Serie: Die Berlin.Macher - Start-Ups im Porträt

Die Motivationstrainer

Mehr Sport, gesunde Ernährung: Berliner Unternehmer wollen mit ihrer App „Mentor“ Nutzer dazu bringen, an sich zu arbeiten

Uelzen Valley. So sprechen die vier Gründer der App „Mentor“ von der kleinen Stadt zwischen Hamburg und Braunschweig, deren Ruhe sie suchten, um gemeinsam für vier Wochen nur an ihrem Projekt zu feilen. Mittlerweile ist das Mekka der Software-Industrie zumindest in das direkte Blickfeld von Philipp Scharff, Lukas Kampfmann, Jeremias Wolf und Niclas Rohrwacher gerückt. Die Gründer stehen auf der großen Baustelle in Mitte, an der derzeit ihre künftigen Büroräume hochgezogen werden. An der noch unfertigen Fassade hängt ein riesiges Plakat mit dem Werbespruch der Mozilla GmbH, die ihren Sitz im richtigen Silicon Valley hat und den Internetbrowser Firefox vertreibt: „Doing good is part of our idea.“ Hier entsteht der Start-up-Camps „Factory“, ein Gründer-Epizentrum, das auf fünf Stockwerken rund 8500 Quadratmeter Bürofläche vermieten wird. Zu den Mietern zählen neben großen Namen wie Mozilla auch solche der Berliner Start-up-Szene, zum Beispiel der Musikdienst Soundcloud und 6Wunderkinder GmbH. Und eben die Macher von der Mentor App.

„Das ist alles noch ,Work in Progress‘ hier“, sagt Lukas Kampfmann und blickt auf den Schutt und die Gerüste der Baustelle. Dort wo er gerade steht, erzählt er, würde zudem bald die sogenannte „Distillery“ gebaut. Das ist eine Art Start-up-Klinik, die Gründer eine Beratung bei Fragen des Rechts, der Finanzen oder zum Personal anbietet. Unter anderem beteilige sich Google an dem Projekt, sagt Kampfmann.

An die positiven Botschaften wie sie Mozilla und Google mit ihren Slogans verbreiten („Don’t be evil“) knüpfen die Macher von Mentor an. „Mentor is the app for your personal development“, verspricht die Internetseite der vier Gründer. Es geht also um die persönliche Entwicklung und darum, Ziele, die man sich steckt, auch tatsächlich zu erreichen.

Provisorisches Büro

Ihr Büro haben die vier Gründer derzeit noch in einem Vorderhaus an der Brunnenstraße. An ihre Idee ging das Team ganz systematisch heran – auf Grundlage einer sozialpsychologischen Theorie: „Wir haben uns an der Bedürfnispyramide des amerikanischen Psychologen Abraham Maslow orientiert“, sagt der Gründer Philipp Scharff, der das Marketing der jungen Firma verantwortet. Der Psychologe Maslow beschreibt in dem Modell eine Hierarchie der Bedürfnisse: Ganz unten angesiedelt sind physiologische Bedürfnisse, sie bilden die Grundlage, auf die Sicherheitsbedürfnisse und weitere folgen. An der Spitze der Pyramide steht die Selbstverwirklichung. „Und eben darum, um die Persönlichkeitsentwicklung, geht es uns“, sagt Philipp Scharff. Die App soll die Lücke schließen, die zwischen dem Anspruch, die der Einzelne an sich selbst hat, und der Realität klafft.

Wie das klappen soll, zeigt Lukas Kampfmann. Auf seinem iPhone öffnet er die App und zeigt die wichtigsten Kategorien: „eat healthy“, „drink more water“, „go to gym“, „call family“ oder „read“. Er klickt auf die Kategorie „Lesen“, und die App zeigt alle Nutzer an, die vor Kurzem den anderen Benutzern der App gezeigt haben, dass sie mal wieder ein Buch gelesen haben. Peter A. hat ein Bild hochgeladen, das zeigt, wie er ein neues Buch zu Ende gelesen hat: „Ich durchschaue Dich“, heißt es, und die anderen Nutzer kommentieren und beglückwünschen Peter A. dafür.

