Rätselautor Manfred Stock

Meister des Denkspiels

Manfred Stock ist seit mehr als 50 Jahren Rätselautor. Knifflige Fragen sind ihm die liebsten

Wie es in den großen Hochhäusern üblich ist, muss man, um zu ihm zu kommen, erst einmal den richtigen Klingel-Code „knacken“. Dann, wenn diese erste Hürde genommen ist, weist eine Pfeiltafel den weiteren Weg. Und wenn man dann Stockwerk und Wohnungsnummer des Gesuchten weiß, erschließt sich auch, wie man weiter vorgehen muss. Als sich schließlich im 14. Stock die Fahrstuhltüren öffnen, lassen die Besucher den Blick durch die Gänge schweifen – und da steht er und ruft: „Hier hinten bin ich! Sie haben es geschafft!“ Manfred Stock zu besuchen ist auch schon ein bisschen wie Rätselraten.

Und das passt: Denn Manfred Stock aus Mitte ist Rätselautor, erfindet seit mehr als 50 Jahren Schwedenrätsel, Kreuzworträtsel oder Scherzfragen. Und in diesem Jahr gibt es für ihn und alle Rätselfreunde ein großes Jubiläum zu feiern: Das Kreuzworträtsel nämlich wird stolze 100 Jahre alt. Das erste seiner Art soll Ende 1913 in der „New York World“ erschienen sein. Anfang der 20er-Jahre gab es die ersten Kreuzworträtsel in europäischen Zeitungen und Zeitschriften. Das erste Kreuzworträtsel in einer deutschen Zeitung druckte die „Berliner Illustrirte Zeitung“ 1925.

Rund 9000 Rätsel ausgedacht

Manfred Stock, der bei der ersten Nachfrage zu seinem Alter als Antwort zunächst nur lächelt, fing bereits mit 14 Jahren an, eigene Rätsel zu bauen. Seit damals hat er sich insgesamt etwa 9000 Rätsel ausgedacht, die in den verschiedensten Zeitungen und Zeitschriften erschienen sind (unter anderem in „Das Magazin“ oder der DDR-Rätselzeitschrift „Troll“). Manfred Stock hat eigene Rätselarten entwickelt und war jahrelang der Moderator der DDR-Show „Tele-Lotto“. Dabei waren all die Rätsel und Denkspiele eigentlich nur sein Hobby – und während der Studienzeit eine gute Möglichkeit, etwas nebenbei zu verdienen. Stock, der auch schon eine Buchhändlerlehre absolviert hatte, studierte Schauspiel und Regie in Dresden, stand auf zahlreichen Bühnen in vielseitigen Rollen. „Ich habe es bis zur Dresdner Staatsoperette gebracht, war dort Solist und der erste ,Freddy‘ in der ostdeutschen Erstaufführung von ,My Fair Lady‘“, sagt Manfred Stock.

Dann, als er 1988 einen Räuber in den „Bremer Stadtmusikanten“ spielte, hatte Stock einen Bühnenunfall, die Achillessehne riss und heilte fortan nie wirklich. „Seitdem war ich leider eingeschränkt in meiner Schauspielerei. Es war schwierig. Und das alles zur Zeit um die Wende, wo sich ohnehin so viel veränderte.“ Auch für Manfred Stock, der Anfang der 90er-Jahre nach Berlin kam. Er wurde nun zum Autor, schrieb Bücher über Anekdoten und Rätsel (zum Beispiel „Rätselhafte Anekdoten“ oder „Promi-Anekdoten“). Die Bücherwand in seinem Arbeitszimmer quillt über von Witzbüchern, Anekdoten-Reihen, Romanen und Sachbüchern. Das ist sein „Stoff“, um Rätsel zu schaffen. „Es gibt über 100 unterschiedliche Rätselformen, und mit dem Kreuzworträtsel fing es ja auch nicht an“, sagt Manfred Stock. Das ist sein Thema, sein Wissen ist immens. „Auch ein Irrgarten ist ja eine Form des Rätsels.“

Ein besonderes Buch in seiner großen Sammlung – abgesehen von seinen eigenen, also denen, die er selbst geschrieben hat – ist übrigens das „Guinnessbuch der Rekorde“ aus dem Jahr 2000. Dort ist er mit einem Rätseleintrag zu finden, mit dem er bis heute den Weltrekord hält. „Ich habe damals ein Silbenrätsel eingeschickt, das aus 22 Wörtern besteht, die fünf Sprichwörter als Lösungssenkrechte ergeben“, sagt Manfred Stock, und der Moment scheint gerade irgendwie günstig – also schnell noch einmal nachgefragt: Wie alt ist er doch gleich? Ein Lächeln. „Also, auf jeden Fall bin ich ein Zwilling …“ Mhhh. Zurück zum Weltrekord: Ein Nichträtsler kann nicht einmal mit der Umschreibung etwas anfangen – erstaunlich, wenn sich jemand so etwas ausdenkt.

Manfred Stock liebt Wortspielereien und die deutsche Sprache. Gerade in seinem Bereich ist es ihm wichtig, auf besondere Sprachqualität zu achten. „Ich benutze das Wort Zentrum und nicht Centrum“, sagt Stock. „Und in meinen Rätseln findet man auch nie das Wort Kid oder Shop. Man kann doch auch Kind und Laden sagen!“ Für ihn besteht Qualität auch darin, Umlaute zu benutzen. „Meine Arbeiten erkennt man am ä, ö, ü und ß – und daran, dass ich niemals zweibuchstabige Begriffe als Lösung verwende.“ Gerade sei ihm ein Rätsel untergekommen, in dem zwei Fragen lauteten: Abkürzung für Normalnull und Ausdruck des Erstaunens. „Die Antworten sind also NN und Oh! Das finde ich echt zu doof.“

Von guten und schlechten Rätseln

Was ist denn für ihn ein gutes Rätsel, aus? „Viele mögen es, wenn sie bei einem Rätsel auch ein bisschen genasführt werden, wenn eine Lösung nicht klar und eindeutig vor einem liegt“, sagt Manfred Stock. Wenn die Lösung für einen Laubbaum beispielsweise „Esche“ oder „Eiche“ sein kann, also das Austauschen eines kleinen Buchstabens eine große Wirkung auch auf das richtige Lösungswort am Ende hat, dann kommen er und auch seine Rätselfreunde auf ihre Kosten. Dabei entwickelt sich auch in der Rätselbranche alles zunehmend weg vom „Handgemachten“ hin zur Computerware. Was Manfred Stock natürlich bedauert, auch da „mangelt es dann an Qualität“.

Dabei hätten Rätsel so viel zu bieten. Auch um diese Begeisterung zu teilen, hat Manfred Stock nun wieder einmal ein Buch geschrieben: „Kleine Deutsche Rätselkunde. Die Geschichte des Rätsels von der Anekdote bis zum Sudoku“ (198 Seiten, Wagner Verlag, 7,80 Euro). „Natürlich ist das Buch lustig – es ist kein ernstes Lexikon“, sagt Manfred Stock und lacht. Er lacht viel, erzählt pausenlos augenzwinkernd Gags und schiebt immer wieder kleine Rätselfragen ein. Wenn er sich freut, hat er geradezu etwas Jungenhaftes. Er ist der lebende Beweis dafür, dass Rätsel und Humor – vor allem in Kombination – Garanten sind, um fit zu bleiben. Ein Rätsel hat er eigens für die Morgenpost-Leser entwickelt (siehe links). Na, nun aber: Wie alt ist er denn nun eigentlich? „Ich bin heute einen Tag älter als gestern“, antwortet Manfred Stock, lächelt charmant und seine Augen blitzen fröhlich. Sein Alter verrät er partout nicht. Ein echtes Rätsel, der Mann.