Jugendgewalt

„Freude am Vernichtungsschlag“

Der Fall Jonny K. hat Deutschland entsetzt. Doch warum werden junge Männer plötzlich gewalttätig?

Es kann von einem Zufall gesprochen werden. Aber nicht die plötzlich ausgebrochene Gewalt war zufällig, sondern die Wahl der Opfer. Das Szenario ist reif für ein Lehrbuch der Psychiatrie: Da gibt es diese sechs jungen Männer, die am 14. Oktober vergangenen Jahres gegen 3.45 Uhr vor dem Klub „Cancun“ am Alexanderplatz herumlungern. Sie langweilen sich, albern herum. Und dann kommen diese drei Männer vorbei. Ebenfalls jung. Alle drei stark angetrunken. Prädestiniert, Opfer zu werden. Einer von ihnen kann gar nicht mehr laufen, er muss huckepack getragen werden. Der dritte stolpert hinterher und versucht, zu helfen. Ein schmaler junger Mann mit einem roten Basecap. Die Freunde nennen ihn Jonny.

Zeugen sagten später, dass sie sahen, wie er geschlagen und getreten wurde. Immer wieder. Und dass er schließlich leblos auf dem Boden gelegen hätte und Blut aus seinem Mund geflossen sei. Auch eine eilig herbeigerufene Rettungsärztin konnte nichts mehr ausrichten. Jonny K. starb am 15. Oktober um 9.57 Uhr auf der Intensivstation II des Vivantes Klinikums im Friedrichshain an den Folgen von Hirnblutungen.

Teilgeständnisse vor Gericht

Der Tod des 20-Jährigen hatte weit über die Grenzen dieser Stadt für Entsetzen und Trauer gesorgt. Seit Mai läuft vor einer Moabiter Jugendkammer der Prozess gegen sechs junge Männer, die – mit unterschiedlicher Tatbeteiligung – Jonny und dessen Begleiter in jener Nacht brutal attackierten. Sie sind zumindest teilweise geständig. Aber geblieben ist die Frage, warum diese jungen Männer, von denen fünf noch nie wegen irgendwelcher Gewalttätigkeiten bestraft werden mussten, in dieser Nacht so aggressiv wurden. Ohne nachvollziehbaren Grund.

Von einer „Freude am Vernichtungsschlag“ spricht Hans-Ludwig Kröber, Chef des Instituts für forensische Psychiatrie der Charité. Zunächst suche eine Gruppe „dem Anschein nach ebenbürtige Gegner“, heißt es in Kröbers wissenschaftlicher Arbeit „Zusammen kämpfen, zusammen schlagen? Der junge prosoziale Gewalttäter“. Dabei werde einem wirklich ebenbürtigen Gegner dann tatsächlich eher ausgewichen, sagt Kröber. „Man zieht weiter, bis man auf Schwächere trifft und schlägt los, wenn die eigene Überlegenheit sicher ist.“ Entscheidend sei, dass sich die Täter als „übermächtig und siegreich“ empfinden können. Das Opfer sei nur mittel zum Zeck und werde letztlich „als Verlierer verachtet.“

Der renommierte Psychiater ist dabei nicht von dem Prozess um den Tod des Jonny K. ausgegangen. Kröber erwähnt als Beispiel ein Verfahren gegen vier 14- bis 17-jährige Jugendliche, die im Februar 2011 im Eingangsbereich des U-Bahnhofs Lichtenberg zwei 30 Jahre alte Malergesellen provozierten, attackierten und einen von ihnen am Ende fast zu Tode prügelten. Doch das Szenario ähnelt verblüffend dem Vorfall am Alexanderplatz. Langeweile war im Spiel, auch Abenteuerlust und die Suche nach einer Herausforderung. „Ein wenig trinken, ein wenig chillen“, beschreibt es Kröber, „herausfinden, wo ist was los, schließlich per Handy die Verabredung am U-Bahnhof... Es wäre schön, wenn noch etwas passiert diese Nacht, lass uns kämpfen.“

