Freizeit

24 Stunden im Görlitzer Park

Die einen lieben den „Görli“, andere halten ihn für eine Drogenhölle. Tags ist der Park oft überfüllt, aber was passiert nachts? Wir waren in Kreuzbergs umstrittenstem Stück Grün unterwegs

8 Uhr – Grillen, Chillen, Kiffen Der Görlitzer Park kann eine Idylle sein. Ein Stück Land mitten in der Stadt. „Moin!“ Ein Mann in rotem T-Shirt und Shorts steht auf einem Misthaufen. Die Mistgabel in der Hand, winkt er über den Zaun des Kinderbauernhofs. Dahinter kreuzen Jogger und Radfahrer. Vögel zwitschern. In der Ferne rumpelt die Stadt.

Eine Idylle – läse man nicht so viel Schlechtes über den Park. Anfang Juli stach ein Mann an der Görlitzer Straße auf Passanten ein, es gab acht Verletzte. Im Park wird offen mit Marihuana gehandelt. Anwohner beklagen seit Langem die Gewalt unter den Dealern. 2010 starb einer von ihnen direkt neben dem Kinderzirkus an Messerstichen. 2012 wurde eine junge Französin tot im Landwehrkanal gefunden. Sie hatte im Park Drogen gekauft. Und so weiter.

Soll man den Park also dichtmachen, wie manche fordern? Eintritt nehmen? Oder gar einen „Coffeeshop“ nach holländischem Vorbild einrichten, in dem Marihuana legal verkauft wird? Das schlägt die neue Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann, vor. Was sagen Besucher des Parks? Das sind trotz allem viele. In Kreuzberg, wo statistisch gesehen 14.000 Menschen auf einem Quadratkilometer leben, ist der 14 Hektar kleine Park für viele das einzige Stück Grün in der Nähe. Außerdem liegt es zentral zwischen den Szenevierteln von Neukölln und Friedrichshain. Viele junge Neu-Berliner treffen sich hier. Zum Grillen, Chillen und Kiffen.

9 Uhr – Saubermachen Darauf zumindest lassen die Funde schließen, die Sahin Karaaslan und seine Kollegen jeden Morgen im Park machen. Die drei Männer mit den Zangen und Eimern arbeiten für 1,50 Euro die Stunde fürs Grünflächenamt. Sie tun es gern. Sie werden dringend gebraucht. Jeden Morgen picken sie wieder schmierige Grillschalen auf, Flaschenscherben und Zellophantütchen. In den Tütchen wird überall im Park Marihuana verkauft. Auch jetzt stehen die ersten Händler des Tages im Schatten der Bäume, mit suchenden Blicken.

Die Kundschaft schläft noch. Auf einer Teerfläche neben der Party-Bar „Edelweiß“ liegt ein Mann in der prallen Sonne. Den Kopf hat er auf die Jacke gebettet. Am Gebäude dahinter hängt ein Schild: „Dealer, verpisst euch“. Die drei Männer vom Grünflächenamt schütteln den Kopf. Den Müll nehmen sie gelassen hin, nicht aber die Drogen. Sorgen machen ihnen die vielen Menschen, die im Park übernachten. „Manchmal sind es morgens 50 oder mehr“, sagt Metin. Und längst nicht alle sind Partygäste. Die drei deuten auf die Gruppe Menschen am Ausgang zur Görlitzer Straße.

10 Uhr – Symbol für die hilflose Politik Dort sitzen Männer, Frauen, Kinder beisammen. Die Roma-Familie hat ihr Quartier am Rand der Fußballwiese aufgeschlagen. Es besteht aus mehreren Kinderwagen voller Decken und Kleider, ein paar Stühlen und einem wackligen Tisch mit Töpfen darauf. Später werden die Männer hier erst lange palavern und dann gegen Mittag verschwinden. Die Frauen und Kinder werden eine Weile draußen im Schatten der Mauer auf dem Gehweg sitzen und Eis essen. Dann werden sie ebenfalls losziehen. Am Hühner-Imbiss vorn an der Ecke werden sie um Geld und Essen bitten.

