Morgenpost vor Ort

Schöner wohnen – aber nicht für jeden

„Droht Berlin eine Wohnungsnot?“ Das Forum der Berliner Morgenpost vor Ort zur Wohnungs- und Mietenpolitik am 13. August in Mitte

„Behagliches und ruhiges Wohnen hinter modern gestalteten Fassaden“ in „exklusiver Berlin-Mitte-Lage“ am Spittelmarkt verspricht der Werbetext auf der Immobilienseite im Internet. Das Wohnquartier, das gleich hinter den Plattenbauten aus DDR-Zeiten entsteht, hat in der Tat beachtliche Qualitäten. In ruhigen Nebenstraßen, nur 1000 Meter vom Gendarmenmarkt entfernt, entstehen hinter eleganten Fassaden etwa 850 Wohnungen, von denen einige bereits bezogen, andere im Rohbau schon fertig sind. Doch wer in eine der neu gebauten Wohnungen einziehen will, muss tief in die Tasche greifen. 14 Euro pro Quadratmeter und Monat Kaltmiete werden beispielsweise für eine Zweizimmerwohnung im vierten Stock mit Balkon und Fahrstuhl verlangt. Für viele Berliner ist das unerschwinglich.

Auch an anderen Orten der Stadt drehen sich wieder die Baukräne für den Wohnungsbau, an zahlreichen Baulücken sind Bauschilder angebracht, die für kommende Wohnprojekte werben. Doch egal ob in Pankow, Kreuzberg, Mitte oder Charlottenburg: Das, was die privaten Investoren an den Markt bringen, ist für unter zehn Euro in der Regel nicht zu haben.

Mietenspirale dreht sich

Zugleich steigen auch die Mieten in den älteren Wohnungsbeständen immer weiter. Nach dem aktuellen Wohnkostenatlas, den das Wohnungsunternehmen GSW und der Immobiliendienstleister CBRE vorgelegt haben, müssen Wohnungssuchende in Berlin durchschnittlich 7,50 Euro pro Quadratmeter und Monat Kaltmiete zahlen. Das sind 13,8Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Zum Vergleich: Der Mietspiegel weist für Berlin eine Durchschnittsmiete von 5,21 Euro pro Quadratmeter (nettokalt) aus. Am teuersten fallen mit durchschnittlich 8,94 Euro dabei die Mieten im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg aus, gefolgt von Charlottenburg-Wilmersdorf mit 8,93 Euro und Mitte mit 8,11 Euro.

Die Diskussion über die ständig steigenden Mieten und die damit verbundene Verdrängung alteingesessener Mieter hat in den vergangenen Monaten deutlich an Schärfe zugenommen. Im Internet kursieren bereits Listen von hochwertigen Neubauprojekten, die selbst ernannte Kiezwächter als lohnende Vandalismusziele empfehlen. Entspannung ist vorerst nicht in Sicht, denn Berlins Bevölkerung wird auch in den kommenden Jahren nach übereinstimmenden Prognosen der Experten viel schneller wachsen als der Wohnungsneubau.

„Droht Berlin eine Wohnungsnot?“ lautet deshalb das Thema des Forums am 13. August im Beisheim-Center am Potsdamer Platz (Berliner Freiheit 2) in Mitte. Als Morgenpost-Leser können Sie kostenlos an der Veranstaltung teilnehmen – und natürlich mitdiskutieren. Egal, ob Sie Mieter oder Eigentümer sind oder sich aus anderen Gründen für wohnungspolitische Themen interessieren. Eine Anmeldung genügt (siehe Kasten).

Auf dem Podium diskutieren zunächst Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD), Reiner Wild, Geschäftsführer des Berliner Mietervereins (BMV), sowie Maren Kern, Chefin des Verbandes Berlin Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU), und Frank Schrecker, Vorstandsvorsitzender der Wohnungsbaugenossenschaft Berolina, mit Isabell Jürgens, Fachredakteurin der Berliner Morgenpost für Bauen und Wohnen. Moderiert wird die Diskussion von Morgenpost-Autor und Kolumnist Hajo Schumacher. Nach der Gesprächsrunde auf dem Podium können dann die Teilnehmer im Publikum an die Experten ihre Fragen stellen und mit ihnen über ihre Ansichten diskutieren.

Die Diskussion wird sich unter anderem um die aktuelle Wohnungspolitik des Senats drehen. Unternimmt die rot-schwarze Koalition genug, um die aktuellen Probleme auf dem Berliner Wohnungsmarkt in den Griff zu bekommen? 30.000 Wohnungen sollen in der laufenden Legislaturperiode in Berlin neu gebaut werden, so steht es im Koalitionsvertrag von SPD und CDU. Wer die Wohnungen bauen soll und zu welchen Konditionen sie am Markt angeboten werden sollen, ist indes nicht festgelegt. Zudem soll der Wohnungsbestand der sechs landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften durch Zukäufe und Neubau von aktuell 277.000 auf 300.000 Wohneinheiten angehoben werden.

Der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) geht angesichts des zu erwartenden Bevölkerungswachstums – bis zum Jahr 2030 ist laut Senatsprognose mit 250.000 Neu-Berlinern zu rechnen – ohnehin von einem deutlich höheren Neubaubedarf in Höhe von 150.000 Wohnungen aus.

Auch der Berliner Senat hat erkannt, dass angesichts der Entwicklungen am Wohnungsmarkt noch mehr Anstrengungen nötig sind als ursprünglich im Koalitionsvertrag vor knapp zwei Jahren vereinbart. Um den Mietwohnungsbau zu befördern, hat der Senat deshalb in diesem Mai beschlossen, dass die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften wieder in den Neubau von preiswertem Wohnungsbau einsteigen sollen. Dazu sollen sie bis 2018 mindestens 775 Millionen Euro investieren, davon 175 Millionen Euro in Eigenkapital und 600Millionen Euro durch Kredite. Bei den Wohnungsbaugesellschaften ist das auf ein geteiltes Echo gestoßen, zumal viele immer noch auf gigantischen Schuldenbergen sitzen und nun nur ungern neue Schulden machen wollen.

Platz für 220.000 Wohnungen

Viele der angekündigten Neuregelungen haben allerdings die Planungsebene noch gar nicht verlassen. So ist auch der Stadtentwicklungsplan (Step) Wohnen immer noch in der Abstimmung, soll aber immerhin noch in diesem Jahr verabschiedet werden. Senator Müller hat 25Neubaubereiche festgelegt, in denen großflächiger Wohnungsneubau künftig auch in der Innenstadt möglich sein soll. Eines der anvisierten Neubaugebiete befindet sich beispielsweise auf dem Tempelhofer Feld, wo nach Vorstellungen der Senatsverwaltung rund 4500 Wohnungen entstehen könnten. Insgesamt ist im „Step Wohnen“ Platz für 220.000 neue Wohnungen ausgewiesen. Weil neue Wohnungen in großem Umfang nicht von heute auf morgen entstehen, fordern Mietervertreter weitere Anstrengungen des Senats, um den Mietwohnungsbestand zu schützen.

Beim Leserforum „Morgenpost vor Ort“ werden aber noch viele weitere Aspekte eine Rolle spielen. Und Sie als Teilnehmer können die Themen mitbestimmen – egal ob es um den Schutz vor Luxusmodernisierungen geht oder um die Frage, wo in Berlin noch günstige Wohnungen zu finden sind.