Museen

Hinter jedem Buchstaben steckt eine Geschichte

Nach vier Monaten Pause eröffnet das Buchstabenmuseum heute in anderen Räumen – und weckt Erinnerungen an längst vergangene Orte

Das U-Bahn-U liegt in der Kühlung, gegenüber steht das M von McDonald’s, und gleich neben der Lieferrampe lehnen die drei Meter hohen, roten Lettern AEG an der Wand. In den Räumen dazwischen stapeln sich noch allerlei weitere Buchstaben in allen Farben, Größen und Materialien.

Das Buchstabenmuseum eröffnet nach viermonatiger Pause an diesem Sonnabend an seinem neuen Standort in der Holzmarktstraße. Wie die zwei vorherigen ist auch dieses Zuhause für die insgesamt 800 Lettern nur auf Zeit, aber die Museumsleiterinnen Barbara Dechant und Anja Schulze mögen jetzt noch gar nicht daran denken, dass sie in zwei Jahren vielleicht schon wieder Kisten packen müssen und die zum Teil mannshohen Buchstaben wieder von A nach B transportieren lassen müssen.

Angefangen hat die Idee für das ungewöhnliche Museum mit „Autoradio Blaupunkt“. Als das Hifi-Geschäft in der Stresemannstraße, über dem der Schriftzug hing, schließen musste, bekamen die Frauen ihre ersten Buchstaben geschenkt. Das war vor etwa acht Jahren. Aber eigentlich fing alles noch viel früher an. „Ich fand Buchstaben schon immer toll“, erzählt die 43-jährige Barbara Dechant, „besonders das B hat es mir angetan.“ Schon bevor sie lesen und schreiben konnte, war sie von den mal eckigen, mal runden, mal mit und mal ohne Pünktchen versehenen Zeichen fasziniert. Nicht zuletzt deshalb wurde die gebürtige Wienerin auch Kommunikationsdesignerin.

Anfangs nur virtuell

In Berlin lernte sie Anja Schulze kennen, die die Pressestelle des Berliner Stadtmuseums leitet – und schon lange vom eigenen Museum träumte. Zum Spaß schenkte ihr Barbara Dechant die Domain buchstabenmuseum.de zum Geburtstag. Ein virtuelles Museum, immerhin. Aber wieso nur virtuell? Die ersten Buchstaben zum Anfassen hatten sie ja schon, und schnell wurden es mehr. Jeder im Freundeskreis kannte irgendwo ein Geschäft, das schließen musste, oder einen Ort, der umgebaut wurde. So landeten „Schuhe“ in Schreibschrift, das Ö aus „Lichthaus Mösch“, ein U-Bahn-U aus Ost und eines aus West, die „Grünen“ aus Pappmaschee, der Bewag-Schriftzug, der „Filmpalast“ vom Kudamm und auch ein ganz berühmtes E bei Dechant und Schulze. Das E stammt aus dem Studio Babelsberg und gehörte zur Kulisse im Tarantino-Film „Inglourious Basterds“.

Anfangs haben die Buchstabensammlerinnen ihre Objekte noch in ihren Wohnungen gelagert: „Wohnzimmer, Küche, Keller, Balkon – alles stand voll“, erzählt die 37-jährige Anja Schulze. 2008 eröffneten sie dann zum ersten Mal ein Schaudepot in der Leipziger Straße. Zwei Jahre blieben sie dort, dann zogen sie ins Berlin-Carré, wo sie bis März dieses Jahres ihre Sammlung zeigten. Nun also ein dritter Start in der Holzmarktstraße.

Auf 500 Quadratmetern sind die Exponate jetzt in einem Flachbau zu sehen, in dem einst Lebensmittel verkauft wurden. Vor dem Fall der Mauer bei Konsum, später dann bei Extra. Für ihren neuen Standort haben sich die Frauen nun erstmals auch selbst 16 Lettern anfertigen lassen. Schon von der S-Bahn aus ist „Buchstabenmuseum“ zu lesen, abends sogar beleuchtet.

