Kriminalität

Schon vier Mal ausgeraubt

Der Berliner Uhrmacher Askania ist Opfer einer Einbruchserie. Die Polizei scheint ratlos

Den Humor hat Leonhard Müller noch nicht verloren. „Der Whiskey hier ist 20 Jahre alt, den hätte ich ja auch noch mitgenommen“, sagt er und zeigt auf ein schmales Bord mit Getränken im hinteren Teil des kleinen Ladens an der Uhlandstraße. Das Geschäft hat erst im Juni eröffnet. Und schon wurde eingebrochen – vergangene Woche in der Nacht zu Freitag. Wertvolle alte Uhren wurden gestohlen. Das allein wäre schon ärgerlich für Leonhard Müller, Vorstandschef der Askania AG, der alteingesessenen Berliner Uhrenmanufaktur. Doch der Einbruch war nicht der erste. Vier Mal schon wurde Askania Opfer von Überfall und Einbrüchen. Drei Mal allein in den vergangenen vier Monaten. Den Schaden schätzt Müller auf 300.000 Euro.

Müller kommt aus der Goldschmiedestadt Pforzheim, seit 2005 ist er Chef bei dem Berliner Unternehmen. Am Dienstagmittag sitzt der Mann mit der markanten orangefarbenen Brille – die Farbe harmoniert mit der des Firmenlogos – mit zwei seiner Versicherungsvertreter beisammen. Um die Sitzgruppe aus braunen Ledersesseln herum im Hinterraum des Ladens stehen die Vitrinen des kleinen Firmenmuseums. Alte Fernrohre, Kompasse und allerlei historisches technisches Gerät ist ausgestellt. Doch das ist nur Deko. Die eigentlichen Ausstellungsstücke, elf historische Askania-Uhren, sind seit dem Einbruch vergangene Woche verschwunden.

Sie kamen in der Nacht. Das Glas der Eingangstür ist zwar gegen Schläge gesichert, doch der Rahmen gab offenbar irgendwann nach. Den Verkaufsraum vorn im Laden ließen die Einbrecher praktisch unangetastet. „Sie haben ganz gezielt nur die historischen Armbanduhren geklaut“, sagt Müller. Selbst wertvolle Taschenuhren blieben liegen. Zu Bruch ging dabei außer der Eingangstür nichts. Ganz im Gegenteil zu den beiden Malen davor. In der Nacht vom 11. März brachen Unbekannte in den Askania-Laden am Flughafen Tegel ein. Sie kamen durch die Hintertür, schlugen 15 Vitrinen kaputt und stahlen die ausgestellten Uhren. Was Müller daran am meisten ärgert, ist, dass in direkter Nähe zum Laden die Bundespolizei ihre Dienststelle am Flughafen hat. „Aber die haben nichts gemerkt.“ Beim ersten Mal jedenfalls nicht. Doch nur einen Monat später geschah es am selben Ort wieder. Da wurden Beamte der Bundespolizei aufmerksam. Aber die beiden maskierten Täter flüchteten unerkannt mitsamt der 130.000-Euro-Beute.

Pechsträhne begann 2010

Die Pechsträhne von Askania, nach eigenen Angaben seit 1871 in Berlin, begann jedoch schon 2010. Im Dezember überfielen zwei unmaskierte Männer eine Filiale in Potsdam, schlugen den Filialleiter nieder und raubten den Laden aus.

Natürlich sind Juweliere klassische Ziele von Einbrechern. Gerade in Zeiten mit hohem Goldpreis seien die Geschäfte beliebte Ziele, erzählt Versicherungsmakler Stefan Dammer, der sich auf die Branche spezialisiert hat. Dennoch sei auffällig, dass die Zahl der Überfälle und Einbrüche in Berlin besonders hoch sei – und die Methoden oft brutal.

Zufällig unterstrichen wird Dammers Einschätzung am Dienstag durch die Mitteilung der Berliner Staatsanwaltschaft, es werde eine Belohnung zur Aufklärung eines Raubmordes ausgesetzt. Opfer war ein Juwelier. Er wurde bei einem Überfall im April erschossen (siehe Infokasten). Immer wieder gibt es Fälle, bei denen die Täter mit einem gestohlenen Auto in die Schaufenster fahren und so fast jedes Sicherheitsglas zerbrechen.

Leonhard Müller ist enttäuscht, dass es zu keiner der vier Straftaten in seinen Geschäftsräumen bisher brauchbare Ermittlungsergebnisse gibt. Die Polizei gebe sich Mühe, sind sich der Geschäftsmann und die Versicherungsvertreter einig, doch seien zu wenig Leute mit dem Problem der Einbrüche beschäftigt. Im Potsdamer Fall seien dem Filialleiter erst drei Monate nach der Tat Fahndungsfotos vorgelegt worden, die er mit seinen Erinnerungen zu den unmaskierten Tätern abgleichen sollte, erzählt Müller. „Das war viel zu spät, da war die Erinnerung schon verblasst.“ Frustrierend sei das.

Zahl der Fälle steigt

Gesonderte Daten zu Einbrüchen und Überfällen bei Juwelieren gibt es nicht. Die Kriminalstatistik 2012 weist für schweren Diebstahl aus Verkaufsräumen ein Plus von 9,4 Prozent aus. Doch gerade die Ermittlungen bei Fällen wie Askania seien zäh, sagt Polizeisprecher Wolfgang Schubert. Wenn es keine verwertbaren Spuren wie Videos von Überwachungskameras und Fingerabdrücke und keine Zeugen gebe, könne man oft nur darauf bauen, dass die Ware irgendwo auftauche oder ein Täter bei einem anderen Fall festgenommen werde und bei ihm größere Mengen Diebesgut vorhanden seien. Professionelle Einbrecher reisen laut Polizei oft durch ganz Deutschland und verschwinden schnell nach der Tat wieder. Die Hehlerwege seien undurchsichtig, so Schubert. Im Fall Askania gebe es keine neuen Erkenntnisse.

Leonhard Müller baut darauf, dass seine auffälligen, seltenen Uhren wieder auftauchen. Nur Lizenznehmer oder Askania selbst dürfe sie verkaufen. Wenn ein Laden plötzlich ihre Uhren anbiete, müsse das auffallen. Müller will die Ermittlungen nun vorantreiben und 5000 Euro Belohnung aussetzen für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen.