Stadtplanung

Im Kampf gegen den Klimawandel: Berlin sieht Grün

Pflanzeninseln auf der Spree sollen Temperaturen senken

Sie alle haben es in Berlin getan: die „Galeries Lafayette“ an der Friedrichstraße, die Bar „Klunkerkranich“ auf dem obersten Parkdeck eines Neuköllner Einkaufszentrums oder die Wiegmann-Klinik in Westend. Sie setzen auf Grün, sei es mit einer begrünten Fassade, einem bepflanzten Dach oder einem Dachgarten. Für Benjamin Bongardt, Umweltexperte beim Naturschutzbund (Nabu), sind das Zeichen der Zeit: Denn überall, wo Regenwasser von Oberflächen abfließt, anstatt zu versickern, entgeht der Stadt Feuchtigkeit – und damit Kühlung.

Dabei hat die Hauptstadt vor allem den kühlenden Effekt der Pflanzen bitter nötig: „Der Klimawandel wird weiter fortschreiten“, sagt Diplom-Meteorologe Wolfgang Bivour vom Deutschen Wetterdienst in Potsdam. „Seit 1950 hat sich die Zahl der Sommertage mit mehr als 25 Grad in Berlin von 30 auf 45 erhöht.“ Die Tage mit mehr als 30 Grad hätten sich im selben Zeitraum sogar verdoppelt.

Klimaforscher erwarten künftig mehr Wetterextreme sowie mehr heiße Tage und Nächte. Im Vergleich zu den Außenbezirken und zu Brandenburg lässt die Wärme im Innenstadtbereich oft auch nachts kaum nach. Im Hitzesommer 2003 wurden etwa am Alexanderplatz zehn Tropennächte gemessen – die Temperatur sank also nicht unter 20 Grad. „In Zukunft wird sich die Zahl solcher Nächte um das Zwei- bis Dreifache erhöhen“, sagt Bivour.

Eine Chance wäre es, die vielen Grünflächen der Stadt nicht nur zu erhalten, sondern zu erweitern. In der Masse sei es zwar wirksam, dass Bürger Balkone und Baumscheiben bepflanzten, sagt Bongardt vom Nabu. „Fassadenbegrünung ist aber wesentlich effektiver.“ Die Pflanzen wirkten auf das Gebäude dämmend und gleichzeitig als natürliche Staubfilter.

„Klimamodellierungen haben gezeigt, dass zehn Prozent mehr Grünflächen in Städten ausreichen, um die Temperaturen trotz der Klimaerwärmung konstant zu halten“, sagt der Landschaftsarchitekt der TU Berlin, Henning Günther. Ginge es nach ihm, würden in Berlin eines Tages indirekt sogar Teile der Spree oder die Wasserfläche südlich des Musicaltheaters am Potsdamer Platz bepflanzt – mit „lebenden Inseln“. Das sind schwimmende organische Matten, die mit Sumpfpflanzen wie Schilfrohr, Rohrkolben und Sauergräsern bepflanzt werden.

In der Natur kommen die Inseln etwa in Uferzonen vor. Dieses Zukunftsmodell – derzeit werden noch Wasserflächen für Freilandtests gesucht – könnte Städten nach Ansicht des Wissenschaftlers helfen, Regenwasser zu speichern, Kanalisationen zu entlasten und mehr Feuchtigkeit an die Luft abzugeben. Denn Wasserpflanzen verfügen über verhältnismäßig viel Blattoberfläche.