Verkehrssicherheit

Hier ist Radfahren am gefährlichsten

Analyse zeigt Straßen mit den meisten Radunfällen auf. Die Polizei setzt nun auf Kontrollen und Information

Bei Verkehrsunfallexperten gelten Radfahrer im Straßenverkehr als Risikogruppe. Insbesondere in der Berliner Innenstadt sind diese überdurchschnittlich häufig an Unfällen beteiligt, bei denen es Verletzte gibt. Die Zahl der schwer verletzten Radfahrer war 2012 in Berlin erneut um 4,4 Prozent auf 684 gestiegen. Bereits im Vorjahr (2011) hatten 655 Verunglückte einen Rekordwert seit dem Jahr 1999 markiert, als 674 Radfahrer bei Unfällen schwer verletzt wurden. Auch die Zahl der leicht verletzten Radfahrer hatte 2012 mit 5025 den höchsten Wert seit 2008 (5307) erreicht.

Kontrollen und Aufklärung

Die Berliner Polizei versucht dem Problem mit einer Kombination aus Kontrollen und Aufklärung zu begegnen. In allen sechs Polizeidirektionen werden von Frühjahr bis Herbst Schwerpunktaktionen der Verkehrsüberwachung durchgeführt. „Allein mit vorbeugender Aufklärung, also beratenden Gesprächen und dem Verteilen von Infomaterial, können wir das Ziel ,Mehr Verkehrssicherheit’ aber nicht erreichen. Ohne Kontrollaktionen, die auch den Geldbeutel von uneinsichtigen Radfahrern belasten, geht es leider nicht“, sagt Polizeioberrat Andreas Tschisch, Leiter der Verkehrssicherheit.

Die Analyse der 7342 Unfälle mit Radfahrerbeteiligung im Jahr 2012 in Berlin hat ergeben, dass fast die Hälfte dieser Unfälle von Radfahrern selbst verursacht wurden (49,09 Prozent). Fast ebenso viele Unfälle mit Radfahrern werden von Autofahrern (41,7 Prozent) verursacht, weitere 4,5 Prozent von Lastwagenfahrern. Die Untersuchung ergab zudem, dass der Innenstadtbereich mit Abstand die höchste Konzentration von Unfällen aufweist. Fast jeder fünfte Fahrrad-Unfall (19,3 Prozent) ereignete sich in Mitte, es folgten Friedrichshain-Kreuzberg mit 13,9 Prozent, Pankow (10,99) und Charlottenburg-Wilmersdorf (10,90).

Hauptunfallursache bei den von Radfahrern verursachten Unfällen war das falsche oder verbotene Benutzen von Fahrbahnen (1113 Fälle), vor allem durch Fahren auf Radwegen in falscher Richtung. Es folgen zu geringer Sicherheitsabstand (921) und fehlerhaftes Einfädeln in den fließenden Verkehr (619).

Das Missachten der Vorfahrt der Unfallgegner (192) oder das Ignorieren roter Ampeln (201) durch Radfahrer ist zwar deutlich seltener, können aber schwerste Folgen nach sich ziehen. So führten eben diese Gründe am vorigen Donnerstag in Tempelhof (Schreiberring) und am 24. Juni an der Greifswalder Allee in Prenzlauer Berg zu tödlichen Kollisionen der Radfahrer mit einem Auto und einem Lkw (s. Grafik).

Der häufigster Fehler der Kraftfahrer besteht im Übersehen der Radfahrer beim Abbiegen. Allein drei der bislang sieben Todesopfer unter Radfahrern wurden zuvor von Lkw-Fahrern übersehen. Experten führen als Grund die schmale Silhouette der Zweiradfahrer und das Problem des „Toten Winkels“ an. Tschischt: „Im Zweifel sollte ein Radfahrer auf seine Vorfahrt verzichten.“

ADAC: Vorsicht an Kreuzungen

Das rät auch der ADAC Berlin-Brandenburg. Die jüngste Häufung von schwerwiegenden und tödlichen Unfällen mit der Beteiligung von Radfahrern und Lkw in Berlin gibt aus Sicht des ADAC Anlass zur Sorge. Es gebe Situationen, vor allem beim Abbiegen, in denen der Lkw-Fahrer keine Chance habe, einen Radfahrer zu sehen. Mit seinen Verkehrssicherheitsprogrammen macht der Club seit Langem auf die besonderen Gefahren des „Toten Winkels“ aufmerksam. Gerade im Sommer, wenn viele Touristen, Reisebusse, Radfahrer und Fußgänger gleichzeitig in den beliebten Zentren Berlins unterwegs sind, werde es in den Kreuzungsbereichen schnell unübersichtlich und gefährlich. Der ADAC rät deshalb allen Verkehrsteilnehmern zu besonderer Vorsicht an Kreuzungen und beim Abbiegen. Gleichzeitig fordert er die besonders gefährdeten Verkehrsteilnehmer, insbesondere Motorradfahrer und Radfahrer, auf, die Straßenverkehrsordnung zu beachten. Für alle Verkehrsteilnehmer gelte, gerade in der Sommerzeit, mehr Rücksicht zu üben. „Das Einhalten der Verkehrsregeln alleine reicht oft nicht aus. Wir müssen für den anderen mitdenken, wenn wir sicher fahren wollen“, sagte ADAC-Vorstandsmitglied Volker Krane.

Der ADAC fordert vom Senat ein langfristiges Konzept, wie künftig mit dem Radverkehr umgegangen wird. „Was uns fehlt, ist eine Antwort auf die Frage, wie der Radverkehr zukunftssicher gemacht werden soll“, sagte der Leiter Verkehr beim Berliner ADAC, Jörg Becker. Der Verkehrsclub appelliert deshalb an den Senat, ein ausgebautes separates Radverkehrsnetz in Berlin aufzubauen. „Statt immer neue Angebotsstreifen einzurichten, sollten die großen Verkehrsachsen für den Wirtschaftsverkehr freigehalten werden“, fordert Becker. Denn trotz der starken Zunahme des Radverkehrs nehme der Auto- und Wirtschaftsverkehr nicht in gleichem Maße ab.

Die Angebotsstreifen auf den Hauptstraßen haben nach Ansicht des ADAC dazu geführt, dass Autofahrer wieder vermehrt auf Schleichwegen durch Wohngebiete fahren. Der Club wirbt beim Senat mit Nachdruck dafür, dass parallel zu den Hauptverkehrsstraßen in der Innenstadt Fahrradstraßen eingerichtet werden. Als Beispiel dafür gilt die Prinzregentenstraße in Wilmersdorf parallel zur Bundesallee. Sowohl für Auto wie auch für Radfahrer stelle diese Infrastruktur einen Sicherheitsgewinn dar.

Der Senat will den Etat für Radwege und Radstreifen um eine Million Euro pro Jahr auf 2,5 Millionen Euro kürzen. Darüber muss das Landesparlament im Zuge der Haushaltsberatung für 2013/ 2014 noch entscheiden. Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler (SPD) hofft, dass die Abgeordneten die geplante Kürzung zurücknehmen.