Berlin

„So cool und vegetarisch“

Londons Bürgermeister Boris Johnson ist fasziniert von Berlin – und sieht Vieles, was England nachahmen könnte

Berlin ist hip und cool. Das attestiert jetzt sogar Londons Bürgermeister Boris Johnson, 49, der deutschen Hauptstadt. Nach seinem Besuch schwärmt er in der britischen Zeitung „The Telegraph“ in höchsten Tönen von Berlin. Wäre er ein Twentysomething und bekäme die Anweisung, London zu verlassen, wäre Berlin für ihn erste Wahl. Die Mieten seien günstig. Das Essen werde in ordentlichen deutschen Portionen aufgetischt, und überall seien aufgeweckte Leute mit Tattoos unterwegs, die Start-ups betreiben. So, wie wohl den meisten Touristen in der Stadt, scheint es dem Bürgermeister in Berlin also ausgesprochen gut gefallen zu haben.

Boris Johnson besuchte auch einen Biergarten in Wannsee-Nähe. Dort fand er alles absolut „wunderbar“: Vor ihm ein kühles Bier, außerdem „ein appetitanregender Teller mit Würstchen und Kartoffeln. Alles für einen vernünftigen Preis.“ Er sehe, wie sich Deutsche in dem köstlichen Süßwasser des Wannsees vergnügen und akribisch organisierte Picknicks veranstalten. Er sehe deutsche Mädchen, wie sie selbst gedrehte Zigaretten rauchen und Körbchen mit Erdbeeren rumreichen. Außerdem greise Männer, nussbraun gebrannt, wie sie knirschend Fitnessübungen in der Sonne machen. „In einer Ekstase von Enthusiasmus für die erstaunliche Stadt Berlin hebe ich mein Glas, noch mal, und denke an meine Großväter“, schreibt er weiter.

Beide hätten im Zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen gekämpft, in beiden Fällen sei die Erfahrung schrecklich gewesen. Sein Leben lang hätte sein Großvater mütterlicherseits einen „wichtigen Rat für den Rest der Welt“ gehabt: „Was immer wir machen, wir müssen die deutsche Wiedervereinigung verhindern.“ Zwei Jahrzehnte nach der deutschen Einheit nutzte jetzt auch Boris Johnson „die Gelegenheit der billigen Flüge“, um seinen Kindern die Hauptstadt eines vereinten Deutschlands zu zeigen – „das Herz, das unbestritten die wichtigste ökonomische Kraft in Europa ist – und ich muss sagen, dass mein gelehrter Großvater falsch prophezeit hat. Alles sagt mir, dass seine Sorgen unbegründet waren und dass die Wiedervereinigung Deutschlands eine der größten Erfolgsgeschichten der modernen politischen Geografie ist. Ich sehe ein modernes Berlin, und ich sehe keinen preußischen Revanchismus. Ich sehe nicht das kleinste Anzeichen von deutschem Militarismus. Ich habe niemanden bemerkt, der seine Hacken zusammenschlägt“, schreibt Johnson im „Telegraph“.

Die Kultur sei „so cool und vegetarisch“, und das Fahrrad sei König. „Ich sehe ein Paradies für Radfahrer, in dem die helmlosen Horden über die weiten und mit Bäumen bestandenen Straßen schlenkern und wackeln, und ein Mercedes-Superauto demütig wartet, während eine Familie vor seiner schnurrenden Schnauze vorherspaziert.“ Der größte Stolperstein für die öffentliche Ordnung sei nach Johnsons Worten, momentan, dass Berliner wohl gern ihre Freikörperkultur pflegten und sogar „in ihren vielen großartigen Parks Geschlechtsverkehr“ hätten. Dabei sei das Klima derart politisch korrekt, dass die Bußgelder dem Einkommen angepasst würden: „Wer in den Büschen in flagranti erwischt wird und einen Job hat, muss 150 Euro Strafe zahlen, aber nur 34 Euro, wenn man ohne Arbeit ist. Wenn das nicht aufgeschlossen ist ...“

Wenn man in Berlin herumfährt, fühle es sich nicht wie „die neue imperialistische Hauptstadt“ an. Es gebe kein Großtun, keinen Pomp. Berlin sei aber auch kein Magnet für Immigranten. „Aber die Berliner sind jung und hip und werden unbestritten vom coolen Nachtleben angezogen.“ Johnson schreibt, er könne verstehen, „warum die Generation meines Großvaters fühlte, wie sie es tat, aber es ist absolut an der Zeit, all das zu vergessen und das neue Deutschland zu umarmen. Wir haben viel zu lernen und zu verstehen. Es gibt ganz viel, das wir bewundern und nachmachen könnten. Wir haben absolut nichts zu fürchten.“