Sanierungsarbeiten

Letzter Aufstieg auf den Alten Turm

Anfang August wird das Gerüst an der Gedächtniskirche abgebaut

Für Menschen mit Höhenangst ist die Besteigung des Baugerüsts am Alten Turm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche eine Herausforderung – für alle anderen ein schöner Sonntagsausflug zu Berlins bekanntester Kirchturmspitze. Am Sonntagvormittag nutzte eine Gruppe von 15 Berlinern um Pfarrer Martin Germer die letzte Gelegenheit, den Turm über das Gerüst zu erreichen. Bald wird das obere Fünftel der Rüstung abgebaut, weil die Sanierungsarbeiten dort beendet sind.

Anfang August soll mit dem Abbau begonnen werden. Wegen der noch andauernden Bauarbeiten geschieht das in mehreren Abschnitten. Seit fast drei Jahren ist die Kirche auf dem Breitscheidplatz von einem Gerüst umgeben. Bei der Sanierung werden Fugen und schadhafte Steine erneuert. „Während der Voruntersuchungen zeigten sich sehr viel mehr Mängel als ursprünglich erwartet. Wir sind froh, dass das Projekt dank vielfältiger Unterstützung gestemmt werden konnte“, sagte Pfarrer Germer. Allein das Gerüst kostete eine Million Euro – fast ein Viertel der Gesamtsumme. Die insgesamt 4,2 Millionen teure Instandsetzung war mit Geld des Bundes, der Lotto-Stiftung, aus Denkmalschutzmitteln des Landes Berlin und vor allem mit vielen Spenden finanziert worden. Um Spenden für die Bauarbeiten zu sammeln, vergab die Kirche auch Fugenpatenschaften. Für einen Betrag zwischen 50 und 5000 Euro konnten Freunde der Gedächtniskirche ganz konkret helfen.

Bevor der Aufstieg zur 60 Meter hohen Aussichtsplattform beginnen konnte, bekam jeder Teilnehmer erst einmal einen Bauhelm. Die Treppen führen vorbei an den großen Turmuhren, die mit neuem Blattgold verziert wurden. Angekommen auf der Plattform, bot sich der Gruppe bei strahlendem Sonnenschein ein fantastischer Blick auf die City West. Pfarrer Germer zeigte und erklärte kundig die Sehenswürdigkeiten und Berliner Landmarken, die von dort oben zu sehen sind.

Beim Abstieg erschien den Besuchern die erklommene Höhe nicht mehr ganz so schwindelerregend. Auch wenn einige Treppenstufen etwas nachgaben, ist das große Gerüst stabil. Allein der Aufbau hatte ein halbes Jahr gedauert, ähnlich lange wird nun der Abbau dauern. Pfarrer Germer machte noch kurz auf einer kleineren Plattform in 20 Metern Höhe Halt. Dort sind am Turm noch Einschusslöcher sichtbar.

„Vor allem bei den Straßenschlachten in den letzten Kriegstagen hat die Kirche ziemlich viel abbekommen“ erläuterte Germer. Der Alte Turm der Gedächtniskirche ist mit seiner zerstörten Spitze Erinnerung an die Schrecken des Krieges. „Die Kirche macht ihrer Rolle als Mahnmal alle Ehre. Da rückt dann alles wieder näher heran“, sagte Annette von Witzendorff nach dem Abstieg. Bald ist die Gedächtniskirche ohne „Einkleidung“ – ein Zustand, an den man sich schon fast nicht mehr erinnern kann.