Und die beiden Malergesellen, die im Eingangsbereich des Bahnhofes sitzen und friedlich eine Zigarette rauchen, sind dann auch genau die Richtigen. Beide sind stark angetrunken. Die Jungen können genau einschätzen, so Kröber, „dass die beiden körperlich trainierten Männer ihnen nüchtern durchaus gewachsen wären – so aber nicht...“

Bekannt wurde dieser Fall vor allem durch die im Internet veröffentlichten Aufnahmen einer Überwachungskamera. Sie zeigen, wie einer der Jugendlichen einem der Gesellen, der sich nach Schlägen und Tritten wieder aufzurappeln versucht, aus einem Sprung heraus mit voller Wucht gegen den Kopf tritt. Das Opfer überlebte nur knapp, lag wochenlang im Koma, musste mühsam wieder sprechen und gehen lernen und kann wohl nie wieder in seinem Beruf arbeiten. Die jugendlichen Täter wurden im Dezember 2011 unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu Strafen zwischen vier und sechs Jahren Haft verurteilt. In der Urteilsbegründung der Jugendkammer war von „Spaß an der Gewalt“ und einem „menschenverachtenden Vernichtungswillen“ die Rede.

Ob ähnliche Worte auch in der Urteilsbegründung vom Vorsitzenden Richter Helmut Schweckendieck im Prozess um den Tod des Jonny K. zu hören sein werden, ist angesichts der Beweislage zumindest fraglich. Aber es gibt auf jeden Fall Parallelen zur Tat im U-Bahnhof Lichtenberg. Das beginnt schon bei der Situation vor dem Klub „Cancun“: unschlüssiges Warten, überdreht sein wegen des reichlich genossenen Alkohols, sicher auch Frust. Worte wie „Drecks-Klub, gar nichts los, nur Typen, keine Mädchen“, sollen gefallen sein.

„Da ist dieses überschießend unkontrollierte Herumalbern, die Jungs sind dann viel zu laut, da ist zu viel Adrenalin, zu viel Testosteron in der Situation und zu wenig Verstand“, beschreibt Karl Kreutzberg, Chefarzt im Berliner Krankenhaus des Maßregelvollzuges, derartige Situationen. „Da weiß man sofort, es dauert nicht lange, dann wird es ernst“, sagt der forensische Psychiater, der schon viele jugendliche Gewaltstraftäter untersucht hat. Er spreche in solchen Fällen „von sogenannten anlasslosen Gewaltdelikten. Gemeint sind Taten, bei denen besonders auf Bahnhöfen, aber auch auf der Straße oder auf einem Schulhof, Täter einfach so auf jemanden einprügeln.“

Gewalt ohne Anlass

Es ist eine Auslegungsfrage, ob die jungen Männer vor dem Klub „Cancun“ ihre schon zahlenmäßig unterlegenen Gegner zielgerichtet suchten. Doch es gab auf jeden Fall die gezielte Provokation, die Raum schuf für die anschließende Gewalt. Der erste Schritt war getan, als die Gruppe Jonny K. und den anderen beiden stark angetrunken Männern folgte. Der Größere – es war Gerhardt C. – hatte Probleme, seinen korpulenten Freund Ngoc N. weiter auf dem Rücken zu tragen. Er sah vor dem Eiscafé „Lampe“ einen Metallstuhl, setzte Ngoc N. darauf ab. Er und Jonny K. beschützten praktisch den total betrunkenen, hilflosen Freund, der zuvor schon von einem Ordner aus dem nahe gelegenen Restaurant „Mio“ verwiesen wurde, nachdem er sich übergeben musste. Das war die Situation. Und was folgte, war kein Zufall, auch wenn es die Angeklagten im Nachhinein so darstellen wollen.

