Familientragödie

„Mein Vater soll für immer hinter Gittern bleiben“

Die Mutter der Berlinerin Vivien C. wurde vom Ehemann erschossen – in einer Kirche im Harz

Der Schuss fiel in der Kirche Zur Heiligen Familie: Siegfried C. soll der Mörder seiner Ehefrau sein. Am Montag wird gegen ihn vor dem Landgericht Braunschweig das Urteil gesprochen. Vivien C. hofft, dass er für immer hinter Gittern bleibt. Sie ist seine Tochter. Und die 23-Jährige ist fest überzeugt, dass ihr Vater am 16. November 2012 ihre Mutter erschoss.

Vivien C. lebte damals schon zwei Jahre in Berlin. Sie war in die Stadt gekommen, weil sie ein Studium an der Schauspielschule Friedrichshain beginnen wollte – was dann auch geklappt hatte. Ihren Freund und heutigen Lebensgefährten Michel Y. hatte sie beim Tanzen kennengelernt. Da war er noch Zeitsoldat bei der Bundeswehr. Michel Y. ist in Neukölln groß geworden. Dort haben sie jetzt eine Wohnung.

Größte Familie im Ort

Aufgewachsen ist die zierliche junge Frau in Bochum. Im Jahr 2006 zog die Familie nach Braunlage im Harz. Vivien C. weiß noch, „dass damals ein Foto in der Lokalzeitung veröffentlicht wurde. Weil wir neun Kinder waren, seit 2009 sogar zehn. Wir waren die größte Familie der Stadt.“ Alle haben gelächelt auf dem Foto. Die Welt der Familie C. schien in Ordnung. Siegfried C. – er ist gelernter Sozialversicherungsfachangestellter – war seit 1992 wegen einer psychischen Erkrankung frühpensioniert und konnte sich um das Anwesen der Familie kümmern. Die Mutter, eine tief religiöse Katholikin, arbeitete als Küsterin in der Kirche und kochte nebenbei in der Schule. Die Kirche heißt „Zur Heiligen Familie“, sagt Vivien C. und lächelt bitter. Es ist die Kirche, in der am 16. November 2012 die 48-jährige Elke C. erschossen wurde.

Zu ihrem Vater hatte Vivien C. in den letzten Jahren kaum noch Kontakt. Bis zu ihrem sechsten Lebensjahr sei alles noch in Ordnung gewesen, aber dann sei er „ungeduldig geworden, herrisch, sehr bestimmend“, habe die Kinder und die Mutter manchmal geschlagen. Im Jahr 2008 hätten sich die Eltern nach vielen Streitereien getrennt. Obwohl Elke C. damals schon mit dem zehnten Kind schwanger war. Es gab Diskussionen um den Verkauf des Hauses in Bochum. Siegfried C., heißt es, habe seiner Frau kein Geld abgegeben, obwohl ihr die Hälfte zugestanden hätte. Endgültiger Trennungsgrund soll aber gewesen sein, dass Elke C. im Zimmer ihres Mannes beim Saubermachen Travestiepornos und Herrenreizwäsche fand.

„Meine Mutter ist nach der Trennung regelrecht aufgeblüht“, sagt Vivien C. „Alle haben das gemerkt.“ Aber der Vater habe das nicht akzeptiert. Eines Tages war Siegfried C. dann verschwunden. Von Griechenland war die Rede. Es schien sich alles irgendwie zu regeln. Vivien C. war völlig arglos, als am 16. November wieder mal ein Anruf aus Braunlage kam. Es war ihre ältere Schwester am Telefon. Die Mutter und zwei jüngere Geschwister waren seit dem Vorabend verschwunden. Und keiner könne sich das erklären. Stunden später rief ein Bruder an. Er berichtete mit brüchiger Stimme, dass im Keller der „Kirche zu Heiligen Familie“ eine Leiche gefunden wurde – es war ihre Mutter. „Ich bin fast durchgedreht“, sagt Vivien C. Aber sie habe auch sofort ihren Vater in Verdacht gehabt. Später habe sie auch erfahren, so Vivien C, „dass mein Vater genau am Tag des Mordes einen Brief vom Anwalt der Mutter bekommen hatte“. Es waren die Scheidungspapiere.

