Alles am Fluss - die Serie

Gemeinsam auf der Urlaubsinsel

Reiswerder hat eine alteingesessene Gemeinde. Jetzt kommen auch junge Familien

Panamahut, Hawaihemd, Bermudas – Lothar Dally wirkt total entspannt, als er die Gäste mit der Fähre am Ufer des Tegeler Sees abholt. Der Vorsitzende des Vereins der „Naturfreunde von Baumwerder Reiswerder e.V.“ hat allen Grund dazu, gelassen zu sein. Es soll wieder ein sonniger Tag werden, um 6.30 Uhr war er schon schwimmen, und auf seinem Eiland gegenüber der DLRG-Badestelle an der Bernauer Straße ist Ferienstimmung angesagt. Fährmann Daniel Hampel muss zwar noch die Lieferung für die Insel-Baude, die lokale Gaststätte,herüberschaffen. Aber ansonsten ist wieder ein schöner, geruhsamer Tag zu erwarten. Der Revier-Schwan umkreist die Insel, Lothar Dally zeigt seinem Besuch erst mal die Besonderheiten seines kleinen Reichs.

Bürgermeister nennen die Vereinsmitglieder ihren 70-jährigen Vorsitzenden scherzhaft. Der kennt die Insel seit 1980, damals arbeitete der gelernte Werkzeugmacher noch bei Borsig, später dort als Versandleiter. Und weil ein Bürgermeister schließlich auch ein Büro braucht, haben die Inselbewohner ihren Vereinstreff mit Türmchen, Wetterhahn und Uhr Rathaus genannt. Ein einfaches Holzhaus, das die Vereinsmitglieder 1979 selbst gebaut haben. Große Wagenräder hängen von der Decke und beleuchten den holzverkleideten dunklen Innenraum. Hier tagt der Vorstand. Meistens im Innern, wie Dally sagt. Schließlich gibt es auch vertrauliche Dinge zu besprechen. „Da ist es schon besser, nicht auf so viele Ohren draufzutreten“, lacht er leise.

Labyrinth zum Spielen

Groß ist die Insel Reiswerder im Südosten des Tegeler Sees nicht. Nur 330 Meter lang und 180 Meter breit. Aber immerhin gibt es dort fast 120 Lauben. Viele von ihnen sehen aus wie kleine Schwarzwaldhäuschen. Gerade einmal 18 Quadratmeter groß dürfen sie sein. Statt Zäunen sorgen Hecken an jeder Parzelle für die nötige Privatsphäre. Für Kinder sind sie ein Labyrinth zum Spielen, in dem sie sich nicht verlaufen können, vor den Blicken der Erwachsenen aber schnell entschwinden können. 128 Mitglieder hat der Verein. „Seit ein bis zwei Jahren gibt es wieder viele junge Leute bei uns. Die ganze Zeit waren wir damit nicht so gesegnet“, berichtet Dally. Die Älteren allerdings und auch Gastwirtin Gabi Schwarz haben schon festgestellt, dass der Generationenwechsel auch Veränderungen mit sich bringt. Die jungen Menschen hätten andere Interessen als sie früher. Wie sonst sei es zu erklären, dass die Insel jetzt im Sommer einen fast verwaisten Eindruck macht? „Früher sind nicht so viele in Urlaub gefahren, wir haben hier Urlaub mit den Kindern gemacht. Es könnte hier etwas lebhafter sein“, findet auch Heinz Schröder. Der 83-Jährige kennt Reiswerder seit 55 Jahren. Auch damals wurde die Fähre vom Verein betrieben, allerdings als Ruderfähre. „Da war noch Manneskraft gefordert“, lacht Schröder. In den 70er-Jahren, als Berlin noch eingemauert war, seien sie mal doppelt so viele Mitglieder wie jetzt gewesen. Seit dem Mauerfall ist die Insel nicht mehr so gefragt. Standen früher 40 Menschen auf der Warteliste, für eine Laube, sind es momentan drei.

