Serie: Alles am Fluss

Der fröhliche Holländer

Stadtbesichtigungen können sehr anstrengend sein. Nicht aber, wenn man sich Koen Mathot anvertraut

Die Antworten sind oft einfacher, als man denkt. Zum Beispiel auf die Frage, wie man am besten mit Touristen umgeht. Da hat Koen Mathot eine klare Vorstellung. „Setz sie auf ein Schiff, gib ihnen einen Kaffee, und sie sind glücklich.“ Mathot ist seit 1980 Fremdenführer in Berlin. Dass er weiß, wovon er spricht, zeigt die Fracht, die der „Fliegende Holländer“ heute geladen hat: rund 50 niederländische Touristen, bestens gelaunt.

Wer an Rhein oder Donau aufwächst, der belächelt die Spree gern. Zu schmal sei sie, um überhaupt ein Fluss genannt zu werden. Mit 400 Kilometer Länge schafft sie es ganz knapp auf die Top Ten der deutschen Flüsse. Dabei bringt gerade ihre bescheidene Größe der Spree einen Vorteil, den nicht einmal die Themse für sich in Anspruch nehmen kann. Man kann die Stadt vom Boot aus besichtigen. Nikolaiviertel, Berliner Dom, Hauptbahnhof, Bundeskanzleramt, der Große Tiergarten, Schloss Charlottenburg – es gibt kaum eine Berliner Schönheit, die man nicht ganz bequem und ganz nah von seinem Stuhl am Sonnendeck aus begutachten könnte. Nimmt man den Landwehrkanal noch dazu, sind auch Kreuzberg und Neukölln dabei, dann hat man wirklich rein gar nichts verpasst. Deswegen heißt die Tour auch „Berlin komplett“. Ein einleuchtender Name, ähnlich wie „Pommes rot-weiß“ oder „Herrengedeck“. Da bleibt nichts zu wünschen übrig.

An der Caprivibrücke, in unmittelbarer Nähe zum Schloss Charlottenburg, hat der „Fliegende Holländer“ seine Anlegestelle. Wo man anlegt, das ist entscheidend für den Erfolg einer Reederei. Das Wasser gehört allen. Aber das Ufer, an dem die Gäste zusteigen können, das muss man teuer bezahlen. 7000 Euro können da schon mal den Besitzer wechseln. Die zweite Anlegestelle des „Fliegenden Holländers“ ist an der O2 World. Mathot will die genauen Zahlen der Gebühren nicht nennen. So viel aber verrät er: „Da sind Profis am Werk, auch wenn sie mich ausbeuten, sie machen es mit Stil.“

Zu allem eine Geschichte

Koen Mathot geht an Bord, verstaut seine Herrenhandtasche mit dem kleinen Bärchenanhänger und bestellt sich erst mal ein Wasser. Mathot ist in Jakarta geboren, als ein letztes Überbleibsel der Kolonialzeit bezeichnet er sich gerne. „Wissen Sie überhaupt, wer Caprivi war?“, fragt er zur Begrüßung. Seine niederländische Touristengruppe im Rentneralter muss er das nicht fragen, das Berlin Bismarcks interessiert sie nicht sonderlich. Auch nicht Friedrich und die Preußen. Wenn es um mächtige Männer gehen soll, dann muss für diese Zielgruppe schon die jüngere Vergangenheit her. Aber damit kann Mathot heute nicht dienen.

Der Kellner geht herum und nimmt die Bestellungen auf. Es wird Rosé geordert und Heineken. Kroketten gibt es natürlich auch. Die Gruppe wird nur einen Tag in Berlin bleiben, eigentlich ist sie auf einer Reise zum Harz. Die „Belvedere“ zieht vorbei. Man winkt sich zu, von Sonnendeck zu Sonnendeck. Das ist der Schiffseffekt, der die Laune sofort noch besser macht. An Land kann man sich das nicht vorstellen, dass sich Menschen spontan über die Friedrichstraße hinweg zuwinken würden.

