Engagement

Starthilfe für Lorenzo

Das Patenschaftsprojekt „Neuköllner Talente“ bringt Kinder und Studenten zusammen

Alina beugt sich zu Lorenzo herunter. Der Zehnjährige guckt zu der 24 Jahre alten Studentin hinauf und erklärt ihr, auf welche Schrauben und welchen Seilzug es bei der Seifenkiste ankommt, damit sie auch wirklich fährt. Alina staunt, Lorenzo strahlt sie stolz an. Dann kann er es kaum noch abwarten, das Gefährt mit Alina auszuprobieren. Und tatsächlich: Es fährt. Die beiden sausen am Kreuzberg einen abgesperrten Weg herunter.

Der Grundschüler und die Studentin sind ein eingespieltes Team, dabei kennen sie sich erst seit knapp acht Monaten. Zusammengebracht hat sie das Projekt „Neuköllner Talente“, das gerade beim Wettbewerb „Ideen für die Bundesrepublik“ ausgezeichnet wurde. Ziel der 2008 gegründeten Initiative ist es, Kindern aus Neukölln mit wenig Zugang zu Bildung und Kultur an ehrenamtliche Paten zu vermitteln, die ihnen helfen.

Die Paten treffen die Kinder im Grundschulalter meist einmal in der Woche zu gemeinsamen Unternehmungen. „Einige Kinder haben etwa noch nie vorher ein Museum besucht“, sagt Carmen Wagle, die bei den Neuköllner Talenten als Familienbetreuerin arbeitet. Oft fehlt den Eltern das Geld oder die Zeit für solche Aktivitäten. Viele haben auch wegen ihres Migrationshintergrunds wenig Bezug dazu. Viele Patenpaare machen aber auch Sport zusammen oder entdecken gemeinsam ein Handwerk.

Aufgabe der Paten ist es nicht, sich um schulische Förderung zu kümmern, erklärt Carmen Wagle. „Es soll keine versteckte Nachhilfe sein, sondern eher den Horizont der Kinder erweitern.“ Wie wichtig das ist, hat sich in anderen Patenschaftsmodellen gezeigt. Die Neuköllner Bürgerstiftung, zu der die Neuköllner Talente gehören, begleitet auch Mentoren für Neuntklässler beim Übergang von der Schule ins Berufsleben. Oft habe sich hier gezeigt, wie wenig die Jugendlichen an sich glauben, wie niedrig sie ihre Ziele setzen, sagt Wagle. Und so entstand die Idee, schon viel früher die Kinder an die Hand zu nehmen.

Alina hat zum Beispiel schnell gemerkt, dass sich Lorenzo, der in seiner Klasse der Beste in Mathematik ist, für Technik interessiert und gern Dinge zusammenbaut. Darum hat sie ihn jetzt auch für einen kostenlosen Ferienkurs der Gelben Villa in Kreuzberg angemeldet, bei dem Kinder in Zusammenarbeit mit dem Verein Life eine Woche lang Seifenkisten gebaut haben. Jeden Morgen hat Alina den Jungen von seiner Mutter in Neukölln abgeholt und nach Kreuzberg zum Kurs gebracht. Während Lorenzo mit anderen Kindern gearbeitet hat, nahm sich die Studentin ihre Unterlagen und hat für ihr Masterstudium der Internationalen Beziehungen gelernt.

Blick über den Tellerrand

Alina ist nicht die einzige Studentin, die sich bei den Neuköllner Talenten engagiert. Etwa 80 Prozent der Paten sind Studenten. Sie sind über Flyer, die in den Universitäten verteilt wurden, auf das Projekt aufmerksam gemacht worden, andere kommen durch Mundpropaganda. „Viele Studenten sind zugezogen und haben erst einmal nur wenig Kontakte in der Stadt. Da macht es ihnen Spaß, die Stadt mit einem Kind zu entdecken“, hat Wagle beobachtet. Und viele Kinder finden es schön, dass die Paten altersmäßig nicht so weit von ihnen entfernt sind. Das Durchschnittsalter der Paten liegt bei 25 Jahren. Alina könnte auch die große Schwester von Lorenzo sein.

Paten und Patenkind werden bei den Neuköllner Talenten behutsam zusammengebracht. Eltern, die für ihr Kind einen Paten suchen, werden zunächst einmal zum Gespräch eingeladen. Im zweiten Schritt besucht Carmen Wagle die Familie dann zu Hause. Dort lernt sie zum ersten Mal das Kind kennen. Auch mit den Paten gibt es zunächst ein Gespräch, bevor dann je fünf bis zehn Paten und Kinder zu einem Spielenachmittag eingeladen werden, bei dem sie sich kennenlernen. „Die Chemie muss stimmen“, sagt die Koordinatorin. Lorenzo wusste offenbar schnell an diesem Nachmittag, dass er Alina als Patin haben wollte. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass sie sich auf Augenhöhe begegneten. „Beim Schiffeversenken habe ich gewonnen und beim Schach Alina“, erzählt das Patenkind.

Lorenzos Mutter hat für ihren Sohn einen Paten gesucht, weil ihr Sohn recht verschlossen ist und es ihm schwerfällt, auf andere zuzugehen. In der Beziehung mit seiner Patin ist davon aber nur wenig zu spüren. „Er ist schnell aufgetaut“, sagt die Studentin. Vielleicht liegt es auch an ihrer offenen Art, die sich auf ihr Patenkind überträgt. Und es hat auch nicht lang gedauert, bis die beiden herausgefunden haben, was sie gern miteinander unternehmen. Neben Tüfteleien wie mit der Seifenkiste machen sie am liebsten Sport. „Schwimmen besonders“, verrät der Junge, der nach den Sommerferien in die fünfte Klasse kommt. Mit den Abzeichen klappte es bislang noch nicht richtig, aber mit Alinas Hilfe hat er jetzt fast das Seepferdchen geschafft.

Wichtiger ist der Studentin aber vor allem, Lorenzo Zuversicht in seine eigenen Fähigkeiten zu vermitteln. Darin liegt auch ihre Motivation, bei dem Projekt mitzumachen. „Ich habe selbst so viele Chancen und Unterstützung in meinem Leben gehabt, da möchte ich jetzt auch etwas weitergeben“, sagt die 24-Jährige, die aus Freiburg stammt und nun in Berlin wohnt. Und wichtig war ihr auch, etwas außerhalb der akademischen Kreise zu tun.

165 Patenpaare gibt es bei den Neuköllner Talenten. Die Patenschaft ist auf ein Jahr begrenzt. Natürlich ist es erwünscht, dass die Beziehung darüber hinaus andauert, aber dann auf privater Basis. Das ermöglicht dem Projekt, wieder neue Kinder aufzunehmen. Während des Jahres können die Paten pro Monat nämlich 20 Euro an Auslagen für das Patenkind geltend machen, damit ihnen auch mal aufwendigere Unternehmungen wie einen Besuch im Kletterpark oder im Zoo ermöglicht wird. Oft sind es aber nicht die teuren Ausflüge, die Lorenzo vor allem Spaß machen. Was er am meisten schätzt, ist, dass Alina in den Stunden ihres Treffens ganz für ihn da ist. Darum passt es ihm jetzt auch gar nicht, dass sie so lange erzählt. Er hat inzwischen seinen Drachen zusammengebaut und fasst seine Patin am Arm: „Komm, wir lassen ihn nun steigen.“