Haushaltsplan

Sparen bei der Spurensicherung

Charité übernimmt verstärkt DNA-Analyse für die Berliner Polizei – weil die Behörde sparen muss

Irgendwann hatte Michael Tsokos eine Herrenunterhose in der Post. Ungewaschen. Eine misstrauische Ehefrau hatte sie an den bekannten Rechtsmediziner geschickt. Mit der Bitte, er möge die darauf befindliche DNA untersuchen und die Frage klären, ob ihr Mann fremdgehe. Privatanfragen an das Labor der Charité gibt es häufiger, doch werden sie in der Regel abgelehnt. Die Abteilung forensische Genetik der Rechtsmedizin hat andere Aufgaben. Der Berliner Polizei bei der Analyse von Tatortspuren zu helfen beispielsweise.

Bergeweise Spuren fallen bei Deutschlands größter Polizeibehörde jedes Jahr an. Fast 500.000 Straftaten zählt die Berliner Polizei jährlich. Rund 150.000 Untersuchungsanträge gingen 2012 bei der Kriminaltechnik ein. Mit der Bearbeitung kommen die 482 Mitarbeiter in der Fachabteilung des Landeskriminalamts (LKA) schon lange nicht mehr hinterher. 2012 blieben gut zehn Prozent der Anträge liegen. Aktuell warten laut Polizei rund 9000 DNA-Spuren auf Auswertung, bei den Werkstofftechnikern liegen 2000 unbearbeitete Anträge. Und in der Daktyloskopie, wo Finger-, Hand- und Fußspuren untersucht werden, gibt es 7200 offene Vorgänge.

Die Folgen so eines Bearbeitungsstaus: Ermittlungen stocken. Täter können sich in Ruhe aus dem Staub machen. Opfer warten auf Ergebnisse. Der Polizei bleibt nichts anderes übrig, als ihre Arbeit der Situation anzupassen. Dass schon lange Rangfolgen bei der Auswertung der Spuren festgelegt werden, ist ein offenes Geheimnis. Zuerst werden die ganz dringenden Fälle bearbeitet. Kapitalverbrechen, Morde, Sexualdelikte. Dann Fälle, bei denen bereits Täter in U-Haft sitzen und schnell be- oder entlastende Ergebnisse hermüssen.

Die Misere ist dem Innensenator ebenso bekannt wie dem Polizeipräsidenten. Die Situation sei nicht befriedigend, doch schnelle Lösungen gebe es nicht, hat Klaus Kandt gesagt. Die Behörde hat kein Geld, um die Größe der eigenen Kriminaltechnik der Menge von Aufträgen anzupassen. Stattdessen werden immer mehr Vorgänge an die Charité abgegeben. Im Haushaltsplan des Senats für die nächsten zwei Jahre wurden die Mittel für die Vergabe von DNA-Analysen an das Team von Michael Tsokos kräftig aufgestockt. Standen seit 2009 pro Jahr rund 1,8 Millionen Euro dafür bereit, sollen es ab 2014 etwa 3,8 Millionen sein. Damit soll das „strukturelle Defizit“ abgebaut werden.

Ausbau geplant

Den Haushaltsentwurf des Senats muss das Abgeordnetenhaus nach der Sommerpause diskutieren und verabschieden. Michael Tsokos hofft darauf, dass die Parlamentarier zustimmen. Für die Abteilung forensische Genetik an der Charité sei die Polizei ein wichtiger Auftraggeber, sagt der Chef der Rechtsmedizin. Laborflächen und Mitarbeiterzahl wurden zuletzt 2010 beim Umzug auf den Campus Virchow-Klinikum aufgestockt, aber man plane einen weiteren Ausbau, wenn das Abgeordnetenhaus die erhöhten Mittel für die Vergabe der Polizei-Aufträge an die Charité beschließe. Auch ein gemeinsames IT-Programm zur Datenauswertung für den Laborbereich sollen LKA und Labor der Universitätsmedizin bald bekommen.

Der Kooperationsvertrag zwischen der Charité und der Polizei besteht seit 2007. „Damals hat sich schon abgezeichnet, dass das LKA den Spurenberg nicht mehr allein bewältigen kann“, sagte Tsokos. Laut Polizei werden seither jährlich rund 3700 DNA-Untersuchungsaufträge an den Klinikkonzern vergeben. Das Ergebnis der Analyse meldet das Charité-Labor an das LKA. Dort können die Ergebnisse mit der Datenbank des Bundeskriminalamts abgeglichen werden.

Wie lang die Untersuchung einer Spur dauert, könne man nicht sagen, so Michael Tsokos. Im Einzelfall seien Ergebnisse in 24 Stunden möglich – werden etwa nach einem Feuer Knochen gefunden, die analysiert werden sollen, könne die Untersuchung Wochen dauern. Nach dem Aufwand richtet sich auch der Preis. Zwischen 40 und 110 Euro kostet es die Polizei, einen Vorgang an der Charité professionell bearbeiten zu lassen. Zuzüglich Mehrwertsteuer.

Einen Bearbeitungsstau wie in den polizeieigenen Labors, die im Übrigen dieselbe Arbeit erledigen können wie die Kollegen in der Charité, gebe es bei ihnen nicht, sagt der Professor der Rechtsmedizin. „Wir nehmen nur so viele Vorgänge an, wie wir bearbeiten können.“

Polizeipräsident Klaus Kandt erwägt einen weiteren Lösungsansatz, um den Berg von Spuren im Labor zu verkleinern: Es soll genauer geprüft werden, welchen Spuren von einem Tatort überhaupt noch nachgegangen werden soll. „Wir überlegen, wie wir zielgerichteter arbeiten können und vor allem die Spuren auswerten, die auch Erfolg versprechend sind“, sagte Kandt. Man müsse genau prüfen, welche Spuren aussagekräftig sind und zum Täter führen können.

Ob das bedeuten könnte, dass etwa bei Einbrüchen künftig keine DNA mehr geprüft wird, wollte Kandt nicht sagen. Eine Arbeitsgruppe der Polizei beschäftige sich gerade mit dem Thema, sagte Kandt. Aber angesichts der Lage ist es wahrscheinlich, dass die Überlegungen am Ende umgesetzt werden. Die Polizei sei nach jahrelangen Sparzwängen „bei allem, was wir tun“, am Limit, so Kandt. Prioritäten zu setzen sei die einzige Möglichkeit, die Behörde mit ihren 22.000 Mitarbeitern noch zu steuern.

Doch so ein Aussieben von Spuren birgt Risiken. Die Auswahl hat Folgen für die Ermittlungen und anschließende Gerichtsverfahren. Wird eine Spur nicht gesichert, ist sie verloren. Im schlimmsten Fall könnte belastendes Material vor Gericht fehlen. Jahrelang habe beim LKA der Grundsatz geherrscht, mehr Spuren würden auch zu mehr Treffern führen, deshalb sei Quantität gut, sagt Michael Böhl, Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. Er warnt davor, nun das Gegenteil zu propagieren. Besser als Vorgaben zu machen, bei welchem Delikt welcher Aufwand betrieben werden darf, sei es, hoch qualifizierte Mitarbeiter Spuren sichern zu lassen.