„Ich habe dann etwas total Bescheuertes gemacht, was ich heute wirklich sehr bereue, weil es letztlich der Auslöser für alles war“, sagte der 19-jährige Onur U. vor Gericht. „Aber ich war angetrunken und habe mir nichts dabei gedacht.“

Es gibt verschiedene Beschreibungen dieser Szene. Gerhardt C. – der im Prozess Zeuge und Nebenkläger ist -– gab vor Gericht zu Protokoll, dass Onur U. den Metallstuhl wegziehen wollte. Onur U. wiederum sagte, er habe unmittelbar vor dem Konflikt den Freunden einen anderen Klub im Stadtteil Treptow empfohlen, wo es angeblich willigere Mädchen gebe. Und er habe dabei die Rückenlehne des Stuhles nur angefasst, daran gerüttelt und gerufen: „Wisst ihr, wie die deutschen Mädchen da tanzen? Da braucht ihr nur zu sitzen, und dann kommen die Mädchen von allein und tanzen euch so an.“ Das habe er dann auch nachgeahmt, mit kreisenden Hüften, im Stil von Michael Jackson. Den Betrunkenen auf dem Stuhl habe er nicht berührt.

Wuchtig mit der Faust ins Gesicht

Onur U. muss das Gericht für sehr naiv halten, wenn er glaubt, dass ihm diese Beschreibung und vor allem Wertung des Geschehens unmittelbar vor der Schlägerei so abgenommen wird. In den frühen Morgenstunden und nach reichlich genossenem Alkohol können bei der Begegnung zweier Gruppierungen schon ein Blick oder eine Geste genügen, um Streit auszulösen. Aber an einem Stuhl zu rütteln, auf dem ein Hilfloser sitzt, ist eine Provokation – die dann ja auch ihr Ziel erreichte.

Es gibt dann wieder verschiedene Darstellungen von dem, was folgte. Onur U. behauptet, Gerhardt C. habe ihn mit den Worten „eh, verpiss dich!“ weggestoßen – so sehr, dass er „nach hinten gestolpert“ sei. Gerhardt C. sagt, dass er zu diesem Zeitpunkt mit Ngoc N. beschäftigt gewesen sei und nur gehört habe, wie sein Freund Jonny K. so etwas wie „He, was soll das?“ rief. Anschließend soll Onur U. sofort zugeschlagen haben. „Wuchtig mit der Faust“ in das Gesicht von Jonny K., heißt es im Anklagesatz. Und dieser stützt sich nicht nur auf die Aussage von Gerhardt C. , sondern auch auf die eines Zeugen, der bei der Polizei zu Protokoll gab: Ein junger Mann mit einer roten Baseballkappe (Jonny K.) habe „He!“ gerufen und daraufhin einen Schlag ins Gesicht bekommen. Kurz darauf habe der junge Mann am Boden gelegen und sei weiter geschlagen und getreten worden. Vor Gericht konnte sich dieser Zeuge daran jedoch angeblich nicht mehr erinnern. Das wiederholte sich auch bei anderen Zeugen. Die Angeklagten wiederum beschuldigten sich teilweise gegenseitig, widersprachen sich, entlasteten sich auch. Klare Wertungen gab es auch nicht von den Gerichtsmedizinern. Sie stellten am Kopf von Jonny K. vier Verletzungen fest. Jede einzelne, so die Pathologen, könne für den Tod des 20-Jährigen ursächlich gewesen sein. Unklar sei ebenso, ob die tödliche Verletzung durch einen Schlag oder Tritt verursacht wurde. Möglich sei auch, dass es die Folge des Sturzes war.

So wird sich also kaum noch aufklären lassen, wer tatsächlich mit einem Schlag oder Tritt den Tod von Jonny K. verursacht hat. Es bleibt aber bei einer gemeinschaftlich verübten Gewalttat gegen Jonny K. und Gerhardt C., der ebenfalls schwer verletzt wurde. Denn alle sechs jungen Männer, die vorher gemeinsam vor dem Klub „Cancun“ standen, waren mehr oder weniger beteiligt. Es war Gewalt aus einer Gruppe heraus. Einer Gruppe, deren Mitglieder sich kaum kannten. Einige waren sich in dieser Nacht zum ersten Mal begegnet.

