate. Müssen die Werbeagenturen den Parteien eigentlich Schmerzensgeld zahlen? Ich jedenfalls fühle mich von der Grünen-Werbung geradezu angegriffen. In meinem Kiez in Prenzlauer Berg hängen Fotos von Jürgen Trittin an den Laternenpfählen – darauf springt mich ein großes „Und du?“ an. Bleib’ mir bloß weg, dachte ich, als ich das Plakat zum ersten Mal sah. Oder diese langweilige Werbung mit den Gesichtern von CDU-, SPD-, FDP- oder Linken-Kandidaten, daneben oft nur der Name oder ein kurzer Spruch. Das ist Wahlwerbung, wie sie schon in den 70er- und 80er-Jahren gemacht wurde. Glaubt irgendein Werbemann oder ein Politiker, dass ich deshalb dem einen oder anderen Kandidaten meine Stimme gebe? Ich hoffe nicht.

Ich will mich auch nicht fragen, was sich hinter dem Linken-Großplakat mit der Aufschrift „Revolution?“ verbirgt. Das steht in der Nähe des Alexanderplatzes, die Zeilen darunter konnte ich im Vorbeifahren sowieso nicht lesen. Revolution? Besser nicht.

Und ich staune auch über die Entscheidung der beiden Parteien SPD und Grüne, die doch die nächste Bundesregierung stellen wollen, dass sie zu Beginn der heißen Wahlkampfphase mit Bundeskanzlerin Angela Merkel werben. Oder anders: Dass sie denken, ihre Anti-Merkel-Werbung sei für irgendeinen Menschen, der sich nicht tagaus tagein mit Politik beschäftigt, verständlich. Das eine Motiv der SPD-Großplakate zeigt Merkel und den FDP-Parteivorsitzenden Philipp Rösler, darunter den Spruch „Die beste Regierung seit der Einheit…?“. Zwar mit einem Fragezeichen versehen, aber es ist und bleibt ein Merkel-Zitat. Und das kleine SPD-Logo wird auch schnell übersehen. Sollte es dennoch auffallen, denkt da nicht der unbedarfte Passant: „Wenn das sogar die SPD plakatiert, dann muss das ja stimmen...“ Falls die Werbestrategen erreichen wollten, dass darüber geredet wird, dann ist ihnen das zumindest bei mir und meinen Freunden gelungen. Ich bin mir aber sicher, sie wollten nicht, dass wir darüber nur den Kopf schütteln.

Eines jedoch gefällt mir in diesem Wahlkampf ganz gut: Jede Menge Politiker sind auf der Straße, kochen in Seniorenheimen Gemüsesuppen, schauen in Jugendprojekten und Unternehmen vorbei oder besuchen – wie die Bundesminister und Kanzlerkandidaten – die Menschen an ihren Urlaubsorten. Auch die Berliner Politiker machen eifrig mit. Der CDU-Landeschef Frank Henkel ist fast jeden Tag unterwegs – in Zehlendorf an der Freien Universität oder bei den Wassersportvereinen in Reinickendorf. Der Parlamentspräsident Ralf Wieland (SPD) hat den SPD-Fraktionschef Raed Saleh bei der Polizeischule in Ruhleben eingeschleust, obwohl die Polizei sich in den Wochen vor der Wahl eigentlich Politiker-Besuche verbittet. Die Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast besucht die Menschen an der braunen Spree, Parteichef Czem Özdemir die Vätergruppen in Neukölln. Ach, wäre es nicht nur in der Zeit vor einer Wahl so, sondern auch in den Jahren zwischen den Wahlen. Beim Gespräch mit den Bürgern lernen die Politiker bestimmt etwas. Über sich, über die Menschen, über Berlin. Das kann nur gut sein.

Christine Richter leitet gemeinsam mit Gilbert Schomaker die Lokalredaktion. Nächsten Sonntag schreibt Gilbert Schomaker über seine Woche in Berlin.