Es gibt mehr als 100 Fahrgastschiffe in Berlin und Umgebung. Dieses hat ein besonders langes Sonnendeck, jenes einen schönen Salon. Jeder lockt die Touristen auf seine Weise. Wenn man Koen Mathot nach der genauen Zahl fragt, sagt er: „Es gibt zu viele. Die Konkurrenz ist mörderisch.“ Dass aber die Politik da in irgendeiner Weise eingreifen könnte und den Wettkampf limitieren könnte, das will er nicht. „Ein Fluss ist wie eine öffentliche Straße. Es kommt ja auch keiner auf die Idee, die Zahl der Pkws und Busse zu reduzieren.“ Und was macht er, um sich am Markt durchzusetzen? „Mein Schiff ist schöner und fröhlicher.“

Der „Fliegende Holländer“ zeigt schon im Namen seinen Anspruch. Mathot hat das Schiff 2009 zusammen mit seinem Geschäftspartner bauen lassen. Es kostet so viel wie ein größeres Einfamilienhaus an der Grenze zum Speckgürtel. „Eine fahrende Terrasse“, so erklärt er die Idee dahinter. Ganz neu ist die Dachkonstruktion: Der „Fliegende Holländer“ lässt sich mit einer durchsichtigen Haube komplett abdecken, und man verpasst dennoch nichts an Aussicht. Auch bei der Bestuhlung hat Mathot sich mehr Gedanken gemacht als andere, statt weißer Plastikstühle, an denen im Sommer nackte Haut festklebt, hat er gepolsterte Stühle aus Norwegen. „Wichtig ist auch, dass wir flexibel sind“, erklärt er. „Das Boot habe ich in einer halben Stunde leer geräumt, dann können Sie hier eine Party feiern.“

Zahlungskräftige Touristen gesucht

Als Koen Mathot seine Arbeit mit den Touristen begann, da war die Stadt noch geteilt. „Zu Mauerzeiten gab es noch angestellte Fremdenführer“, erzählt er, als das Schiff an der Mühlendammschleuse auf die Durchfahrt wartet. In der DDR nannte man sie übrigens „Stadtbilderklärer“. Mit dem Begriff „Führer“ wollte man aus naheliegenden Gründen nichts zu tun haben. Der Fall der Mauer, so erzählt Mathot, habe die Schifffahrt übrigens gar nicht erweitert, sondern eher eingeschränkt. „Früher ist man mit den Touristen auf den Wannsee gefahren, den Tegeler See oder den Müggelsee, heute beschränkt sich alles auf ein paar Spreekilometer.“

Dabei ist das Angebot des „Fliegenden Holländers“ groß, und das meiste davon schließt Musik ein. Man kann die „Jazz Frühstück“-Tour buchen, die „Irving Berlin-Dinner Cruise“, es gibt Shantys oder Chansons, je nachdem, was man lieber mag. Noch werden die Chartertouren weniger angefragt, aber Mathot hofft, dass die Qualität des Berlin-Tourismus sich bald verändern wird. Auch auf der Spree. Nicht mehr, aber bessere Besucher brauche die Stadt. „Wollen wir Geld verdienen, oder wollen wir Köpfe zählen?“

Etwas anderes hat sich schon verändert. Früher musste Mathot die Menschen unterwegs noch selbst bespaßen. Heute sorgt eine durch GPS gesteuerte Aufnahme dafür, dass die Touristen die Geschichte der Weidendammer Brücke oder des Paul-Löbe-Hauses erfahren, wenn sie gerade darunter durch- oder daran vorbeifahren. Es ist immer noch Mathot, der spricht, aber jetzt spricht er eben von einem Band. Große Aufmerksamkeit wird den Erklärungen ohnehin nicht geschenkt. „Sehen Sie“, sagt Mathot. „wenn da jetzt ein Fremdenführer live sprechen würde, der wäre doch beleidigt.“ So aber kann er sich ganz entspannt zurücklehnen. Später, wenn die Gruppe in den Bus steigt, dann wird er genug zu tun haben. Auf der Straße funktioniert nämlich das nicht, was die Spree kann. Solange man aber auf dem Fluss fährt, hat man nicht das Gefühl, dass man etwas verpasst, wenn man ganz einfach nur dasitzt, seinen Kaffee trinkt und glücklich ist.