Techniksammler

Jäger der verlorenen Flugzeuge

Holger Steinle sucht Raritäten der Luftfahrt für das Berliner Technikmuseum. Dies ist sein neuester Coup

Es ist kein kalter Tag, als ein Flugzeug am 23. Juli 1933 im Tiefflug über die Baumwipfel der schier endlosen kanadischen Wälder rast. In der offenen Pilotenkanzel sitzt ein Mann. Plötzlich berührt die Maschine die Baumwipfel, der Pilot verliert die Kontrolle, das Flugzeug stürzt ab. Hat er sich gebückt, nach einer Karte gesucht oder nur seine Fliegerbrille zurechtgeruckelt? Man weiß es nicht. Die Bergung der Maschine im Jahre 1981 durch das Western Canada Aviation Museum gab über die Unfallursache keinen Aufschluss. Nur eines ist klar: Es handelt sich bei dem Wrack um eines der Flugzeuge, das der Luftfahrt einen technischen Quantensprung bescherte. Die Junkers F13 war das erste Ganzmetallflugzeug der Welt mit geschlossener Passagierkabine. Das Deutsche Technikmuseum Berlin lässt die Maschine für ihre Luft- und Raumfahrtausstellung nun aufbauen.

Wie aber kam das Flugzeug nach Kanada? Die Maschine, die von 1919 an in Serie ging, war derart revolutionär gestaltet und galt im Betrieb als äußerst verlässlich, dass es ein Exportschlager war. Lange bevor die Luftfahrt zu dem Massenphänomen wurde, als das wir sie heute kennen, kauften die großen Luftpostgesellschaften das Flugzeug in einer Frachtversion. Briefe, Eilsendungen und Pakete wurden so von Montreal nach Vancouver, quer über den amerikanischen Kontinent, aber auch von Moskau nach Sankt Petersburg transportiert. Ein Packesel der Lüfte. „Andere Exemplare waren sogar in Südamerika oder Afghanistan im Einsatz“, berichtet Holger Steinle, der die Luft- und Raumfahrtabteilung im Deutschen Technikmuseum zu dem machte, was sie heute ist. „Der F13-Job wird einer meiner letzten Einsätze“, sagt Steinle.

Gut erhaltenes Wrack

Die in den Wäldern Kanadas gefundene F13 sei trotz der langen Zeit, die sie der Witterung ausgesetzt war, „in relativ gutem Zustand“ gewesen, sagt Steinle. Das Wort „relativ“ ist bei Rekonstrukteuren historischer Maschinen aber selbst sehr relativ. Einige Spezialisten auf diesem Gebiet erschaffen aus mitunter völlig verrosteten Flugzeugen museumsreife Objekte, wie etwa der Ungar Karl Bircsak, der im Auftrag des Museums südlich des Balatons in seiner Werkstatt seit Jahren am Zusammenbau einer Ju88 arbeitet. Sie war dort in den 40er-Jahren abgestürzt und in deutlich schlechterem Zustand als die F13 in Kanada. „Jedes Flugzeug ist ein Abenteuer“, sagt Steinle. Und er muss es wissen. Wie ein Jäger reiste er um die Welt, nach Südamerika, in den Jemen, nach England und Norwegen. Immer auf der Suche nach einem noch unentdeckten Flieger. Zwar hatten vorbeikommende Trapper und Plünderer große Teile der Tragflächen abmontiert – der Motor wurde ausgebaut und für den Bau eines Propeller-getriebenen Schlittens umfunktioniert. Aber die Kabine war in vergleichsweise gutem Zustand. Der kastenförmige Rumpf und die Tragflächen der F13 bestanden aus durchgehenden Rohrholmen, angenieteten Streben und einer Wellblechbeplankung aus einer Aluminiumlegierung, daher gab es wenig Rost.

