Projekt

Tröster und Zuhörer für die Kinder im Zug

Mitarbeiter der Bahnhofsmission begleiten alleinreisende Minderjährige

Es ist ruhig im ICE nach Berlin – nur an zwei Tischen geht es turbulent zu. Bunte Hefte und Stifte liegen verstreut herum, die Musik eines Computerspiels dudelt. Zwischen vier Kindern sitzt Barbara Born. Sie trägt die blaue Weste der Bahnhofsmission. Für „Kids on Tour“ begleitet die 66-Jährige ehrenamtlich alleinreisende Kinder.

„Kannste knobeln?“ fragt die gebürtige Berlinerin die achtjährige Alyssa und zieht bunte Stöckchen aus der Tasche. Am Anfang habe sie schon ein wenig Angst gehabt, ohne Mama und Papa zu reisen, sagt das Mädchen mit den kurzen dunklen Haaren. Nun erzählt sie Born fröhlich von den Ferien, die sie bei der Großmutter in Bayern verbracht hat. Auch Moritz neben ihr hat seine Schüchternheit schnell abgelegt. Der Neunjährige ist in Halle zugestiegen und auf dem Weg in die Ferien zur Oma. Er fährt zum ersten Mal mit „Kids on Tour“.

Seit der Einführung des Angebots 2003 sind nach Bahnangaben rund 49.500 Kinder mit „Kids on Tour“ gefahren. Gerade in den Ferien haben die Mitarbeiter der Bahnhofsmission viel zu tun, um Kinder wie Moritz oder Alyssa auf ihren Urlaubsfahrten zu begleiten. Ein Großteil der Kinder reist allerdings aus anderen Gründen. „Wir haben 60 bis 70 Prozent Scheidungskinder“, sagt Initiator und Pressesprecher Roland Knüppel. 22 Jahre lang war der 64-Jährige Leiter der Bahnhofsmission in Mannheim. Vor allem freitagmittags seien ihm die vielen alleinreisenden Kinder aufgefallen, die er von einem Zug zum anderen gebracht habe. „Viele haben gefragt: Hast du Zeit? Kannst du nicht mitfahren? Ich hab Angst.“ An anderen großen Bahnhöfen wurde ihm bestätigt, dass es dort ähnlich zugehe. Um die Zugbegleiter zu entlasten, habe die Bahn gefragt, ob sich die Bahnhofsmission nicht vorstellen könne, Kinder zu begleiten. Mittlerweile betreuen etwa 180 Mitarbeiter wie Barbara Born alleinreisende Kinder zwischen 6 und 14 Jahren.

Seit drei Jahren begleitet die Rentnerin Kinder im Zug. Etwa drei- bis viermal pro Monat bringt sie Schützlinge ans Ziel – und wird dabei Zeugin vieler Schicksale. „Da hat jedes Kind seine Geschichte“, sagt Born. „Ich hatte einmal einen Jungen, der hat so viel geweint, der war bei seiner Mutter und musste zurück ins Heim.“ Für einige Stunden sind die Betreuer Zuhörer und Tröster.

Das Angebot habe sich daraus ergeben, dass es so viele Patchworkfamilien gebe, meint Roland Knüppel. „Die Bahnhofsmission ist ein Seismograph der Gesellschaft. Wir erkennen ziemlich früh, wo die Notlücken sind. Und so war es auch bei „Kids on tour“.“ Freitags und sonntags wird der Service auf neun Strecken angeboten. Doch nicht alle Fahrgäste reagieren positiv. „Sie könnten aber auch mal ein bisschen Rücksicht nehmen auf die anderen Fahrgäste“, giftet ein Sitznachbar Barbara Born kurz vor dem Aussteigen an. Der energischen Betreuerin steht die Empörung ins Gesicht geschrieben, doch sie bleibt ruhig. „Wenn ein Kegelclub im Zug laut wäre, würden die sich das nicht trauen“, sagt sie draußen auf dem Bahnsteig.