Die Staatsanwaltschaft hat für Siegfried C. am vergangenen Freitag wegen Mordes eine lebenslängliche Freiheitsstrafe beantragt, verbunden mit der strafverlängernden Einschätzung der „besonderen Schwere der Schuld“. Die Ankläger gehen davon aus, dass sich Siegfried C. schon Wochen zuvor in Griechenland ein Gewehr kaufte, es am 16. November heimlich in die Kirche brachte und dort seiner Frau auflauerte. Als Elke C. aus der Sakristei kam, habe er ihr „aus einer Distanz von etwa zwei Metern gezielt in den Kopf geschossen.“ Sie war sofort tot.

„Er hat dann auch noch versucht, zwei meiner Geschwister mit hineinzuziehen“, sagt Vivien C. Die zwölfjährige Tabea und der 20-jährige Ruben mussten damals vor der Kirche auf den Vater warten. Als sie den Schuss hörten, seien sie in die Kirche gelaufen und hätten entsetzt die Mutter auf dem Boden liegen sehen. „Meine Geschwister haben mir erzählt, dass er sie mit vorgehaltenem Gewehr gezwungen hat, den Leichnam der eigenen Mutter in den Keller zu schleppen und das Blut aufzuwischen. Ansonsten würden sie tot neben meiner Mutter liegen“, sagt Vivien C. Anschließend sei er mit den Kindern geflohen. Erst nach Österreich, dann nach München, dort hatte er sich der Polizei gestellt.

Bei den Ermittlungen kam noch heraus, dass Siegfried C. seine damals elfjährige Tochter Tabea perfide dafür missbrauchte, der Mutter Gift zu verabreichen – das Neuroleptikum Leponex, das schon bei geringfügigen Dosen tödlich wirken kann.

Siegfried C. hat sich vor Gericht zu dem Tatablauf nicht geäußert. Bei der Polizei hatte er erklärt, dass es sich um einen Unfall handelt. Er habe seiner Frau in der Kirche das Gewehr zeigen wollen, dabei habe sich angeblich versehentlich ein Schuss gelöst. Technische Gutachter bestreiten diese Theorie. Sie gehen von einer regelrechten Hinrichtung aus.

Den Sohn belastet

Eine zweite, „besonders widerliche Variante“, so Vivien C., offerierte Siegfried C. bei einem psychiatrischen Gutachter. Angeblich habe Sohn Ruben in der Kirche die Mutter erschossen. Und er habe die Tat nur auf sich genommen, um den geliebten Sohn zu schützen. Aus religiösen Gründen könne er diese Unwahrheiten aber nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren. „Er lügt, er war noch nie religiös. Im Gegenteil, er hat meine Mutter wegen ihrer Hinwendung zur Kirche sogar immer wieder beschimpft“, sagt Vivien C.

Sie selbst war nur einmal bei dem Prozess in Braunschweig und wurde als Zeugin gehört. Dabei hat sie seit langem auch den Vater mal wieder gesehen. „Er hat immer nur dazwischen gebrabbelt, als ich beschrieben habe, wie er war und dass ich wegen ihm keine schöne Kindheit hatte. Aber ich habe das ignoriert. Und anschließend war ich unendlich erleichtert.“

Vivien C. wird mit ihrer eigenen kleinen Familie in Berlin bleiben. Ihr Schauspielstudium hat sie erst einmal unterbrochen. „Die Kinder gehen vor“, sagt sie. Anemone ist sechs, Jolien ein Jahr alt. Und seit Dezember 2012 lebt bei ihnen auch noch die vierjährige Serafina. Es ist ihre jüngste Schwester. „Sie soll bei uns aufwachsen“, sagt Vivien C., „in einer richtigen Familie.“

Die Kinder wissen, dass Elke C. nicht mehr lebt. „Ich habe ihnen gesagt, dass sie jetzt ein Engel ist“, sagt Vivien C. „Und wenn wir nach Bochum fahren und ans Grab gehen, erkläre ich ihnen, dass meine Mutter jetzt gerade nicht da ist, aber wir können ihr ja Blumen hinstellen und selbst gemalte Bilder.“ Vivien ist froh, dass sie in solchen Momenten die Kinder dabei sind, das lenke ab. Weil sie es selbst noch nicht richtig begriffen habe und sich immer noch dagegen wehre, das es ihre Mutter nicht mehr gibt. „Ich denke oft an sie“, sagt sie. „Es gibt Tage, da würde ich vieles dafür geben, wenigstens ihre Stimme zu hören.“