Streik

Charité-Mitarbeiter fordern mehr Personal

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Jan Schapira

Krankenschwestern klagen über zu viel Arbeit. Frist für Tarifverhandlungen endet am Freitag

An der Charité wird es zum Streik kommen, daran hat Dana Lützkendorf keinen Zweifel. Der Charité-Vorstand habe bisher keine Gesprächsbereitschaft erkennen lassen, sagt die Vertreterin der Ver.di-Betriebsgruppe des Universitätsklinikums, und die Frist der Gewerkschaft zur Aufnahme von Tarifverhandlungen läuft am heutigen Freitag aus. Sollte der Termin ungenutzt verstreichen, will Ver.di an einem noch nicht bekannten Tag in den Warnstreik treten, kurzfristig Krankenbetten und sogar ganze Stationen sperren. Die Charité würde dann nur eingeschränkt weiterarbeiten können, droht Ver.di. Ein länger andauernder Streik bei einem der größten Arbeitgeber Berlins mit einer Gesamtbelegschaft von rund 12.500 Mitarbeitern könnte folgen.

Allerdings geht es der Dienstleistungsgewerkschaft nicht um höhere Löhne. Sie beklagt eine permanent hohe Arbeitsbelastung und fordert die personelle Mindestbesetzung mit Pflegekräften auf den Krankenhaus-Stationen.

Eine Pflegekraft für 15 Patienten

Dana Lützkendorf ist seit 13 Jahren Krankenschwester an der Charité. Die 36-Jährige sagt, die Arbeitsbedingungen an allen Einrichtungen des Universitäts-Klinikums seien „desaströs“. In vielen Bereichen der Charité sei eine Pflegekraft für 15 Patienten zuständig. Unter dieser hohen Arbeitsbelastung leide die Versorgung der Patienten, erzählt Lützkendorf. Durch Zeitdruck und Stress aufgrund der geringen Personalausstattung sähen sich Pflegekräfte häufig gezwungen, weniger dringende Behandlungen zu unterlassen. Pfleger müssten oft überlegen, ob das Waschen eines Kranken oder das Wechseln der Bettwäsche tatsächlich schon nötig seien, so Lützkendorf. Zeit für eine „wirklich menschliche Betreuung der Kranken“ bleibe nicht. „Für ein Einfühlen bleibt keine Zeit. Wir können keine Gespräche führen“, sagt die Krankenschwester. Ein „schlechtes Gewissen“ sei daher ständiger Begleiter der Pflegekräfte, sagt Lützkendorf.

Auf dem Dienstplan der Krankenhausstationen sei stets nur eine minimale Besetzung an Pflegekräften vorgesehen, klagt Lützkendorf: „Das Personal ist so knapp bemessen, dass, wenn jemand krank wird, Arbeit liegen bleiben muss, damit die Grundversorgung geschafft werden kann.“ Eine weitere Folge der Personalbesetzung sei, dass die Pflegekräfte fortlaufend Überstunden anhäuften, sagt die Krankenschwester. Jörg Pawlowski, Personalrat an der Charité, kann das bestätigen. Nach Berechnungen des Personalrats müssen pro Monat rund 1000 Beschäftigte Freizeit opfern, um den Betrieb aufrecht zu erhalten.

Allein bis Ende des Jahres 2012 hätten die Pflegekräfte der Charité 132.000 Überstunden angesammelt. Um diese abbauen zu können, müssten 80 Vollzeitkräfte eingestellt werden. „Diese Arbeitsbedingungen verschleißen die Gesundheit der Pfleger“, sagt Pawlowski. Täglich erreichten ihn zwei bis drei Überlastungsanzeigen aus verschiedenen Stationen. Häufig stehe in diesen Anzeigen, die die Mitarbeiter selbst schicken, dass die Pflegearbeiten in Unterbesetzung hätten erfüllt werden müssen. Auf Nachfrage bestätigt auch Charité-Sprecherin Manuela Zingl, dass beinahe täglich solche Anzeigen gestellt werden.

Zahl der Vollzeitkräfte gesunken

Eine Zunahme der Arbeitsbelastung für das Pflegepersonal geht auch aus den Charité-Jahresberichten hervor, die auf der Internet-Seite des Klinikums für die Jahre 2006 bis 2011 öffentlich einsehbar sind. Von 2006 bis 2011 ist demnach die Zahl der Vollzeitkräfte im Pflegepersonal von 3752 auf 3565 gesunken. Im selben Zeitraum wurden aber mehr Patienten an der Charité behandelt. Die Zahl der stationären Fälle stieg von 127.429 auf 139.142. Die ambulanten Behandlungen stiegen noch stärker, von 502.522 auf 593.614 Patienten. Die durchschnittliche Verweildauer der stationären Patienten reduzierte sich in diesem Zeitraum von 7,7 Tagen auf 6,41 Tage.

Für das Jahr 2012 nennt Zingl 615.694 ambulante und 140.706 stationäre Fälle. Die Charité habe an ihren drei Campus-Standorten Mitte, Virchow und Benjamin Franklin insgesamt 3095 Betten. Die Verweildauer der Patienten betrage durchschnittlich 6,39 Tage. Aktuell seien in den pflegenden Bereichen, die nach Dienstplan erfasst sind, rund 4100 Mitarbeiter tätig. Für Ver.di bedeutet all das: mehr Arbeit für weniger Personal. Die Gewerkschaft fordert: Statt bis zu 15 Patienten wie derzeit solle ein Pfleger auf einer normalen Station fünf Patienten betreuen.

Die Charité erteilt keine detaillierten Auskünfte zur Arbeitsbelastung und der Anzahl der Überstunden des Pflegepersonals. Sprecherin Zingl verweist darauf, dass es sich dabei um betriebsvertrauliche Informationen handele. Im gesamten Jahr 2012 hätten die Charité-Mitarbeiter im Pflege- und Funktionsdienst jeweils im Durchschnitt rund 18,5 Überstunden geleistet. Das sei im ersten Halbjahr 2013 leicht rückläufig. Im Juni 2013 seien es im Durchschnitt rund 80 Minuten pro Mitarbeiter gewesen.

Ähnlich konstant, nur leicht rückläufig verhalte es sich mit den in der Pflegedirektion eingegangenen Überlastungsanzeigen, so Zingl. Durchschnittlich seien pro Monat im Jahr 2012 rund 32 Überlastungsanzeigen eingegangen, im ersten Halbjahr 2013 rund 26 pro Monat, im Juni 31. Die Streikabsichten von Ver.di seien eine „gewerkschaftspolitische Inszenierung“. Die Forderungen von Ver.di seien nicht neu, zudem habe die Gewerkschaft im März selbst die laufenden Gespräche zu Themen des Gesundheitsschutzes abgebrochen. Dort habe der Charité-Vorstand die Einrichtung einer Gesundheitskommission vorgeschlagen.

Ohnehin, so die Charité, seien Fragen des Gesundheitsschutzes zwischen Arbeitgeber und dem Personalrat zu klären. In einer Stellungnahme heißt es weiter, dass sich der Charité-Vorstand „der außerordentlichen Belastung der Mitarbeiter“ bewusst sei. Hinweisen auf Überlastung gehe er zeitnah nach.