Schon in den vergangenen Jahren lebten rumänische Roma im Park. Weit mehr als dieses Jahr campierten unter dem Vordach der alten Bahnhofsgebäude. Darin hat die Party-Bar Edelweiß ihre Räume. Eine Weile ging die Mischung gut, dann gab es Ärger. Wegen der Bettelei und der unhygienischen Umstände, in denen die Roma lebten. Aber auch, weil die Politik sich so hilflos gab. Die Stadt weiß ebenso wenig wohin mit den Leuten wie die große Politik, die das europäische Zusammenwachsens beschlossen hat.

Jenseits der Parkmauer, an der Görlitzer Straße, ist es schattig und still. Nur hinter den Türen der Restaurants rumoren Putzfrauen. An einer Ecke klingt leises Gitarrenspiel. Ein Mann mit Gitarre sitzt vor einem geschlossenen Restaurant. Vor ihm liegen Noten, ein klassisches Stück. Er sei auf dem Weg zur Arbeit, sagt Stefan. Er ist 42 Jahre alt und Tischler. Er sagt: Er lebe seit Langem in Kreuzberg, aber den Park habe er schon lange nicht mehr besucht. „Zu voll, zu laut, zu schmutzig.“ Dann spielt er weiter.

11 Uhr – Aufstehen Wer frühstücken will, muss an den Spreewaldplatz. Einst galt der Platz als das ganz wilde Kreuzberg. Heute sind die Speisekarten touristengerecht zweisprachig und laminiert. An den Tischen der Morena-Bar sitzt ein Schweizer Paar mit Kleinkind und Baby beim Müsli. Eine Gruppe Holländer lärmt, und ein tätowierter Vater diskutiert mit seinem Sohn über Politik. Daran vorbei schlendert die Park-Mannschaft des Tages. Deren Vorposten sitzt vorm Spreewaldbad und fragt: „Hello? You want Gras?“

Unter dem Vordach des Bahnhofsgebäudes im Park sitzt eine Gruppe rosafarbener Schulmädchen und isst Eis. „Den Müll bitte in die Tonnen!“, mahnt ein Betreuer. Gegenüber stellt ein Camper sein Ein-Mann-Zelt auf den Hügel. Es hat in der Nacht geregnet. Er breitet den Inhalt seines feuchten Rucksacks aus. Zahnbürste, Schweizer Taschenmesser, Shampoo. Dennis ist 31 Jahre alt und kommt aus Schweden. Zwei Monate ist er mit seiner Freundin auf Europatour. Geschlafen haben sie diese Nacht im Treptower Park, der Görlitzer Park sei ihm zu voll. Tagsüber aber sei er aber gern hier. Ein Mann unterbricht ihn: „You want a Joint?“ Dennis schüttelt den Kopf. Er ist schon versorgt.

Dass Drogen hier so offen gehandelt werden, sei in seiner Heimatstadt Stockholm undenkbar, sagt Dennis. „Die Polizei würde es maximal zwei Wochen dulden.“ Im Hintergrund hocken junge Männer im Schatten bei Bier und Selbstgedrehtem. Weiter unten brüllt der Jointverkäufer einen anderen Mann an. Sein Englisch ist berlinerisch gefärbt. „You want fight? I could kill you, ey!“ Niemand reagiert.

Dennis schaut nachdenklich auf das weite Panorama und die seltsamen Formen des Parks. Das vermeintliche Amphitheater am Spreewaldplatz besteht aus den Ruinen eines Wasserspiels. Ein Künstler hatte in den 90er-Jahren versucht, die berühmten türkischen Sinter-Terrassen „Pamukkale“ nachzubauen. Er scheiterte am Frost. Oder die drei Bahnhofsgebäude am Fuß des Hügels: Sie gehörten einst zum „Görlitzer Bahnhof“ aus dem 19. Jahrhundert.

