Serie: Alles am Fluss

Ein Arbeitsplatz mit Tiefgang

Besuch bei den Bautauchern, die das Erdreich für den Neubau von David Chipperfields James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel vorbereiten. Ein Knochenjob, bei dem auch Fingerspitzengefühl gefragt ist

„Herbert“ steckt schon im schwarzen Gummianzug. Er schnallt sich zwei Kilogramm Fußblei um den Schaft seines Stiefels und setzt die mit Druckluft gefüllte Reserveflasche auf den Rücken – zur Sicherheit, falls die Versorgung über das Kabel von Land aus irgendwelchen Gründen nicht funktionieren sollte. Jetzt fehlt nur noch der Helm. „Das Ding wiegt einiges, das schafft man nicht so gut alleine“, sagt Sven Freiherr und hält den knapp 15 Kilo schweren Tauchhelm für seinen Kumpel bereit. Der 38-jährige Sven Freiherr hat seinen dreistündigen Tauchgang und seine Mittagspause gerade hinter sich. Sein Taucheranzug hängt zum Trocknen auf dem Spezialkleiderbügel in der Luft. Jetzt hilft Sven Freiherr „Herbert“, der als nächster untertaucht. „Herbert“ heißt eigentlich Bernd Göbel. Aber weil er mit seinem Bart dem früheren DDR-Star, dem Schauspieler Herbert Köfer in seinen jüngeren Jahren angeblich so ähnlich sieht, haben die Kollegen ihm den Spitznamen „Herbert“ verpasst. In der schweren Montur, mit dem großen gelben Tauchhelm und den ganzen Verkabelungen wirkt Bernd Göbel jetzt allerdings eher wie der Argonaut einer uralten Jules-Verne-Verfilmung.

Annähernd 60 Kilogrammwiegt die ganze Ausrüstung, mit der der 54-Jährige von der Leiter des schwimmenden Pontons ins trübe Wasser steigt und langsam in der braunen Brühe untertaucht. Göbels Eigengewicht mitsamt der kompletten Ausrüstung beträgt im Wasser gerade mal an die acht Kilogramm. Viel Blei am Körper und an den Beinen tut da Not, damit der Taucher seine Arbeit machen kann.

Hart im Nehmen

Das Grundwasser in den Baugruben am Nebenarm der Spree am Kupfergraben ist dunkel und total verdreckt. Dagegen scheint die Spree fast klar. Auf der großen Baustelle neben dem Pergamonmuseum und vor dem Neuen Museum herrscht ein ohrenbetäubender Lärm. Leistungsstarke Dieselmotoren rattern laut und ein „Airlift“ – ein riesiger Schlammsauger, der von einem Kranführer an Land bewegt wird – schleudert am Boden abgetragenen Morast und Bauschutt in ein abgetrenntes Becken. Der Lärm und der Dreck auf dieser besonderen Baustelle in Berlins Mitte kümmern Göbel und seine Kollegen nicht, die Bautaucher sind einiges gewohnt. Und sie sind hart im Nehmen. „Wir tauchen ja nicht nur in Baugruben oder Talsperren, wir arbeiten auch in Kühlwasseranlagen von Kraftwerken oder Klärwerken“, sagt Sven Freiherr.

Freiherr und Göbel sind zwei der bis zu 18 Taucher, die hier täglich in Dreimann-Teams von 7 bis 19 Uhr in der trüben Tiefe bis zu neun Meter unter Wasser oder oben auf den schwimmenden blauen Pontons in den Baugruben vor dem Neuen Museum arbeiten. Ein Arbeitsplatz mit ungewöhnlicher Kulisse. Seit vergangenem Frühjahr bereiten die Mitarbeiter des Tauchunternehmers Karsten Leunert den Boden für den Neubau der James-Simon-Galerie, dem zentralen Eingangsgebäude und neuen Besucherzentrum für alle Museen auf der Museumsinsel, vor. Das ist kein leichter Job und zudem auch nicht ganz ungefährlich. Schließlich wird hier angesichts der unterdessen für diesen Herbst angekündigten Grundsteinlegung des Bauwerks nach Entwürfen von Star-Architekt David Chipperfeld nicht nur unter, sondern vor allem auch mit Hochdruck gearbeitet.