Die „City of Prince George“ flog für die Air Land Manufacturing in Vancouver. Sie war beim Start in den Rocky Mountains gleich wieder notgelandet. Dabei wurden die beiden Tragflächen und das Leitwerk stark beschädigt. Seine Insassen überlebten. Für Passagiere bot die Maschine einen für damalige Verhältnisse durchaus respektablen Komfort. Die Serienmodelle waren mit Polstersitzen oder bequemen Korbsesseln ausgerüstet und verfügten über ein Heizsystem sowie Innenbeleuchtung. Die beiden Piloten saßen zunächst in einer offenen Kabine. Erst später wurde auch die Pilotenkabine geschlossen ausgeführt. Das starr montierte Fahrwerk konnte bei Bedarf gegen ein Schwimmergestell oder ein Schneekufengestell wie bei der F13 ausgetauscht werden.

Weil das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg verloren hatte, wurden die Maschinen damals allerdings nicht in Deutschland zusammengebaut. Stattdessen wurden sie in Kisten in die Abnehmerländer transportiert und erst dort zusammengesetzt. Im Versailler Vertrag hatten die Siegermächte festgelegt, im besiegten Deutschland zunächst keine militärische Flugzeugproduktion zuzulassen – die Nachwirkungen des Krieges, in dem erstmals Bomben von Flugzeugen abgeworfen worden waren. Das Flugzeug war deshalb auch komplett für die zivile Luftfahrt entwickelt worden. Firmenchef Hugo Junkers gab seinem Chefkonstrukteur Otto Reuter den Auftrag, ein Passagierflugzeug zu entwickeln, das erste F13-Serienmodell wurde 1919 in den USA an den Unternehmer John M. Larsen verkauft.

Flieger beim afghanischen König

Aus dem Deal entwickelte sich die „Junkers-Larsen Aircraft Corporation“ mit Sitz in New York, wo die in Kisten angelieferte F 13-Modelle montiert wurden. Selbst in den Besitz des afghanischen Königs schaffte es ein Exemplar. Insgesamt will das Berliner Technikmuseum mit Hilfe der Hugo-Junkers- und Lufthansa-Stiftung zwei F13 aufbauen lassen, eines als flugfähiges Exemplar, das als „Werbeträger“ dienen soll. Das andere Modell soll ab Ende 2014 in dem Kreuzberger Museum zu bewundern sein. Als Kosten sind 750 000 Euro veranschlagt.

Insgesamt wurden 322 Flugzeuge dieses Typs hergestellt, von denen etwa 110 in Deutschland zugelassen waren. Die F13 wird nicht das letzte Schmuckstück sein, das Holger Steinle für das Museum gesichert hat. Voraussichtlich 2014 geht es nach Frankreich, zum Lac du Bourget, im Norden des Departéments Savoie unweit der Alpen. In dem größten natürlichen See Frankreichs liegt in rund 100 Meter Tiefe eine Focke Wulf 58, die will Steinle noch bergen. Für den Coup hat er die Helmholtzgesellschaft gewonnen. Sie will mit bei der Bergung helfen. Mit ihrem Tauchboot „Jago“ soll eine Mannschaft hinab zu dem Wrack tauchen.

Eigentlich wäre Steinle längst im Ruhestand. Doch der designierte Nachfolger konnte wegen einiger Formalien den Job nicht übernehmen. Deshalb wurde Steinle, obwohl schon pensioniert, für weitere drei Jahre verpflichtet, als Angestellter. Es verwundert nicht, denn die Sammlung ist untrennbar mit seinem Namen verknüpft. In den 70er-Jahren durchwanderte er Berlin, stoppte an der Straße Alt-Moabit, am Restaurant Paris-Moskau. Auf der gegenüberliegenden Seite war einst die Deutschen Luftfahrtaustellung untergebracht, die 1944/45 beschädigt wurde.

Highlight war eine Do-X, eines der größten Flugzeuge seiner Zeit. Steinle nahm sich vor, in Berlin wieder eine große Sammlung aufzubauen. Er schaffte es, trug eine Schau der Raritäten zusammen. So wie das Nurflüglermodell der Horten-Brüder aus den 40er-Jahren, dessen revolutionäres Einflügeldesign die Amerikaner Jahrzehnte später für ihren B2-Bomber nutzten. Das Haus an der Trebbiner Straße ist längst zu klein. So lagert nicht nur das Horten-Modell in den Depots in Reinickendorf. Steinles Traum, die Flieger in den Hangars von Tempelhof zeigen zu können, scheint ausgeträumt, seit die Bread&Butter-Modemesse dort Denim inszeniert.