Der Kopfbahnhof verband das energiehungrige Berlin mit den Kohlequartieren der Lausitz. Er wurde im Krieg teilweise zerstört und mit dem Mauerbau vom Osten abgehängt. In den 80er-Jahren waren Häuser darauf geplant. Die freiheitsliebenden Kreuzberger wollten auf dem wilden Gelände lieber grillten und spazieren gehen. Sie setzten sich durch. Nach dem Mauerfall entstand die große Liege-Mulde, wo ein Tunnel die Bahnsteige verbunden hatte, es gibt Rodel- und Rutschbahnen, Grill- und Grünflächen. Momentan werden die Wege gepflastert und Straßenlaternen aufgestellt. Das soll die Sicherheit erhöhen.

12 Uhr – Zirkus Neben dem bunten Kinderzirkus Cabuwazi an der Wiener Straße warten immer mehr junge Männer im Schatten. Zwei buchstabieren sich durch einen Berlin-Reiseführer auf Portugiesisch, andere mustern die Passanten. So wie überall, wo Menschen ohne Arbeit und Aufgabe versuchen, die Zeit totzuschlagen. Ein Mann schiebt seine Hand in die dichten Blätter am Zirkuszaun. Dort hat er etwas versteckt. So ist es immer hier, allen Polizeirazzien zum Trotz. Bisher hätten die Gras-Dealer die Kinder in Ruhe gelassen, sagt ein Zirkusmitarbeiter. Mehr Sorgen machen ihnen die Dealer harten Drogen, von denen es immer mehr gebe. „Das sind meist Araber oder Türken“, sagt der Mann. Mit denen hätten sie schon Ärger gehabt.

13 Uhr – „Jemand sollte sich um die Flüchtlinge kümmern“ Am Treptower Ende des Parks hat Ragheb Hommeyer seinen fahrbaren Falafelstand aufgestellt. In dem winzigen Gefährt frittiert er Kichererbsenbällchen. In einem Samowar bereitet er frischen Tee. Auf einem Regal spielt ein Radio amerikanische Hits der 60er. Das Wägelchen hat er selbst gebaut. Es steht ziemlich genau da, wo einst die Grenze verlief. Auf der Brücke zwischen den Welten. Heute endet nur noch Kreuzberg, beginnt das bürgerliche Treptow. Die Falafelkunden sind Büroangestellte aus den umliegenden Häusern, aber ebenso das bunte Volk aus dem Park.

Ragheb Hommeyer ist Lehrer. Vor 30 Jahren kam er aus Jordanien nach Kreuzberg. Er ist Christ, er heiratete und blieb. Hommeyer hat in der Senatsverwaltung gearbeitet, als „Falafelmann“ verdient er sein Geld bis zur Rente. Eine Weile habe er versucht, die jungen Dealer von ihrem kriminellen Tun abzuhalten. „Auch wenn sie nicht arbeiten dürfen, gibt es doch immer jemanden, dem man für ein bisschen Geld helfen kann.“ Doch manche wollten nicht. „Sie kommen mit falschen Vorstellungen her.“ Hommeyer sagt: Was fehle, sei ein Konzept. „Die Polizei müsste ständig hier sein. Und es sollte sich jemand menschlich um die Flüchtlinge kümmern.“

14 Uhr – Rauchschwaden Auf den Pamukkale-Hügel sitzen jetzt junge Leute dicht an dicht. Rauchschwaden steigen auf. In der Mitte feuern drei junge Männer johlend einen vierten an. Der beugt sich mit bleichem Gesicht vornüber. Die anderen rufen: „Ja! Durchatmen und raus damit!“ Etwas weiter stehen Dealer im Gespräch mit Parkbesuchern. Jeder kann zuschauen, wie Geld und Ware den Besitzer wechseln.

15 Uhr – Misstrauen ist das Grundgefühl Aus dem Grünstreifen am Landwehrkanal schlendern fünf Jungs auf die Straße. Sie sind vielleicht 16 Jahre alt. Einer hält eine kleine Zellophantüte mit grünen Blättern in der Hand und schnuppert daran. Der Drogenhandel ist längst nicht mehr nur auf den Görlitzer Park beschränkt. Moralische Grenzen gibt es auch nicht, was das Alter der Kunden betrifft. Auch am Landwehrkanal sitzen viele dunkelhäutige Männer auf Bänken. Einer grüßt höflich und sagt dann: „Sie können bei uns nichts kaufen.“ Er stamme aus Sambia und lebe im Asylbewerberheim, sagt er. Sein Sitznachbar ist aus Spanien für ein paar Tage zu Besuch. Mehr wollen sie nicht erzählen. Misstrauen spricht aus ihren Gesichtern. Es ist das Grundgefühl in diesen Tagen im Görlitzer Park.

16 Uhr – Noch ein Problem Der Verein „Unser Görli“ sieht sich selbst als Vermittler zwischen den unterschiedlichen „Nutzergruppen“ des Parks. Im Auftrag des Bezirksamtes will der Verein die „Kreuzberger Mischung“ im Park erhalten. Für das Konzept dürfen sich alle Beteiligten einbringen. Doch der Verein möchte über die Flüchtlinge und das Drogenproblem nicht sprechen. Er beklagt stattdessen per E-Mail „skandalisierende und einseitige Berichterstattung“. Noch ein Problem mehr, so hört sich das an, in der Idylle Görlitzer Park.

17 Uhr – Gedenken an einen toten Sohn Die große Liegewiese ist voller Menschen. Sie sitzen in großen Gruppen oder allein. Manche lesen, andere spielen Frisbee oder mit ihren Hunden. Am Rand gibt es Empörung. „Was machen die da? Die reißen Blumen ab!“, ein Mann deutet auf drei Frauen. Sie schmücken auf der Obstwiese ein Apfelbäumchen mit gelben Rosen. Den Obstgarten hat ein Verein mit Freiwilligen angelegt. Zur Verständigung zwischen Mensch und Natur und den Kulturen. Der Mann schimpft weiter. Dauernd würden im Park Dinge zerstört. In diesem Fall ist das anders.

An den Stützen des Bäumchens hängen Fotos eines Mannes. Mit Filzstift sind Abschiedsworte daneben geschrieben und der Name: Eralp Uzun. Ein bekannter Schauspieler, der in lustigen Serien spielte wie „Alle lieben Jimmy“. Er war 31 Jahre alt, als er im April starb. Die drei Frauen sind seine Mutter, seine Schwester und eine Freundin. Sie kommen zweimal die Woche her. Eralp Uzun ist in Berlin bekannt, vor allem aber in Kreuzberg ist er für viele ein Idol. „Er war stolz darauf, Kreuzberger zu sein“, sagt seine Schwester. „Er mochte den Park. Es ist ein Platz mitten im Leben. Wir alle sind mit dem Park aufgewachsen.“ Drei junge Menschen auf der Bank nebenan bestätigen das. Eine Frau erzählt, sie sei mit Uzun zur Schule gegangen. Heute trifft sie sich oft nach der Arbeit mit Freunden im Park. Bedroht fühle sie sich nicht, sagt sie, ebenso wenig wie Uzuns Verwandte. „Es sind allerdings wirklich mehr Dealer geworden. Neulich wurden sogar unsere acht- und neunjährigen Kinder angesprochen“, sagt Uzuns Schwester. Doch die vielen anderen Menschen rundum gäben ihr Sicherheit. Das Problem der Drogen sei Sache der Polizei.

