Stadtplanung

„Die Verdrängung war groß“

Baustart: Neues Denkmal in Tiergarten für die 70.000 Opfer der Euthanasie-Morde

Nach den drei zentralen Denkmälern für die in der Nazizeit verfolgten und vernichteten Opfer wird in Tiergarten jetzt mit dem Bau eines weiteren Erinnerungsorts begonnen. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hat am Montag symbolisch den Baustart für den Gedenk- und Informationsort für die Euthanasie-Opfer gegeben. Im Herbst 2014 soll dort, an der Tiergartenstraße 4, mit einer blauen, durchsichtigen Scheibe und einem Informationspult an eines „der grauenvollsten Verbrechen des NS-Regimes“ erinnert werden, so Neumann. 500.000 Euro stehen dafür zur Verfügung. Den Entwurf, zu dem auch eine Steinbank gehört, lieferten die Architektin Ursula Wilms, Künstler Nikolaus Koliusis und der Landschaftsarchitekt Heinz W. Hallmann.

Der Ort ist ein authentischer Ort. Dort, auf dem Grundstück hinter der Philharmonie an der Tiergartenstraße 4, stand einst die Villa, in der der deutschlandweite Massenmord an Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung sowie an psychisch und chronisch Kranken systematisch geplant wurde. Wegen der Adresse an der Tiergartenstraße 4 wurde von der Aktion „T 4“ gesprochen. Allein 70.000 Menschen wurden in sechs eigens eingerichteten Anstalten in Deutschland und Österreich in den Jahren 1940 und 1941 systematisch umgebracht.

Das Morden ging weiter

„1941 wurde die Aktion ,T4‘ wegen Unruhen in der Bevölkerung und der Prostete einzelner prominenter Kirchenvertreter – allen voran Clemens August Kardinal von Galen – offiziell beendet“, sagte Neumann in seiner Ansprache weiter. Die Aktion „T 4“ sei eingestellt worden, nicht jedoch das Morden. „Dieses wurde nun dezentral mithilfe von Medikamenten und durch systematische Unterernährung in zahlreichen Pflege- und Heilanstalten fortgeführt.“

Die genaue Zahl der insgesamt während der Zeit des Nationalsozialismus Getöteten dieser Opfergruppe steht bis heute nicht fest. Unter Verweis auf das Buch von Götz Aly, „Euthanasie 1939–1945“, sprach Kulturstaatsminister Neumann von etwa 200.000 Deutschen, die zwischen 1939 und 1945 den Euthanasiemorden zum Opfer fielen.

Eine von ihnen war Anna Lehnkering (1915–1940). Ihr Schicksal wurde nur bekannt, weil ihre Nichte Sigrid Falkenstein im Internet auf den Namen der Tante stieß, als sie Familienforschung betrieb. Sie entdeckte ihren Namen auf einer Liste mit 30.000 Opfern der nationalsozialistischen „Euthanasie-Aktion“. „Diese Liste basierte auf Dokumenten, die Anfang der 90er-Jahre im Zentralarchiv des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR gefunden worden waren und die von einer israelischen Organisation ins Netz gestellt wurden“, sagte Falkenstein. Sonst wäre auch das Schicksal der Tante möglicherweise verschüttet geblieben. Denn auch in ihrer Familie war über Anna Lehnkering, die in Oberhausen-Sterkrade aufwuchs und lernbehindert war, kaum gesprochen worden.

„Die Verdrängung war groß“, erklärte sich die pensionierte Lehrerin das Schweigen, das nicht nur in ihrer Familie gang und gäbe war. Fragte sie die Brüder der Tante, einer davon war ihr Vater, nach dem Verbleib, wurde viel geschwiegen. Doch Sigrid Falkenstein recherchierte und forderte die Patientenakte der Tante im Bundesarchiv an. 1935, im Alter von 19 Jahren, war sie als angeblich „erbkranker“ und damit „minderwertiger“ Mensch zwangssterilisiert, Ende 1936 dann in eine Pflegeanstalt eingewiesen worden. Bis zu ihrem Vergasungs-Tod 1940 in der Euthanasie-Anlage Grafeneck in Baden-Württemberg im Alter von 24 Jahren wurde sie insgesamt zehnmal verlegt. Die Ergebnisse der Suche nach ihrer Tante hat Sigrid Falkenstein im vergangenen Jahr im Buch „Annas Spuren“ veröffentlicht.

Dankbar ist Sigrid Falkenstein vor allem auch dem Historiker und Rabbiner Andreas Nachama. Sie hatte den Direktor der Stiftung Topographie des Terrors angeschrieben und um Hilfe gebeten, dass die Opfer der nationalsozialistischen Euthanasie-Morde einen Ort der Erinnerung erhalten sollten. Zuvor hatte sie sich den Gedenkort an der Tiergartenstraße, wo seit Ende der 80er-Jahre eine Gedenkplatte liegt, angesehen und war schockiert: „Die unscheinbare, verschmutzte Tafel und ihr Umfeld wirkten wie ein weiteres Symbol für das Vergessen. Damals wusste ich nicht, dass dieses Erinnerungszeichen nur bürgerschaftlichem Engagement zu verdanken war“, sagte Sigrid Falkenstein.

Zeichen für die Zukunft

Nachama habe geholfen, 2007 einen Runden Tisch zu initiieren, weil auch ihm das Thema um die vergessenen Opfer am Herzen gelegen habe, bedankte sich Falkenstein. Nachama winkte ab. Es sei doch wichtig, dass dieses traurige Kapitel deutscher Geschichte endlich sichtbar werde. Auch heute noch sei der Umgang mit Patienten, die sich nicht selbst artikulieren können, teils immer noch problematisch – und zwar bei Ärzten, aber auch bei Pflegepersonal.

„Deshalb ist das Denkmal auch für die Gegenwart wichtig. Es soll anregen, darüber nachzudenken, wie wir mit Menschen, die eine Behinderung haben, umgehen“, sagte Nachama am Rande des symbolischen Baustarts. Zusammen mit der Topographie des Terrors wird die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas das nun in Angriff genommene Denkmal später betreuen. In einer Ausstellung vor der Baustelle kann bis November über das Thema nachgelesen werden.