„So entsteht ein persönliches Netzwerk, das auf Selbstoptimierung aufbaut“, sagt der Gründer Philipp Scharff. In der Kategorie „eat healthy“ motivieren sich derzeit bereits 2000 Nutzer, um sich gesünder zu ernähren. „Weil die persönliche Entwicklung aber auch etwas Intimes ist, bleiben die Mitteilungen im Kreise der Benutzer privat“, sagt Scharff. Die App könne zwar mit Facebook verbunden werden, doch beziehe sie von dem sozialen Netzwerk lediglich Bilder und Namen der Nutzer, die Mentor nutzen wollen. Das heißt: Nur die Facebook-Freunde, die selbst „Mentor“ verwenden, werden darüber informiert, wenn sich ein User vornimmt, mehr Salat zu essen und mal wieder ins Fitnessstudio zu gehen.

Konkurrenz kommt durch die App Didthis aus der Schweiz, die eine ähnliche Software entwickelt hat. Auch die Motivations-App „Lift“, die ihren Sitz in San Francisco hat, verspricht ihren Nutzern das Erreichen von diversen Zielen in den Bereichen Hobby, Karriere, Fitness und sogar Beziehungen und Partnerschaften.

Das Gelingen solcher Versprechen steht und fällt nicht zuletzt mit der Größe der Community. Momentan haben rund 25.000 Nutzer die Mentor-App heruntergeladen. Ob der soziale Druck, den die anderen Nutzer aufbauen, tatsächlich groß genug ist, um den inneren Schweinehund des Einzelnen zu vertreiben, bleibt fragwürdig. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang vom Korrumpierungseffekt. Wissenschaftlich hoch umstritten ist die Frage, ob eine sogenannte extrinsische Motivation (eine von außen her angeregte), wie sie auch hier erfolgt, die gleiche Wirkung wie eine intrinsische Motivation entfaltet. Darin zeigt sich das alte Dilemma des Schulkindes, das trotz des Anreizes guter Noten keine Leistung erbringen will. Psychologen sprechen bei dieser extrinsischen Motivation von einer negativen Verstärkung.

Vorschläge für Fitnessstudios

Die Macher von Mentor wollen dem zuvorkommen und versuchen, das elegant mit einem zukunftsträchtigen Geschäftsmodell zu verbinden. „Uns schwebt vor, dass die Nutzer künftig auf ein bestimmtes Produkt hinarbeiten könnten“, sagt Philipp Scharff. Die Gründer wollen keine Werbebanner in ihre App einblenden, sondern Kooperationen mit Werbepartnern aufbauen. Zum Beispiel sind sie gerade im Gespräch mit der Sprachschule Wall Street English (ehemals „Wall Street Institute“): „Nutzer, die Englisch lernen, könnten als Anreiz etwa einen vergünstigten Kurs in der Sprachschule bekommen“, sagt der Gründer. Dieses Provisions-Modell könnte auch in anderen Bereichen genutzt werden: Zum Beispiel könnte die App Vorschläge machen, in welchem Fitnessstudio sich der Nutzer anmelden könnte oder welches Diätkochbuch besondern gut zu ihm passen würde. Diese Ziele könnten dann als weitere Motivation dienen, um über den eigenen Schatten zu springen. Und könnten dem jungen Unternehmen lukrative Kooperationen mit großen Marken einbringen.

Die im Mai 2012 gegründete Unternehmergesellschaft der vier Berliner Unternehmer, die Deutsche Denk UG, besteht derzeit aus insgesamt sechs Mitarbeitern. Als erster Investor beteiligte sich Felix Petersen, der die App Amen gründete, an ihrem Projekt. Später kamen der Privatinvestor Frank Riedel und weitere Finanzierer hinzu. Die Investition beläuft sich insgesamt auf einen sechsstelligen Betrag.