18 Uhr – Razzia Fast unbemerkt hat sich am Rand der Szene etwas verändert. Plötzlich stehen da nicht mehr dunkelhäutige Männer, sondern Weiße in schwarzen Uniformen. Razzia. An mehreren Tagen dieser Woche rückt die Polizei zur „Hauptgeschäftszeit“ im Park an. Binnen Minuten sind die Drogenverkäufer getürmt, auf Rädern oder zu Fuß. Wer es nicht schafft, muss zur Personenkontrolle. Gefilzt werden auch Menschen, die gar nichts mit Drogen zu tun haben. Vor allem, wenn sie eine dunkle Hautfarbe haben.

Vielen stößt das unangenehm auf. Wie Arne Behrensen, der seinen zweijährigen Sohn Henri im Fahrradanhänger spazierenfährt. „Die ständigen Kontrollen sind eine Unverschämtheit. Wir leben hier alle friedlich miteinander, was soll das?“ Ein dunkelhäutiger Mann steht neben ihm. Er hält eine Fernsteuerung in der Hand. Damit lenkt er ein Spielzeugauto immer wieder auf die Polizisten zu. Die schauen misstrauisch zu. Es ist ein Polizeiauto, „ein Porsche!“, der Mann lacht, aber es klingt wütend. Das ferngesteuerte Polizeiauto ist eine Mischung aus Provokation und Theater. Es demonstriert anschaulich das Gefühl der Hilflosigkeit auf allen Seiten.

Am Rand stehen wütend jene, die ungerechtfertigt in die Kontrollen geraten sind. Akua Osafa Hennig, die alle „Mama Afrika“ nennen, sitzt täglich mit Freunden im Park, Afrikanern ebenso wie Deutschen. Sie grillt dann Kartoffeln und Fleischspieße. Doch tags zuvor haben die Beamten den Grill konfisziert, sagt sie, vielleicht, weil sie Drogen darin vermuteten. Oder weil sie ihr unterstellten, ihr Grillgut zu verkaufen. Erklärt hat ihr das niemand. Der Grill ist weg. Ihr Vertrauen in die deutschen Behörden auch.

19 Uhr – Ort des Ankommens Vier Stunden bleibt die Polizei an diesem Abend im Park. Die Wege und Bänke sind verwaist. So fallen plötzlich die anderen Besucher auf, wie Frank Saalfeld mit seinem Bildschirm am Fahrradlenker, auf dem er beim Fahren Tanzvideos schaut. Das ganze Gefährt besteht aus Selbstgebasteltem, sogar die Fernbedienung. Ein älteres Ehepaar lässt sich alles erklären. Für Saalfeld ist das Radfahren Lebensinhalt. Er ist erwerbslos und durchmisst die Stadt täglich auf langen Strecken. „Der Park liegt dabei auf meinem Weg.“

Der Görlitzer Park als Durchgangsstation, das gilt auch im übertragenen Sinn. Als der Bahnhof noch stand, sind hier viele Menschen angekommen und geblieben. Auch ihre Mütter seien in den 30er-Jahren am Görlitzer Bahnhof ausgestiegen, sagt das Ehepaar, das bei Frank Saalfeld steht. Die Mütter kamen aus Posen und Schlesien. Malte und Anne Kerber leben heute in Treptow. Sie sind oft zum Spazierengehen im Park.

20 Uhr – „Alles tot!“ Ein Mann bricht dünne Äste aus einem Baum. Als sich Passanten empört nach ihm umdrehen, ruft er: „Alles tot!“ Er wolle mit dem dürren Holz einen Grill bauen. Vorm Rodelhügel wandelt ein junges Paar im Abendlicht. Er trägt einen Anzug und schwingt einen Schirm, sie trägt helles Gewand und cremefarbenes Kopftuch. Eine Szene, wie Max Liebermann sie gemalt haben könnte. Falls er je ins heutige Kreuzberg gekommen wäre.

