Statistik

49.000 neue Einwohner: Berlin wächst doch

Auch der Geburtenüberschuss steigt auf ein Rekordniveau. Wowereit zieht Zensus-Ergebnisse erneut in Zweifel

Der Schock der Volkszählung, der Berlins Bevölkerungszahl um 180.000 Menschen schrumpfen ließ, ist noch nicht überwunden, da belegen neue Zahlen des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg das anhaltende Wachstum der Stadt. Ausgehend von der Basis der Zensus-Daten ist die Zahl der Einwohner der Hauptstadt im Verlauf des Jahres 2012 um 49.000 gestiegen. Damit sind im vergangenen Jahr noch einmal deutlich mehr Menschen nach Berlin gezogen als in den Vorjahren, als der Netto-Zuwachs zwischen 20.000 und 40.000 Personen pro Jahr betragen hatte.

Prozentual wuchs die Einwohnerzahl der Stadt im Jahr 2012 um 1,48 Prozent. Ein Jahr zuvor hatte es mit einem Plus von 1,2 Prozent schon einen Rekord gegeben. In den Jahren seit der Jahrtausendwende, in denen Berlin den Trend sinkender Bevölkerungszahlen umkehrte, hatte die Wachstumsrate stets mit einer Null vor dem Komma begonnen.

3,375 Millionen Menschen

Offiziell leben jetzt nach den Zensus-Daten 3,375 Millionen Menschen in Berlin. Dass die Daten der Meldeämter eine höhere Zahl ausweisen, ist misslich für die Statistiker. Das Amt verweist jedoch darauf, dass seine neuen Daten das gültige Maß darstellen. Der Senat aus SPD und CDU ist noch nicht richtig gewillt, die neue statistische Realität anzuerkennen. Denn weniger Einwohner bedeuten weniger Zuweisungen aus dem Bundesfinanzausgleich. Das Zensus-Ergebnis kostet Berlin Einnahmen von 470 Millionen Euro pro Jahr. Darum hat der Senat Widerspruch eingelegt gegen den Befund, den die Statistiker im Verbund mit ihren Kollegen aus dem Bund und den anderen Ländern im Rahmen des Zensus erhoben haben.

Der Trend ist aber trotz der Differenzen um die gültige Basis eindeutig: Die Stadt wächst. Das betonte auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Er warnte davor, sich durch die „fragwürdigen Zensusergebnisse“ täuschen zu lassen. Um fast 50.000 Menschen legte Berlin zu. „Das entspricht der Größe der bayerischen Stadt Passau“, sagte Wowereit. Die dynamische Wirtschaft ziehe Menschen aus dem In- und Ausland zum Leben und Arbeiten nach Berlin, so der Regierende Bürgermeister. Gleichzeitig biete Berlin eine ausgezeichnete Betreuungsinfrastruktur, die den Berlinerinnen und Berlinern die Entscheidung für ein Kind erleichtere.

Wowereit bezieht sich mit dieser Aussage auf den zweiten Rekord, den das Statistik-Amt melden konnte. Noch nie in den vergangenen Jahren lag die Zahl der geborenen Kinder so deutlich über den Sterbefällen. Mit einem Geburtenüberschuss von 2500 im Jahr 2012 leistete die natürliche Bevölkerungsentwicklung einen merklichen Beitrag zum Wachstum. 34.700 Kinder erblickten in der Hauptstadt das Licht der Welt. Im Jahr zuvor waren es knapp über 33.000. Noch nie im vergangenen Jahrzehnt brachten die Berlinerinnen mehr Babys zur Welt als 2012. Verstorben sind im vergangenen Jahr 32.200 Berliner. Das sind auch mehr als im Vorjahr, aber ebenso viele wie 2010. Einen Geburtenüberschuss verzeichnet Berlin schon seit 2007. In den Jahren zuvor waren bisweilen 3000 Menschen mehr gestorben, als geboren wurden. Das natürliche Plus lag zuletzt bei 1700, ein Jahr zuvor bei 1200.

20- bis 30-Jährige kommen

Offensichtlich zeigt die verstärkte Zuwanderung von jungen Leuten Früchte. Denn es sind überwiegend 20- bis 30-Jährige, die nach Berlin kommen. Wer vor einigen Jahren zugewandert ist, ist inzwischen sesshaft geworden und hat oft eine Familie gegründet. Für Bezirke und Senat bringt dieser positive Trend eine große Herausforderung. Die Schülerzahlen werden in den kommenden Jahren deutlich steigen. Auch die Nachfrage nach Kita-Plätzen steigt weiter.

Die Bevölkerung Berlins legt zwar in allen Bezirken zu, aber in einigen Stadtteilen kann man von einem regelrechten Boom sprechen. Einigermaßen moderat fällt das Wachstum in Tempelhof-Schöneberg aus mit gut einem halben Prozent im Verlauf des Jahres 2012. Unter dem Berliner Durchschnitt von 1,48 Prozent plus liegen auch Steglitz-Zehlendorf, Treptow-Köpenick, Marzahn-Hellersdorf, Spandau und Reinickendorf, wobei auch diese Bezirke knapp unter oder deutlich über ein Prozent gewachsen sind. Über anderthalb Prozent mehr Menschen leben in Charlottenburg-Wilmersdorf, Lichtenberg, Neukölln und Pankow. Knapp unter zwei Prozent wuchs Friedrichshain-Kreuzberg. Und noch einmal enger wurde es in Mitte, wo das Wachstum bei fast 2,5 Prozent lag.

Brandenburg hingegen wird leerer. Ende 2012 lebten zwischen Elbe und Oder rund 2,45 Millionen Menschen, 0,2 Prozent weniger im Vergleich zum Zensus 2011. Den größten Bevölkerungsverlust musste der Landkreis Oberspreewald-Lausitz mit einem Minus von 1,4 Prozent hinnehmen. Es folgen Elbe-Elster, Spree-Neiße und die Uckermark. Zuwächse verzeichnet hingegen der Berliner Speckgürtel. An der Spitze liegt die Landeshauptstadt Potsdam mit einem Plus von 1,2 Prozent.