Raumfahrt

Berliner Schüler und die Helden des Alls

Ein Artikel der Berliner Morgenpost und seine Folgen: Weltraum-Fan York Steinmetz aus Hellersdorf trifft in Bremen Astronauten

„See you on Mars“ – Wir sehen uns auf dem Mars! Vier Worte, die eine Hoffnung ausdrücken, mehr noch, einen Lebenstraum. Bekommt ein Elfjähriger aus Hellersdorf dieses Versprechen von einem echten Raumfahrthelden, einem wie dem Space Shuttle- und ISS-Astronauten Paolo Angelo Nespoli — dann allerdings, ja dann wird daraus so etwas wie eine Lebenswahrheit.

So in etwa wird es sich für York Steinmetz angefühlt haben, als Nespoli ihm wie selbstverständlich die verheißungsvolle Aussicht offerierte. Per Handschlag, versteht sich. Unter Männern, die ein- und dasselbe Ziel haben. Einen ganzen Vormittag lang war der Junge zuvor mit dem Italiener und dessen russischen Berufskollegen Sergej Volkov und Alexander Samokutyaev (beide ISS) durch die Produktionshalle der Bremer EADS-Tochter Astrium gelaufen.

Im Reinraum von Europas führendem Raumfahrttechnologie-Unternehmen hatte er unter dem Antrieb der Oberstufe für die Trägerrakete Ariane gestanden. Andächtig blickte er zu den weiß gekleideten Ingenieuren hoch, die mit Kabeln und Schrauben hantierten. „So eine Antriebskapsel“, sagte York leise, „hätte ich mir sogar noch größer vorgestellt“.

Es sollte noch Größeres kommen. Vor dem rund zehn Meter langen ISS-Versorgungsfahrzeug ATV, das Wasser, Treibstoff und Lebensmittel zur Internationalen Raumstation bringt, lauschte er den drei Raumfahrern, die sich mit den Ingenieuren über ihre Erfahrungen mit dem Raumfrachter austauschten.

„Komm hier zwischen uns“, ermunterte der Leiter des Astrium-Standortes Bart Reijnen den Jungen, der so konzentriert zuhörte, als müsse er jedes Wort in Gedanken niederschreiben. Es war ein sichtbar überwältigender Einblick in seine Traumwelt, den der Grundschüler aus Berlin umgeben von echten Weltraumfahrzeugen und deren wahrhaftiger Besatzung erhielt. Gerade weil es für den jungen Space-Fan York keineswegs um böhmische Dörfer ging. „Wenn ich groß bin, werde ich Raumfahrer“, lautete der Titel eines Artikel, der im Rahmen einer Serie über Berufswünsche von Berliner Kindern im April in der Berliner Morgenpost erschienen war. Ein Astrium-Mitarbeiter aus der Hauptstadt hatte den Bericht über Yorks jahrelange Leidenschaft für den Kosmos und dessen Eroberung, über seinen Wissensdurst und seine beachtlichen Kenntnisse auf dem Gebiet gelesen. „Und er war so beeindruckt, dass er die Zeitung gleich an uns weitergeleitet hat. So sind wir auf York aufmerksam geworden“, berichtete Astrium-Sprecherin Kirsten Leung. York kannte sich schon als Kindergartenkind im Sonnensystem aus und findet heute im Spaceclub des Orbitall in Oberschöneweide Gleichgesinnte auf Augenhöhe.

Als feststand, dass im Rahmen des 26. Planetary Congress mehrere Astronauten nach Bremen kommen würden, lud die Astrium GmbH den Hellersdorfer Jungen samt Familie kurzerhand dazu ein. Jedes Jahr findet der Weltkongress der geflogenen Astronauten in einem anderen Land der Erde statt. Anfang Juli 2013 begrüßte Deutschland die rund 80 Teilnehmer aus aller Welt. Zwei Mal war Paolo Nespoli bereits im All, zusammen 176 Tage. Sergej Volkov kommt mit seinen beiden Expeditionen auf ein komplettes Jahr. Alexander Samokutyaev war knapp fünf Monate auf der ISS.

„Wenn ich das richtig verstanden habe, dann haben Sie auch über Mondmissionen geredet!?“, fragte York den Astrium-Leiter bei der Besichtigung des Demonstrationsmodells des Innenraums der ISS. „Richtig“, bestätigte Bart Reijnen und diskutierte dann mit seinem drei Jahrzehnte jüngeren Zuhörer sehr ernsthaft über die Schwierigkeiten, solche Vorhaben zu finanzieren.

York müssen die Ohren geklingelt haben. Schließlich ist seine Vision, später einmal als Kommandeur einer Werft im All selbst Raumschiffe zu konstruieren und außerirdische Intelligenz aufzuspüren. Unbefangen fachsimpelte er mit dem Manager über Tankstellen auf dem Mond und einen Weltraum-Fahrstuhl zum Mars und meinte zum Schluss: „Wenn man Milliarden für einen Flughafen ausgibt, dann kann man das doch auch finanzieren.“

Geschichten vom Alltag im Orbit

„Ich bin ganz sicher, dass „wir in deiner Lebenszeit noch zum Mars fliegen“, versicherte Paolo Nespoli später bei einer Fragerunde mit Mitarbeitern des Raumfahrtunternehmens, bei der York neben den Astronauten auf dem Podium saß. Was er sagen würde, wenn er als erster einen Fuß auf den Roten Planeten setzen könne, wollte der Italiener von dem Jungen wissen. York überlegte einen Moment und sagte dann: „Erde – keine Marsmännchen.“ Nespoli nickte: „Gib mir fünf!“, sagte er, hielt ihm die Hand hin und erzählte bereitwillig und ausführlich vom Alltag auf der ISS.

Schwer bepackt verließ York am Ende den Bremer Astrium-Sitz. Einen Ariane-Modellbausatz, Fachliteratur sowie eine gerahmte Postkarte, die 267 Tage lang an Bord eines ATV-Frachters mitgeflogen war, hatten ihm seine Gastgeber noch überreicht.