21 Uhr – Große Politik im Park Auf den Wiesen sitzen Grüppchen um Grills und schauen gelassen zu den Polizisten hinüber. Sie seien nicht kontrolliert worden, sagen Kaspar, Anna, Stefan, Hein und Christopher. Wichtiger als die Razzia sind jetzt die Steaks auf dem Grill. Am „Pamukkale“ haben die meisten die Polizeiaktion gar nicht mitbekommen. Eine große Runde unterhält sich in allerlei europäischen Sprachen. Bei ihnen wird das Drogenproblem zur globalen Debatte. Die Flüchtlingspolitik, die verhindert, dass Asylbewerber in Deutschland legal arbeiten dürfen. Die Drogen: Man solle sie legalisieren, fordert ein 32-jähriger Brasilianer. In seiner Heimatstadt Rio haben Drogenkartelle ganze Viertel übernommen. Ihm widerspricht seine Freundin, sie ist Deutsche. In legalen Drogen sieht sie eine Gefahr für Jugendliche: „Das würde den Einstieg erleichtern.“ Den Coffeeshop, den die Bürgermeisterin vorschlägt, sehen sie kritisch. „Er würde es den Konsumenten erleichtern, nicht aber den Flüchtlingen.“

22 Uhr – „Maria, Maria“ An der Görlitzer Straße drängen sich internationale Gäste vor den Restaurants. Zwischendurch laufen Frauen mit Einkaufstüten in den Händen. Auf dem Bürgersteig spielen Kinder Fußball. Im Park sind die Polizisten auf dem Rückzug. Kaum sind sie weg, kurvt der erste Fahrradkurier wieder herum. Er singt leise „Maria, Maria“. Der Himmel ist jetzt ein orangefarbenes Panorama. Die Großstadt strahlt die Wolken an. Rund um den Park legen die hellen Fenster der Altbauten einen Saum aus Licht.

23 Uhr – Das letzte Bier Im Parkeingang Ecke Skalitzer Straße treten drei Gestalten aus dem Dunkel. „Hello? You want gras?“ Eines der Bahnhofsgebäude ist pinkfarben angestrahlt. Die Wiese davor leert sich. Im „Edelweiß“ sitzen die letzten Gäste in Liegestühlen beim Bier.

0 Uhr – „It’s paradise!“ Das „Edelweiß“ ist jetzt geschlossen. Am Pamukkale leuchten Kerzen und Handys. Stimmen füllen das Halbrund wie bei einem Open-Air-Event. Darüber liegt das Klimpern der Flaschensammler. Die rücken den Umsitzenden näher und näher und strecken die Hände nach Flaschen aus: „Can you give me this!“ Man sieht nichts mehr. Ein Italiener unterhält sich mit mit zwei Deutschen. „Wie heißt dieser Platz? It’s a nice place!“ Der Angesprochene zieht genüsslich an seinem Joint und ruft dann: „Welcome to Görlitzer Park! It’s paradise!

An der Wiener Straße heulen Martinshörner. Blaulicht zuckt durch die Bäume. Die Beamten springen aus den Autos und kommen drei Kollegen zu Hilfe, die einen Mann festhalten. Sein heiseres Brüllen hallt durch den Park. „Was bist du? Du bist kein richtiger Polizist!“ Der Mann soll einen anderen verletzt haben. Der ist aber abgehauen.

1 Uhr – Franzosen feiern An der Görlitzer Straße sind die Tische längst eingeräumt. Schon seit 23 Uhr darf niemand mehr draußen sitzen. Junge Leute ziehen singend und johlend durch die Straße. Eine Gruppe Spanierinnen kreischt und lacht. Drei Franzosen singen ein Lied, Arm in Arm und betrunken. Um den dunklen Park machen sie einen Bogen.

