Serie: Alles am Fluss

Operation am logistischen Herzen

Auf 430.000 Quadratmetern werden im Westhafen Waren gelagert, verteilt, umgeladen und weitertransportiert

Für einen Moment hat es den Anschein, als blicke man auf die jahrelange Arbeit eines Modelleisenbahnbastlers. Güterzüge, Schienenstränge, Weichen und Lagerhäuser, zwischen mehreren Hafenbecken, Schiffen, Kränen und Lastkraftwagen. Aus luftiger Höhe sind auch arbeitende Menschen zu sehen. Mit Helmen und Westen in Signalfarben. Dieser Blick über den Westhafen bietet sich von einem der vielen Arbeitsplätze von Peter Bender. Wir stehen auf einem Bockkran in 18 Metern Höhe.

„Das ist ein Schwerlastkran für Gewichte bis 350 Tonnen“, sagt Bender. Er ist Hafenlogistiker und kennt den Westhafen wie seine Hosentaschen. Seit mehr als 40 Jahren arbeitet er in verschiedenen Häfen. „Ich habe mit 18 Jahren in Eisenhüttenstadt in einem Hafen angefangen“, sagt der heute 57-Jährige. 1982 habe er dann im Osthafen an der Stralauer Allee begonnen. „Und jetzt sind es bald 20 Jahre im Westhafen.“

Neben dem spannenden Ausblick aus luftiger Höhe wird aus dieser Perspektive auch das Prinzip Hafen schnell deutlich: es ist ein Umschlag- und Lagerplatz für die Binnenschifffahrt. Ware wird auf dem Wasser und dem Landweg gebracht, gelagert, verteilt, umgeladen und weitertransportiert. Produziert wird nichts. Der Binnenhafen befindet sich im Bezirk Mitte im Ortsteil Moabit. Er ist über den gleichnamigen Kanal und den Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal mit Spree und Havel verbunden und über diese Wege auch an das überregionale Wasserstraßennetz zwischen Elbe und Oder angebunden.

„Sehen Sie dort“, sagt Peter Bender, „jetzt zieht er die Güterwaggons raus und bringt sie da rüber.“ Mit dem Zeigefinger deutet Bender auf eine Elektrolok. Ein Mann steht auf dem Triebwagen, eine Art Fernbedienung um den Hals, und steuert die entladenen Güterwaggons auf einen anderen Abschnitt der Gleisanlage. Dort warten weitere 16 mit Kies beladene Waggons: „Die schiebt er jetzt hier rein“, erklärt Bender. Auf Schienen werden sie zu einem Motorschiff gebracht. Das soll den Kies dann weitertransportieren.

Vom Kran aus ist das Schienennetz gut zu erkennen. Der Hafen ist über Güterbahnhöfe unter anderem mit der Berliner Ringbahn verbunden. Auch die Anbindung an die Stadtautobahn A100, über die der An- und Abtransport der Waren mit Lkws erfolgt, ist zu sehen.

90. Geburtstag im September

Betrieben wird dieser 430.000 Quadratmeter große Umschlagplatz vom Logistik-Dienstleister, der Berliner Hafen- und Lagerhausgesellschaft mbH (Behala). Für sie arbeitet Bender als Vorarbeiter, Bagger- und Kranfahrer, Lkw-Fahrer und stellvertretender Disponent, kurz als Hafenlogistiker. „Ich bin auch amtlich anerkannter Schiffseichaufnehmer“, sagt er. „Dabei berechne ich anhand des Tiefgangs eines Schiffes vor und nach dem Beladen das Gewicht der Ladung.“ Eine öffentlich vereidigte Tätigkeit, so Bender. Er wird auch als Gutachter bestellt. Der 57-Jährige ist während seines Dienstes im gesamten Hafen unterwegs. Er kontrolliert, hilft aus, steigt auf einen Kran, setzt sich auf einen Bagger und steht im ständigen Kontakt mit dem Disponenten. Die jungen Kollegen profitieren von seiner jahrelangen Erfahrung. Gerade die Lehrlinge der Behala.