„Die Taucher haben eine lange Lanze in der Hand, das ist ein Schlauch mit zwei Düsen, aus denen mit einem Druck von etwa 1300 bar ein bis zu drei Millimeter scharfer Strahl Wasser herausschießt“, sagt Karsten Leunert. Der Firmenchef erläutert die Gefahr der Arbeit mit der Lanze, die pro Minute so an die 150 Liter Wasser auf den Boden schießt. „Der Strahl könnte mit seiner Kraft ganze Körperteile abtrennen, deshalb ist es ganz wichtig, dass der Taucher alleine unter Wasser ist und sich im näheren Umfeld von ihm kein weiterer Arbeiter befindet.“ Bislang, versichert Leunert, sei alles gut gegangen. Und das soll auch so bleiben. „Hier sind nur erfahrene Bautaucher im Einsatz“, sagt Leunert. Und er ergänzt: „Das ist kein Job für Anfänger, ich brauche Leute, die ihr Handwerk verstehen.“

Mit der Wucht der Wasserhochdrucklanze strahlen die Bautaucher das Erdreich vor dem Neuen Museum ab. Reste veralteter Fundamente und auch Überbleibsel von Betoninjektionen aus DDR-Zeiten werden so beseitigt, damit hier auf sauberem und ebenen Grund die Fundamente für den Keller der James-Simon-Galerie mit Beton ausgegossen werden können. Dafür wird im Grundwasser mit Hilfe eines Pumprohres auf dem Erdreich ein spezieller Unterwasserbeton aufgetragen, der sich schnell verfestigt. Die Arbeit erlaubt keine Unterbrechungen. Und deshalb müssen die Betonsohlen in den jeweiligen Baugruben auch ohne Pause aufgetragen werden. Das heißt, die Taucher sind dann Tag und Nacht im Einsatz, denn sie justieren das Pumprohr, aus dem der Spezialbeton fließt, im Grundwasser auf dem Erdreich. Ist die Betonsohle gleichmäßig gegossen, kann das Wasser nach etwa zwei Wochen abgepumpt werden. Die Bautaucher sind fertig, die Baufirma kann mit dem Hochbau beginnen.

Jetzt heißt es aber erst mal ordentlichen Grund zu schaffen. Dafür spaltet Bautaucher Bernd Göbel mit dem Hochdruckstrahl die alten Stein- und Betonreste, die sich im Boden befinden, in große Stücke. Ein Bagger könnte sie nicht aus dem Erdreich herausbrechen. Die schweren Brocken hievt der Bautaucher in einen großen Gitterkorb, der an einem Stahlseil hängt und mit Hilfe eines Krans aus dem Wasser gezogen wird. Der Korb ist schnell gefüllt, die Beute ist beachtlich. Der kleinere Bauschrott wird vom Schlauch des „Airlifts“ abgesaugt.

Immer wieder Überraschungen

„Wir wissen nie so genau, was uns hier unten so alles erwartet, da gibt es immer mal wieder Überraschungen“, sagt Karsten Leunert. So hat sein Team schon Hunderte der alten Holzpfähle entfernt, die auch hier im Grund der Museumsinsel stecken. Ein Bauplatz mit Geschichte: Schon bei Beginn der Arbeiten für das Neue Museum im Jahr 1841 war der mangelhafte Baugrund der nördlichen Spreeinsel ein Problem. Um mit dem Bau fortfahren zu können, musste zuerst eine Konstruktion mit 2344 Holzpfählen von bis zu 18 Metern Länge errichtet werden, auf dem dann die eigentliche Gebäudesubstanz aufgebaut werden konnte.