„Das Erschreckende ist, dass das ganz normale Jungs sind“, stellte Jonny K.s Schwester Tina K. fest, nachdem sie die sechs Angeklagten beim Auftakt des Prozesses zum ersten Mal gesehen hatte. „Denen könnte man ja auch ganz normal im Bus begegnen“, sagte sie, „oder bei McDonalds an der Kasse.“

Die Angeklagten hatten sich im Prozess auch selber so beschrieben: Harmlose junge Männer, die am 14. Oktober eigentlich nur ihren Spaß haben wollten und sich im „Cancun“ zufällig beim Tanzen trafen. Und es wirkte schon fast grotesk, als der 19-jährige Osman A. in einer von seinem Verteidiger verlesenen Erklärung zunächst schilderte, dass er „am Tatort der erste“ gewesen sei, „der Jonny getreten und ihn verletzt hat“. Es handele sich um einen Tritt mit dem Spann gegen den linken Oberschenkel. Jonny K. sei aber stehen geblieben.

Später, in der Zelle der Jugendstrafanstalt, habe er sich immer wieder Vorwürfe gemacht und gefragt, warum er Jonny K. getreten habe, so Osman A. „Ich bin ein völlig friedlicher Mensch“, heißt es in der Erklärung. „Ich habe noch nie eine Schlägerei gehabt. Wenn sich in meinem bisherigen Leben, sei es in Wedding auf der Straße oder in der Schule, etwas Gewalttätiges oder Bedrohliches entwickelte, habe ich mich immer rausgehalten. Ich mag keine Horrorfilme. Ich spiele keine Video-Spiele mit gewalttätigem Inhalt. Ich träume nicht davon, ein Held zu sein, der bei Kämpfen jeden schlägt. Und ich meide auch den Umgang mit aggressiven Menschen. Wenn man meine Lehrer oder sonstige Personen aus meinem Umfeld fragt, werden alle sagen, dass ich ein friedlicher Zeitgenosse bin, dem Aggressionen völlig fremd sind.“

Ähnliches war bei der Erklärung des 24-jährigen Bilal K. zu hören. Auch er will Jonny K. nur einen Tritt gegen den Oberschenkel gegeben haben. „Ich glaubte, völlig irrsinnig, Jonny wolle mich angreifen“, lautet die Begründung. Er sei aber ebenfalls sicher, so Bilal K., dass Jonny K. „durch diesen Tritt nicht zu Boden gegangen ist.“ Auch Bilal K. stellt sich als absolut friedlicher Mensch dar, der „bis zum 14. Oktober 2012 noch in keine Schlägerei verwickelt“ gewesen sei. „Körperliche Auseinandersetzungen sind mir fremd gewesen, was mein Entsetzen über die hier zu verhandelnde Tat noch größer macht.“

Wer aufhört, ist das „Weichei“

Es gibt bei diesen Angriffen fast immer eine treibende Kraft. Bei dem brutalen Vorfall am U-Bahnhof Lichtenberg war es ein 17-Jähriger. „Ständig in Bewegung, auf der Suche nach einem Fight“, nach der Herausforderung „Kampf Mann gegen Mann“, beschreibt ihn Charité-Professor Kröber. Bei der Gruppe, die vor dem Klub „Cancun“ lungerte, war es zweifellos Onur U., das hat er ja auch selber zugegeben. Er ist etwa 1,80 Meter groß, kräftig, war Amateurboxer, hat Vorstrafen. In einem Fall soll er seinen Vater beim Eintreiben einer Geldforderung geholfen und dem Schuldner dabei einen Schlag versetzt haben. In einem zweiten Prozess ging es um eine Attacke gegen einen Fahrradkurier. Sie endete damit, so das rechtskräftige Urteil eines Jugendschöffengerichts vom Juni 2012, dass Onur U. den Kurier gegen eine Hauswand drückte und ihn „mit der Faust mit voller Wucht ins Gesicht“ schlug. Die Richter verhängten einen zweiwöchigen Dauerarrest, verbunden mit der Auflage, an einem Anti-Gewalt-Seminar teilzunehmen.

