Kriminalität

26-Jähriger gab sich als Mediziner aus und behandelte Patienten

Prozess in Moabit wegen gefährlicher Körperverletzung

Es erinnert an ein kindliches Doktorspiel. Daniel D. habe jedes Mal sein EKG-Gerät angeschlossen, wenn sie Kopfschmerzen hatte, sagt die 26-jährige Vanessa D. vor einer Moabiter Strafkammer. Er habe auch versucht, bei ihr Blut abzunehmen und ihr einen Infusionszugang zu legen, was aber misslungen sei.

Das ist wenig verwunderlich. Denn Daniel D. ist kein Rettungssanitäter. Das hatte er bei seiner damaligen Freundin und auch bei anderen Bekannten nur behauptet. Und diese ließen sich von ihm arglos behandeln: Er gab ihnen Spritzen, hängte sie an den Tropf, verabreichte ihnen Medikamente, nahm ihnen Blut ab. Die Folgen waren Schwindelgefühle, Schmerzen und Gliedmaßen, die zeitweise geschwollen waren. Etwas richtig Schlimmes war glücklicherweise nicht passiert.

Traumberuf Rettungssanitäter

Daniel D. ist nun angeklagt wegen gefährlicher Körperverletzung. Der 26-Jährige gibt die Taten vor Gericht auch sofort zu. Er habe aber „immer nur helfen“ wollen, sagt er. Zudem sei Sanitäter schon immer sein Traumberuf gewesen.

Es gibt Gründe, warum er diesen Beruf nicht erlernen konnte: So hat er nur den Hauptschulabschluss. Und er leidet unter einer Form der Hepatitis, die eine große Gefahr für andere ist, weil sie stets ansteckend bleibt.

Diese Virusinfektion gab es bei Daniel D. schon, als er mit dreieinhalb Jahren von einer Hilfsorganisation aus einem Kinderheim im rumänischen Temeschwar nach Deutschland gebracht wurde. „Er hatte damals den Entwicklungsstand eines neun Monate alten Kleinkindes“, sagt sein Adoptivvater vor Gericht. „Der Junge konnte nur krabbeln und lallen“, habe „panisch reagiert“, als er von einer rumänischen Bekannten in seiner Muttersprache begrüßt wurde. Eigentlich sollte Daniel D. auch nur einige Wochen in Berlin bleiben, um hier kuriert zu werden. Ein Arzt hatte damals jedoch festgestellt, so der Adoptivvater, „dass es für Daniel das Todesurteil sei, wenn er zurück nach Rumänien muss“. So blieb das Kind bei den neuen Eltern in Heiligensee, holte Entwicklungsrückstande auf, zeigte aber immer wieder auch Verhaltensauffälligkeiten und eine für die Adoptiveltern schwer verkraftbare Bindungslosigkeit. Sie hatten damals versucht, mit seiner ansteckenden Krankheit offen umzugehen, und die Eltern der Mitschüler gewarnt. Es sei doch besser, die Kinder gegen Hepatitis impfen zu lassen. Die Konsequenz war verheerend: Der Junge wurde in der Schule gemieden und nie wieder zu einer Geburtstagsfeier eingeladen.

Als Daniel sieben Jahre alt war, sagt der Adoptivvater, habe er bei einer Veranstaltung zum ersten Mal einen Rettungswagen gesehen und sich dafür „ungewöhnlich interessiert gezeigt“. Das habe sich mit den Jahren immer mehr verstärkt. Er besorgte sich medizinische Bücher und Geräte und zeigte später auch eine merkwürdige Affinität zu Uniformen: Rettungssanitäter, Bundeswehr, Feuerwehr. Selbst beim Prozess trägt er noch eine Armeehose. Hinweise der Adoptiveltern, dass er kein Mediziner sei und seine Heilungsversuche unterlassen solle, beantwortete er stets mit dem Satz: „Ich will doch nur helfen.“

Als er volljährig war, bezog Daniel D. eine eigene Wohnung und wurde unter die Aufsicht eines gesetzlichen Betreuers gestellt. Auch der ist nun Zeuge in dem Prozess. Er berichtet, dass Daniel D. über das Internet immer wieder Arzneien, Verbandmaterial oder auch Medizintechnik bestellte – diese Waren aber nie bezahlte. Dabei sei der Angeklagte auch sehr fantasiereich und gebe falsche Namen und die Adresse von Bekannten an. Inzwischen türme sich einen Schuldenberg von rund 40.000 Euro. „Er hat kein Unrechtsbewusstsein“, sagt der Betreuer. „Wenn ich ihm die Briefe der Gläubiger zeige, verspricht er, sich zu ändern. Das hat er aber schon wieder vergessen, wenn er mein Büro verlässt.“ Das Gericht wirkt unsicher, wie es mit ihm verfahren soll. Er gibt sich zwar geläutert, hat aber auch in den letzten Wochen vor dem Prozess noch über das Internet medizinische Utensilien bestellt. Was er mit seinem Leben plane, fragt der Richter. Er wolle jetzt Pflegehelfer werden, antwortet Daniel D. „In einem Krankenhaus.“ Der Prozess wird fortgesetzt