„Die lernen eine Sache doch viel besser, wenn man ihnen das in der Praxis zeigen kann“, erklärt Bender. Mit einem Dienstwagen ist er von sieben Uhr früh an zwischen den zwei Hafenbecken, dem Containerterminal, dem Getreide- und Zementspeicher, den Silos, Lagerhäusern und den Binnenschiffern im Hafen unterwegs. „An manchen Tagen fahre ich bis zu 35 Kilometer mit dem Auto durch den Hafen“, sagt Bender.

An diesem Morgen macht er einen kurzen Stopp an der M.S. Da Capo. Kapitän Christian Grandt wartet darauf, dass der Kies entladen wird. Den bringt er mehrmals in der Woche von zwei Kieswerken an der Elbe nach Berlin. Während der viereinhalb Stunden Wartezeit beim Entladen im Hafen beseitigt er Rostflecken an seinem Schiff. „Mal sehen, wie weit ich heute noch komme“, ruft er Bender zu.

Das Thema unter den Schiffern im Hafen ist momentan der Streik der Schleusenwärter. Und natürlich die Umsatzeinbußen. Man habe auf der einen Seite Verständnis, gibt aber auch klar zu verstehen, dass die Schleusenwärter alle sichere Arbeitsplätze hätten, während man selbst Umsatzeinbußen hinnehmen müsse. „Wenn wir durch den Streik nicht fahren können, verlieren wir eine ganze Menge Geld“, sagt Grandt. Während des kurzen Gesprächs hat eine Kranschaufel nach der anderen Kies aus dem Frachtraum geholt. „Kran 3 ist fest in Lehrlingshand“, sagt der Vorarbeiter. „Die Auszubildenden sind verantwortlich für den Betrieb rund um diesen Kran.“

Im Wagen geht es weiter durch den Hafen. Es ist nicht nur eine Tour über den Umschlagplatz, sondern auch eine durch die Geschichte. Schließlich wird der Westhafen im September 90 Jahre alt. Technische Denkmäler wie der Getreidespeicher mit der Getreide-Absauganlage und der Zollspeicher sowie alte Krananlagen erinnern ein wenig an ein Freiluftmuseum. Seite an Seite mit den denkmalgeschützten Gebäuden stehen hochmoderne Anlagen und Schiffe. So etwa der Behala-Schwergut-Shuttle. Das Schiff liegt in einem Hafenbecken und wartet auf den nächsten Schwertransport. Seit knapp einem Jahr befördert das Unternehmen innerstädtisch Schwergut mit Stückgewichten von mehr als 350 Tonnen. So werden regelmäßig von der Firma Siemens die weltweit größten Turbinen vom Westhafen aus in alle Welt verschifft. Über die Binnenwasserstraßen geht es zu den Seehäfen wie Bremerhaven, Hamburg und Rotterdam.

Vorbei an Tabak- und Kaffeelagern, vorbei an den riesigen Tanks gefüllt mit Benzin, Diesel und Heizöl geht es zu den Schwestern Marzena und Gosia Swonkowska. Sie betreiben den Imbiss. Schon von weitem duftet es nach frisch gebratenen Buletten. Dazu gibt es Eier-Omelett, Wurstgulasch, belegte Schrippen und Pommes und Currywurst. Hier schaufeln die tätowierten Unterarme der Arbeiter riesige Portionen zu kleinen Preisen. Der Imbiss ist ein Treffpunkt im Westhafen. „Es kommen auch Lkw-Fahrer, die überhaupt nicht in den Hafen müssen“, sagt Marzena Swonkowska. „Hier haben sie für ihre Trucks aber immer einen Parkplatz.“

Bender wird von den Arbeitern gegrüßt, er grüßt zurück. „Ich habe beruflich alles richtig gemacht“, sagt er und nippt an einem Pott Kaffee und blickt Richtung Hafenbecken. „Ich habe nach fast 40 Berufsjahren immer noch Spaß an meiner Arbeit im Hafen. Diesen Weg würde ich immer wieder gehen.“