Gegen die anderen fünf Angeklagten mussten derartige Urteile nie verkündet werden. Einer von ihnen musste vor sechs Jahren Freizeitstunden leisten, weil er dabei war, als einem Mädchen die Tasche weggerissen wurde. Danach war er unauffällig und hatte wie die Mitangeklagten den Ruf, friedlich zu sein. Es bleibt also die Frage, warum sie sich an der mutmaßlich von Onur U. angezettelten Gewaltattacke gegen Jonny K. und Gerhardt C. beteiligten.

Nach Meinung des Chefarztes Kreutzberg spielt bei derartigen Schlägereien fast immer auch „Gruppendynamik eine wichtige Rolle. Einer gibt das Stichwort, dann kann keiner mehr zurück, und jeder muss immer noch eins drauf setzen“, so der erfahrene Psychiater. „Wer aufhört, ist das ‚Weichei‘. Dieser Gesichtsverlust wäre für diese jungen Männer etwas ganz Schreckliches.“

Kreutzberg und sein Kollege Kröber sind sich aber einig, dass diese unvermittelten Gewaltausbrüche nicht zwingend bedeuten müssen, dass die Beteiligten latent gewalttätig sind. Im Gegenteil. „Man muss keineswegs ein Aggressionsproblem haben, um Gewalttaten zu begehen“, sagt Kröber. „Es bedarf dazu keines verrohten Monsters, sondern so etwas findet sich auch bei einem sonst besonnenen, freundlichen und hilfsbereiten jungen Mann, der über alle Möglichkeiten prosozialen Verhaltens verfügt.“

Während der Tat seien dann sonst gültige eigene Regeln quasi ausgeschaltet. „Also kein genereller Empathiemangel“, so Kröber, „sondern ein Mangel an Empathie in der jeweiligen Situation“. Wie sehr der Schein angesichts adrett gekleideter und ordentlich gescheitelten Angeklagter im Gerichtssaal trügen kann, hat Kröber bei Vertreterinnen der Jugendgerichtshilfe beobachtet: Sie seien oft „erstaunt und begeistert, wie viel soziale Kompetenz, Hilfsbereitschaft und Affektkontrolle“ der von ihnen befragte Jugendliche zeige, „sie können sich seine Gewalttat überhaupt nicht erklären.“

Ein geradezu klassisches Beispiel dafür ist der Gymnasiast Torben P. Der 18-Jährige kam am Sonnabend vor Ostern 2011 angetrunken von einer Feier. Im U-Bahnhof Friedrichstraße schlug er einen 29 Jahre alten Fahrgast zunächst mit einer Flasche nieder – aus einem ominösen Gefühl heraus, sich gegen diesen betrunken auf einer Bank sitzenden Mann plötzlich verteidigen zu müssen. Anschließend trat er dem wehrlos auf dem Boden liegenden Opfer viermal wuchtig gegen den Kopf. Diese Attacke wurde von einer Überwachungskamera aufgenommen, später im Internet verbreitete. Eine Moabiter Jugendkammer verurteilte Torben P. im September 2011 wegen versuchten Totschlags zu zwei Jahren und zehn Monaten Haft.

Die wichtigste Frage des Prozesses war auch hier, wie es zu diesem Gewaltexzess kommen konnte. Torben P. wurde von Mitschülern als „netter, ruhiger, freundlicher Typ“ beschrieben, als „Streber“ sogar. Auch der groß gewachsene, schlaksige Gymnasiast war vorher noch nicht wegen irgendwelcher Gewalttätigkeiten auffällig geworden.