2 Uhr – Polizeisirenen An der Wiener Straße sind die Restaurants noch voller Touristen. Nur in den Stammkneipen der Kreuzberger ist es leer. „Sommerferien“, sagt ein Wirt lakonisch. Seine Kneipe gibt es seit fast 30 Jahren. Er sagt, er habe viel vom wilden Kreuzberg miterlebt. Aber jetzt reicht es ihm. Die Umstände im Park seien unerträglich. Einerseits tun ihm die Menschen leid, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen. „Viele werden wohl zum Dealen genötigt.“ Doch die Folgen seien für die Anwohner immer schwerer zu ertragen. Bei Revierkämpfen gingen die Dealer die teilweise mit Stangen aufeinander los. „Es wird immer aggressiver gedealt, und die Politik unternimmt nichts. Es dauert nicht mehr lange, bis es selbst im toleranten Kreuzberg mal knallt.“ Seinen Namen möchte er nicht nennen. Zwar sei er selbst politisch links, doch was in Kreuzberg stattfinde, sei absurd. Zuletzt hatten man der Wirtin des „Edelweiß“ Rassismus vorgeworfen, weil sie den Drogenhandel kritisiert hatte. Nach Drogenrazzien wurden vier Autos angezündet. Das Gespräch wird unterbrochen von Polizeisirenen. An der Skalitzer Straße ist ein Pulk Männer vor einem mexikanischen Restaurant aufeinander losgegangen. Der Streit ist schnell beendet, die Beteiligten sind verschwunden. Die Kellner fegen Scherben und Blutspuren zusammen. Gegenüber sitzen Männer vor einem türkischen Kaffee. Es ist Ramadan. In der Moschee feudeln Frauen das Foyer.

3 Uhr – Afrika, Krokodile, deutsche Frauen Im Park ist es still. In den dunklen Ecken warten noch immer Männer. Das große Theater ist umgezogen auf die Kammerbühne: Ein Dönerladen, vor dem sich achtlos hingeworfene Mountainbikes stapeln. Immer wieder kommen junge Männer, werfen ein Rad dazu oder verschwinden mit einem in die Nacht. Zwei hochgewachsene Afrikaner balancieren johlend auf einem winzigen Fixie-Fahrrad. Die Mienen sind jetzt entspannt, sie sagen so etwas wie „Feierabend“.

Ein älterer Herr mit Hut bleibt am Laden stehen und beginnt zu erzählen, auf Deutsch, Französisch, Englisch, mit Zischen und Schnalzlauten. Er stamme aus Guinea, sagt er. Seine Geschichte klingt melodisch wie eine Ballade, sie handelt vom Kontinent Afrika, von Krokodilen, deutschen Frauen, Fahrrädern und Drogen. Alle lachen. Einen Moment lang wirkt alles ganz leicht, Kreuzberg, das Leben, die Nacht. Wären da nicht diese ständigen Blicke nach drinnen, wo zwei dunkle Gestalten an Daddelautomaten sitzen. Ab und zu rufen sie etwas nach vorn, herrisch wie Regisseure.

4 Uhr – Abenteuerlust Der Dönerladen ist eine Konstante der Nacht. Er schließt nie. Die Buslinie M29 entlässt um diese Zeit immer noch junge Menschen auf die Straße. Sie haben Bierflaschen in den Händen und Abenteuerlust in den Mienen.

5 Uhr – Mond Eine schmale Mondsichel bewacht den Schlaf im Görlitzer Park. Aus einem Gebüsch dringt Schnarchen.

6 Uhr – Frühstück Die vielen „Spätis“ sind die Frühschicht rund um den Park. Wer Zeitungen will, Frühstück oder auch heißen Kaffee, ist hier richtig.

7 Uhr – Alles auf Anfang Der Hahn kräht im Kinderbauernhof. Im Park warten die nächsten Müllberge auf Sahin, Kemal und Metin mit ihren Zangen und Eimern. Im Görlitzer Park beginnt alles wieder von vorn.