Medizin

Menschliche Zellen, künstliche Haut

Günther Weindls Forschung kann Tierversuche reduzieren. Dafür wird der FU-Professor ausgezeichnet

Für etwas sehr, sehr Kleines wird Professor Günther Weindl vom Berliner Senat ausgezeichnet. Tausenden Labortieren wird es den Tod ersparen können. Es sieht aus wie ein flacher weißer Knopf, der in einer roten Nährlösung schwimmt. Einen halben Millimeter breit und nur einen Zentimeter lang ist die künstliche Haut, die Weindl zusammenbaut. Arzneimittel und Chemikalien werden in Zukunft an ihr getestet, viele Versuche an lebenden Tieren werden damit überflüssig.

Im Roten Rathaus wird an diesem Freitag Verbraucherschutzsenator Thomas Heilmann (CDU) an Günther Weindl den mit 15.000 Euro dotierten Forschungspreis des Landes Berlin für die die Suche nach Ersatz- und Ergänzungsmethoden für Tierversuche überreichen. Das Bündnis Tierschutzpolitik Berlin vergibt einen Extra-Preis in Höhe von weiteren 5000 Euro. Der Festakt beginnt um 10 Uhr. Eine große Ehrung für Weindl, der seit nunmehr zehn Jahren an seinen Hautmodellen forscht.

Den größten Teil seiner Zeit verbringt Günther Weindl im Institut für Pharmazie, Pharmakologie und Toxikologie der Freien Universität Berlin. Adresse: Königin-Luise-Straße 2, direkt neben dem Botanischen Garten in Zehlendorf. Ein graues Gebäude mit großen Fenstern. Davor stehen meterhohe Tannen, die man auch aus Weindls Büro im ersten Stock sieht. Sein karg eingerichtetes Büro misst nur wenige Schritte, ein Schrank mit Aktenordnern, eine Kaffeemaschine, ein Computer auf dem Schreibtisch, ein Bürosessel, ansonsten zwei Stühle für Besucher.

Im Gespräch mit Weindl fällt seine Bescheidenheit auf. „Ich erhalte den Preis auf Basis der Arbeit der Doktoranden“, sagt der 37-Jährige. Ohne seine Assistenten im Labor sei seine Forschung schlicht nicht möglich. Das Preisgeld soll deshalb auch dazu dienen, den Nachwuchswissenschaftlern Kongress-Reisen und Forschungen zu finanzieren. Bescheiden ist Günther Weindl auch in der Sprache, in der er von seiner Forschung spricht. Keine unverständlichen lateinischen Fachbegriffe, keine Formeln.

Hautspenden nach der OP

Für seine Hautmodelle verwendet er fingernagelgroße Hautstücke. Mit Zustimmung der Patienten dürfen Krankenhäuser Hautreste aus Operationen an die Forschung abgegeben. Weindl baut diese Abfälle neu zusammen, um ein Modell der ersten und zweiten Hautschicht zu erstellen, das sich für die Forschung eignet. Nach einiger Zeit bilden die zusammengefügten Zellen von selbst auch die oberste Hornschicht. Sieht man einmal von den fehlenden Haaren ab, sehen diese Modelle aus wie echte Haut. Einfache Modelle menschlicher Haut können seit rund 20 Jahren erstellt werden. Das Besondere an Weindls Präparaten ist das Hinzufügen einer Zellart, die alle Menschen in sich tragen: die Langerhans-Zelle. Wenn Bakterien die oberste Hornschicht des Menschen überwinden und in seine Haut eindringen, dann entscheidet die Langerhans-Zelle, ob es sich um gefährliche Fremdkörper handelt. Ist dies der Fall, alarmiert sie den Körper und leitet damit die Abwehrreaktion ein. Mit der Integration der Langerhans-Zelle kommt Weindls Modell der echten menschlichen Haut sehr nahe. Testergebnisse zur Verträglichkeit neuer Kosmetika oder Arzneimitteln an diesem „immunkompetenten Hautmodell“ sind daher besonders aussagekräftig.

„Wir wollen unnötige Tierversuche ersetzen“, sagt Weindl. Das jüngste EU-Verbot von Tierversuchen zur Herstellung von Kosmetikprodukten befürwortet er, eben weil es vielmals auch ohne Tierversuche möglich sei, gute Forschungsergebnisse zu liefern. Dennoch, Weindl ist kein genereller Gegner von Tierversuchen. Persönlich habe er kein Problem damit welche durchzuführen. Was er ablehne, sagt er, seien überflüssige Tierversuche aufgrund einer unzureichenden Forschungsplanung. Allerdings müssten aus seiner Sicht auch auf lange Sicht weiter Arzneimittel in der Entwicklung an lebenden Tieren getestet werden, denn nur so lasse sich das Risiko für den Menschen reduzieren.

Dass Töten von Tieren kann schnell Routine werden, weiß Weindl aus eigener Erfahrung. Nach dem Studium der Pharmazie in München arbeitete er ein Jahr lang in Japan, in einem Testlabor des Pharmaunternehmens Bayer. Er „verbrauchte“ – so der wissenschaftliche Euphemismus für das Töten von Versuchstieren – dort beinahe täglich Mäuse, Ratten und Hunde. Die erste Zeit habe ihm das noch Probleme bereitet, erinnert sich Weindl, schließlich werde man „nicht als Mensch geboren, der Tiere umbringt“. Nach und nach aber hätten dann der Spaß an der Forschung und das Interesse an neuen Erkenntnissen überwogen.

An der Grenze des Machbaren

Trotzdem sagt Weindl, dass er es nach dem Auslandsjahr eher vermeiden wollte, weiterhin mit Tierversuchen zu tun zu haben. Für seine Promotion schloss er sich einer Forschungsgruppe an, die zu Hautmodellen forschte. Vor sechs Jahren kam Weindl dann nach Berlin an die Freie Universität.

Ohne tierische Wirkstoffe kommt allerdings auch die sogenannte tierversuchsfreie Forschung nicht aus. Denn für die Erstellung der Nährflüssigkeit – die Weindl für seine Forschung benötigt – und in der Zellen kultiviert werden, braucht es fötales Kälberserum. Dieses lässt sich nur aus dem Blut von Kälbern gewinnen. Weindl sieht sich hier „an der Grenze des Machbaren“. Zwar versuche man die Verwendung des Serums zu reduzieren, vorläufig lasse sich aber nicht darauf verzichten.