Was also tun, wenn quasi jeder als potenzieller Täter in Frage kommt und übliche Erklärungen wie generell falsche Erziehung oder Persönlichkeitsstörungen nicht mehr reichen? Kröber plädiert dafür, Gewalt und Gewaltfähigkeit zu entmystifizieren. „Sich durchzusetzen und zu bekommen, was man will, ist ein eminent vitales Bedürfnis, und gerade bei Männern fraglos eng mit Aggressionsbereitschaft gekoppelt“, so Kröber. „Wer überhaupt keinen Sinn für die Lust hat, die Gewaltausübung bereiten kann, und kein Gespür für die dahinterstehenden Selbstkonzepte von Jugendlichen und jungen Männern, der wird mit diesen Tätern nicht in ein konstruktives Gespräch kommen und Gewalt tabuisieren, statt sie zu formen und einzuhegen.“

Gewalt wird stärker geächtet

Karl Kreutzberg legt großen Wert auf Aufarbeitung durch den oder die Täter. „Nach der Tat kann erst einmal ein feiges Verleugnen und manchmal auch Selbstmitleid ohne Ende folgen“, sagt er. Selten komme es zu einer realistischen Auseinandersetzung mit der Tat. „Das Opfer stört. Und für Schläger ist es unerträglich, sich damit und mit der Tat auseinanderzusetzen.“ Manche Jugendliche, so Kreutzberg, „sind von sich auch geschockt und können nicht zugeben, was sie getan haben.“

Die Aufarbeitung passiere, wenn überhaupt, meist erst nach dem Prozess in der Haft. Bei manchen setze dann tatsächlich ein Umdenken ein. „Sie versuchen, sich darüber klar zu werden, was bei ihnen schief gelaufen ist und zu ihrem Versagen zu stehen. Das ist auch der einzige Weg, um Wiederholungen zu verhindern.“

Roland Weber, Opferbeauftragter des Landes Berlin, warnt aber davor, „nun schlimme Einzelfälle etwa als dramatischen Anstieg von Gewalt zu sehen“. Die Anzahl der Fälle von Gewaltkriminalität sei seit dem Jahr 2007 insgesamt sogar rückläufig. Und auch in Berlin sei „seit Jahren zu beobachten, dass die Gewalttaten von Jugendlichen und Heranwachsenden abgenommen haben“. Das liege auch daran, so Weber, „das Gewalt heute stärker geächtet wird, als dies noch vor zwei Jahrzehnten der Fall war“.

Lange Zeit sei sie sogar noch im Bürgerlichen Gesetzbuch als Erziehungsmittel akzeptiert gewesen. Erst im Jahre 2000 wurde das Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung Gesetz. „Solche Gesetze und anhaltende Diskussionen über Gewalt und ihre Erscheinungsformen führen letztlich zu einem Bewusstseinswandel in der Bevölkerung“, sagt Weber.

Befördert wird das auch durch Projekte wie die von Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) initiierten „Gespräche gegen Jugendgewalt“. Anfang Juni dieses Jahres trafen sich am Rütli-Campus in Neukölln dazu erstmals mehr als 50 Experten, um über Ursachen und Verhinderung von Jugendgewalt zu diskutieren. Unter ihnen Mitarbeiter von Jugendzentren, Lehrer, Staatsanwälte, Polizeibeamte, Jugend-Bewährungshelfer und Schulpsychologen. Es waren zunächst nur Diskussionsrunden, bei denen jeder Erfahrungen und Lösungsangebote einbringen konnte. Das waren manchmal Sichten aus scheinbar verschiedenen Welten.

Ein anderes Projekt trägt den Namen „I Am Jonny“, gegründet von seiner Schwester Tina K. „Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft und stehen für ein friedliches Zusammenleben Aller, egal welcher Herkunft, Religion oder sonstiger Unterscheidung“, heißt es in der Satzung.

Tina K. hat schon eine Reihe Anti-Gewalt-Veranstaltungen organisiert. Aber die 28-Jährige sitzt auch an jedem Verhandlungstag im Saal 700 des Moabiter Kriminalgerichts und beobachtet die Angeklagten. „Es ist für Jonny“, sagt sie. Und weil sie immer noch hoffe, „hier von einem der Angeklagten ein richtiges Geständnis zu hören“.