Überhaupt, die Älteren haben Unterschiede festgestellt: Die jungen Menschen suchen auf der Insel nicht so sehr die Gemeinschaft und bleiben mehr unter sich. Damit aber nicht genug, einige der neuen Familien hätten im Imbiss nach Bio-Wurst gefragt. „Gleichzeitig dürfen die Kinder aber eine doppelte Portion Pommes mit Mayo und Ketchup essen“, wundert sich Gabi Schwarz. Als sie vor zwei Jahren als Verkäuferin in Rente ging, wollte sie der Tochter und dem Schwiegersohn beiseite springen, da die Insel-Baude nicht so richtig lief. Aber die Kinder verabschiedeten sich komplett, die Mutter übernahm das Geschäft kurzerhand. Heute ist sie 64 Jahre alt und sagt: „Ich hab’ das Volk hier lieben gelernt.“ In ihrem Biergarten, der fast 100 Plätze hat, gibt es selbst gemachte Buletten, Würstchen und Kartoffelsalat und neuerdings auch Wildschweinbraten, weil Gabi, wie sie sagt, jetzt „einen eigenen Jäger hat“.

Die Reiswerder sind gastfreundlich, wollen aber nicht überrannt werden. Deshalb sind Besucher gern gesehen, aber nicht als Badegäste. Die kleine Badestelle ist Mitgliedern vorbehalten. Nancy und Robert Wirbel, beide 31, wissen die Ruhe in der Natur zu schätzen. Ihre Laube bietet sogar einen Blick aufs Wasser. Die Berliner Familie macht hier 14 Tage Urlaub. „Ohne alles, ohne Nintendo-Spiele, ohne Fernseher, ohne Handy“, sagt die Mutter von Philip, 10, und Leni, 4. „Natur pur und nur wir vier, etwas Schöneres gibt es nicht“, sagt Nancy Wirbel. Ihr Mann und sie arbeiten viel. Sie als Frisörin, er als Krankenpfleger. Jetzt gehen die Kinder angeln, fahren mit dem Vater im Boot nach Spandau, um dort im Angelladen Würmer und Maden zu kaufen. „Die Flugzeuge vom nahen Flughafen Tegel hört man nach einem Tag schon nicht mehr“, sagt die Berlinerin. Auch Oliver Steffe, 36, schätzt auf Reiswerder die Ruhe und dass man immer schwimmen gehen kann. Der Tierpfleger aus dem Zoo wurde Mitte der 80er-Jahre von seinen Eltern mit auf die Insel genommen. Heute spielt er dort mit Tochter Lilly, 9, und ihren Freunden Marie, 9, und Tim, 6. Aber auch er hat beobachtet: „Früher war hier mehr los, vor allem jetzt in der Ferienzeit.“ Den Kindern brütende Enten zu zeigen oder auch Tannenmeisen, macht ihm Spaß. Auch einen sehr aktiven Biber gibt es. Dem schmeckt die Thuja-Hecke besonders gut. Den Bambus verschmäht er.

Kochen mit Gasflaschen

Stolz berichtet der Vorsitzende, dass sie im Mai den Sand in der Buddelkiste vom Spielplatz erneuert haben. Auch sonst wird Wert auf eine gewisse Ordnung auf der Insel gelegt. Hundedreck muss sofort beseitigt werden. Und weil es sich um ein Landschaftsschutzgebiet handelt, dürfen nur bestimmte Pflanzen in die Erde gesetzt werden. Strom, Wasser und Wärme haben auf Reiswerder nur die Wirtschaftsgebäude, also das Rathaus und der Schuppen an der Anlegestelle. In den Lauben wird mit Gasflaschen gekocht. Viele nutzen inzwischen auch Solarkraft.

Wer sich das Inselleben unddie Baude aus der Nähe ansehen möchte: Die Fähre kostet hin und zurück zwei Euro und verkehrt während der Woche ab 8 Uhr stündlich, ab 15 Uhr alle halbe Stunde, am Wochenende ab 8 Uhr jede halbe Stunde. Die letzte Fähre aufs Festland geht um 21.30 Uhr, pünktlich zum Sonnenuntergang. Danach kehrt wieder absolute Ruhe ein.