Vor acht Jahren klebten Barbara Dechant und Anja Schulze noch Zettelchen an die Objekte, die sie haben wollten: „Wir interessieren uns für diesen Buchstaben“, aber inzwischen ist das Museum bekannt, und die Menschen kommen von selbst, weil sie froh sind, dass es einen Ort gibt, an dem die Lettern erhalten und gezeigt werden. „Die Vielfalt geht ja immer mehr verloren“, sagt Barbara Dechant, heute seien Innenstädte kaum noch voneinander zu unterscheiden, weil überall die gleichen Markenlogos zu sehen sind. Deshalb sind die Buchstaben auch ein Stück Stadtgeschichte: Zum Beispiel der Schriftzug Hertie: Als 2009 in Berlin die letzte Filiale der Kaufhauskette dichtmachte, versenkten die Mitarbeiter vor der Ver.di-Zentrale den Schriftzug symbolisch in der Spree. Danach bekam ihn das Buchstabenmuseum vermacht.

Gezahlt haben die Museumsleiterinnen bislang nur einmal für ein Objekt: für die „Zierfische“, die früher am Frankfurter Tor über einer Zoohandlung hingen, bis diese 2009 schloss. Für 2500 Euro sollte sie Barbara Dechant bekommen, aber fast wäre der Deal geplatzt. Wenige Tage vor der Übergabe verließ die Kommunikationsdesignerin etwas später als sonst ihre Wohnung gegenüber dem Frankfurter Tor und sah gerade noch rechtzeitig, wie sich zwei Männer an den „Zierfischen“ zu schaffen machten. Das I hing nur noch an einer Schraube, aber sie konnte die Diebe in die Flucht schlagen. Vor zehn Tagen hätte sie das auch gern gemacht, als drei Vermummte in der Nacht ein 45 Kilo schweres historisches S-Bahn-Logo an einer Brücke am Ostkreuz abschraubten. Aber da schlief sie. „Wirklich schade“, sagt sie, denn eigentlich war das denkmalgeschützte S dem Museum schon versprochen.

Das Berliner Buchstabenmuseum ist weltweit die erste Sammlung dieser Art. In Las Vegas steht inzwischen ein Museum mit alten Reklamen und in Warschau zeigt ein Haus Neon-Schriftzüge. Aber Buchstaben aller Art gibt es nur in Berlin. Und die meisten der Lettern kommen auch aus Berlin und Umgebung.

Ohne Unterstützung könnten Barbara Dechant und Anja Schulze das Museum allerdings nicht betreiben. Die Organisation, die Betreuung des Hauses während der Öffnungszeiten, die Beschaffung und Pflege der Buchstaben, die Archivierung – all das braucht viel Zeit – und Geld. Gleich mit der Idee zum Museum haben die beiden, die sich selbst nur in ihrer Freizeit um die Buchstaben kümmern können, einen gemeinnützigen Verein gegründet.

„Besonders mit der Dokumentation kommen wir ja gar nicht mehr hinterher“, sagt Anja Schulze und seufzt, „wir sind jetzt erst etwa bei Buchstabe 50.“ Und immer kommen neue Objekte dazu. Gerade wurde der Nachlass des VEB Neontechnik Halle hier abgegeben. In dem Werk wurden zum Beispiel die S-Bahn-Logos gefertigt.

Neues Konzept in Arbeit

Die vielen Skizzen, die in diesen Aktenordnern liegen, sollen in Zukunft auch in den neuen Ausstellungsräumen gezeigt werden. Anja Schulze träumt schon von Simulationen, von digitaler Aufbereitung all der vielen Zeugnisse. Doch das ist Zukunftsmusik. Zunächst muss das vorhandene ABC in einen museumsfähigen Zustand gebracht werden. Wenn das Museum am Sonnabend erstmals wieder für Besucher öffnet, ist es mehr ein Schaudepot als eine ordentlich strukturierte Sammlung. Gerade entwerfen Architekturstudenten aus Coburg ein Ausstellungskonzept, das dann ab Herbst umgesetzt werden soll. Aber bis dahin lohnt der Besuch dennoch. Es ist eine besondere Entdeckungsreise, die manch einen nostalgisch stimmen kann, wenn er den ein oder anderen Buchstaben oder Schriftzug wiedererkennt.