Forschung

Archäologen machen einen sensationellen Fund

Bei Ausgrabungen an der Breiten Straße in Mitte entdecken Wissenschaftler einen seltenen Spielstein mit Vogelmotiv

Er ist 4,5 Zentimeter groß, rund und zeigt in filigraner Schnitzkunst einen Vogel. Der kleine Spielstein, den Archäologen jetzt bei Ausgrabungen an der Breiten Straße in Mitte fanden, ist eine kleine Sensation. „Dieser Fund ist ein ganz seltenes Kleinkunstmotiv in Deutschland aus den ersten Siedlungen an der Breiten Straße in der Zeit von 1200 bis 1220“, sagt Michael Hofmann.

Der Archäologe vom Landesdenkmalamt Berlin (LDA) präsentierte am Donnerstag den Sensationsfund auf der Baustelle allerdings nicht als Original, sondern nur mit einem Foto. Denn das kleine Kunstwerk, das aus dem Endstück eines Hirschgeweihs gesägt und dann ausmoduliert wurde, liegt derzeit bei den Restauratoren der Werkstatt des Museums für Ur- und Frühgeschichte in Charlottenburg. „Dort wird der Spielstein mithilfe einer Lösung gefestigt, damit er stabil bleibt und später nicht auseinanderbröselt“, sagt Hofmann. Schließlich soll der Fund für die Nachwelt gesichert werden. Die Archäologen entdeckten den kleinen Spielstein in einer Abfallgrube der damaligen Siedler. „Warum der kleine Stein gerade dort landete, wissen wir nicht“, sagt Hofmann. Die Breite Straße war die Hauptstraße der mittelalterlichen Stadt Cölln. Für Michael Hofmann steht fest, dass der „Cöllner Spielstein“ davon zeugt, dass unter den Bewohnern der dortigen Siedlung die Spiele der Kreuzfahrer populär waren. „Die Kultur der Brettspiele kommt aus dem Vorderen Orient und wurde durch die Kreuzfahrer nach Westen gebracht“, sagt Hofmann.

Gut erhaltener Feldsteinbrunnen

Doch der Spielstein war nicht die einzige Sensation, die Hofmann am Donnerstag zeigen konnte. Auch die Entdeckung eines Feldsteinbrunnens gilt als kleine Sensation. „Der Brunnen ist mit seinen etwa zwei Metern Durchmesser sehr gut erhalten und soll später möglicherweise in den dort geplanten Neubau integriert werden“, sagt Hofmann. In Berlin stellt der Steinbrunnen möglicherweise ein Novum dar, sollte sich bestätigen, dass er mittelalterlich ist. Üblich waren zu dieser Zeit Brunnen aus Holz. Es wird deshalb in der nächsten Woche der Versuch unternommen, Holz aus der Brunnensohle zu gewinnen, um eine exakte naturwissenschaftliche Datierung zu ermöglichen. Weitere Erkenntnisse werden bei den demnächst beginnenden Grabungen im Hof und Kellerbereich des ehemaligen Ermelerhauses erwartet.

Seit Ende September ist das Team aus Archäologen und Denkmalschützern mit den Grabungen auf acht ehemaligen Grundstücken an der Breiten Straße zugange. Zunächst suchten die Archäologen nach Zeugnissen der einstigen barocken Bebauung und fanden insbesondere in den ehemaligen Hausparzellen Breite Straße 11, 15, 17 und 18 Steinkeller ab dem 16. Jahrhundert. Inzwischen wurden sieben von acht Hausparzellen vollständig untersucht. Unterhalb der Keller hat sich in vielfältiger Weise das Cöllner Mittelalter erhalten. Latrinen- und Abfallgruben, Pfostenspuren mittelalterlicher Häuser, Holzwasserkästen von Handwerkern, hölzerne Kellergruben und Brunnen lassen ein vielfältiges mittelalterliches Leben lebendig werden. „Man kann auf der Breiten Straße die bauhistorische Entwicklung der Stadt nachvollziehen“, sagt Hofmann.

Umbau der Breiten Straße

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und die Deutsche Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft mbH (DSK) haben vereinbart, dass einige historisch wie archäologisch bedeutsamen Baureste erhalten bleiben. Dies betrifft die Keller des Ermelerhauses oder auch das Grundstück mit dem Feldsteinbrunnen und ein Bereich des Grundstücks Nummer 18. Angedacht ist, die Relikte in einem archäologischen Fenster zu zeigen.

Anlass der Grabungen ist die geplante städtebauliche Umgestaltung des Areals Breite Straße/Scharrenstraße/Brüderstraße/ Neumannsgasse in Mitte. Zurzeit werden Rückbaumaßnahmen zur Vorbereitung des Geländes für eine künftige Bebauung durchgeführt. Nach Angaben von Petra Rohland, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, wurde die Breite Straße bereits von ursprünglich 58 Meter Breite auf 30 Meter verjüngt.

Rohland bestätigte, dass dort vom kommenden Jahr an vorrangig Wohnbauten entstehen sollen. Die Rückbaumaßnahmen werden seit dem Jahr 2011 im Rahmen der „Entwicklungsmaßnahme Hauptstadt Berlin – Parlaments- und Regierungsviertel“ durchgeführt.