Auch Leunerts Taucher stoßen immer wieder auf weitere Holzpfähle. „Wir wissen nicht, wie viele wir hier noch finden werden. Es gibt keine Angaben darüber, wie viele an dieser Stelle im schlammigen Boden stecken, das kann niemand genau sagen“, erläutert Leunert die Arbeit im Ungewissen. Konkrete Zeitangaben zur Fertigstellung der kompletten Betonsohle sind derzeit deshalb auch eher schwierig. Fest steht: Leunerts Bautaucher leisten hier wahre Sisyphusarbeit, die absolutes Fingerspitzengefühl verlangt. Denn in der braunen Brühe sehen die Männer selbst mit ihren lichtstarken Lampen, die am Tauchhelm befestigt sind, so gut wie nichts. „Schon zehn Zentimeter unter der Wasseroberfläche ist alles schwarz, da sehen Sie selbst Ihre eigene Hand vor den Augen nicht mehr“, sagt Leunert.

Tastsinn ist das A & O

Die Taucher arbeiten quasi blind. Ein guter Tastsinn ist deshalb auch eine der vielen Voraussetzungen, die die Männer für ihren Job als Bautaucher mitbringen müssen. Nur dank des eigenen Fingerspitzengefühls mit dem sie als Erstes den Boden abtasten und mit Hilfe der Anweisungen der Kollegen auf dem Ponton machen sie sich von ihrem Einsatzort ein Bild. „Die Augen des Tauchers sind seine Finger, er muss sich in der Dunkelheit unter Wasser alles ertasten und sich den Anweisungen seiner Kollegen von Land anvertrauen“, sagt Leunert.

Der 52 Jahre alte Tauchermeister ergänzt: „Kommunikation und Teamfähigkeit sind bei uns ganz wichtig“. Leunert zeigt auf den gelben Kasten, der auf dem blauen Ponton steht – das Tauchertelefon. Mit seiner Hilfe wird der Bautaucher vom sogenannten Signalmann vom Ponton aus durch die Baugrube dirigiert. Die Verbindung ist gut. Obwohl Bernd Göbel schweigt – die Arbeit ist schließlich anstrengend und fordert seine ganze Konzentration – sind seine regelmäßigen Atemzüge durch das Kabel oben auf dem Ponton deutlich zu hören. Vor dem zur Umkleidekabine umgebauten ehemaligen NVA-Container auf dem Ponton sitzt Sven Freiherr. Er hält jetzt den Kontakt zu seinem Kollegen Göbel. Dessen wichtigste Verbindung ist das aus mehreren farbigen Schläuchen gewundene Kabel, das von den Tauchern „unsere Nabelschnur“ genannt wird. Nicht ohne Grund. Denn an der „Nabelschnur“ hängt alles, was Bernd Göbel und seine Kollegen fürs Tauchen in der Baugrube brauchen: das gelbe Kabel liefert die Luft, das rote Kabel die Elektrik für Kommunikation und Licht und im blauen Kabel steckt der Tiefenmesser.

Heute läuft alles ohne Probleme. Bernd Göbel arbeitet unter Wasser, seine Teammitglieder Sven Freiherr und Andreas Kuffer sind oben am Kran und am Tauchertelefon im Einsatz. Uwe Gabriel ist zufrieden. Der 39-Jährige ist Einsatzleiter auf der Baustelle. Gabriel arbeitet schon vierzehn Jahre als Bautaucher. Wie viele seiner Kollegen kommt er von der Bundeswehr, wo er als Pioniertaucher seinen Dienst geleistet hat. Das Bautauchen hat der ausgebildete Industriemechaniker im Unternehmen von Karsten Leunert gelernt.

Mit Leib und Seele im Einsatz

„Mich reizt das Tauchen“, antwortet Gabriel kurz auf die Frage, warum er als Bautaucher arbeitet. Der braun gebrannte Einsatzleiter lächelt. Große Worte sind auf dieser Baustelle nicht angesagt. Hier kommt man schnell zur Sache. Jeder weiß, was er zu tun hat. Man müsse diesen Beruf mit Leib und Seele machen wollen, sagt Karsten Leunert. Er hat ganz offensichtlich Glück mit seinen Leuten.