Verbraucher

Der Härtetest: 3000 Kilometer bei Wind, Schnee und Rushhour

Ein Berliner Fahrradexperte hat ein E-Bike im Alltag erprobt. Fazit: Berge bleiben Berge, aber die Großstadt wird ganz klein

„Das passt scho!“, antwortet Franz Scherer auf meine Frage nach einem Akkuwechsel. Er hätte gerade einen Flyer getestet und wäre mit nur einem Akku 69 Kilometer weit gekommen. Die Marke Flyer ist seit 1995 einer der Schweizer E-Bike-Pioniere. „Da kommst du locker mit einem Akku rauf.“ Wir schreiben das Jahr 2010 und befinden uns in Fusch an der Großglocknerstraße. Scherer besitzt hier ein kleines Sportgeschäft mit Akkuwechselstation. Bis zum Pass der legendären Hochalpenstraße habe ich mir 50 Kilometer und fast 2000 Höhenmeter vorgenommen. Und zur Sicherheit einen Ersatzakku dabei.

Schnell ist klar, die Wahrheit wird gnadenlos. Die bis zu zwölf Prozent starke Steigung verlangt auch vom E-Bike-Fahrer einiges an Kraft. Ohne treten geht gar nichts. Hundert Höhenmeter unter dem Fuschertörl ist auch der zweite Akku am Ende – nach kaum zehn Kilometern am Berg. Beide Akkus zusammen haben mich genau 33,4 Kilometer weit und 1550 Höhenmeter hoch gebracht.

Drei Jahre später auf der Fahrradmesse Velo Berlin. Ende März 2013 findet sie zum dritten Mal in den Hallen unter dem Funkturm statt. Es sind zehn Grad unter Null. Im tiefsten März-Winter seit hundert Jahren. Eine kleine Gruppe von Journalisten darf bereits vor Messebeginn die neuesten Modelle testen. Mit dabei sind viele E-Bikes.

Seitdem der Haushaltsgeräte-Hersteller Bosch im Sommer vor drei Jahren mit einem neuen Mittelmotor in den E-Bike-Markt eingestiegen ist, hat sich die Entwicklung rasant beschleunigt. Mehr als 50 Fahrradmarken verwenden inzwischen die Bosch-Technologie. Der niederländische Fahrradhersteller Koga verspricht eine Reichweite von „ca. 135 Kilometern“. Bosch selbst hält sich mit Aussagen wie diesen zurück. Zu unterschiedlich seien die Nutzungsbedingungen. Eine Normung wie beim Benzinverbrauch von Kraftfahrzeugen gibt es für E-Bike-Reichweiten noch nicht.

Wer jedoch in den Datenblättern auf der Bosch-Website sucht, wird irgendwann ein erstaunliches Papier entdecken. Mit dem aktuellen Akku „PowerPack 400“ komme man im „Turbo“-Modus und unter „erschwerten Bedingungen“ genau 40 Kilometer weit. Im „Tour“-Modus sind es 20 Kilometer mehr. Zu diesen erschwerten Bedingungen zählt ein Gesamtgewicht von Fahrer und Gepäck von mehr als 85 Kilogramm, dazu Gegenwind, Steigungen und Temperaturen unter zehn Grad Celsius.

Am Rand der Extreme

Jetzt will ich es wissen. Bei einer Größe von 182 Zentimetern wiege ich 78 Kilogramm. Angeblich mein Normalgewicht. Hinzu kommen Fahrradtasche mit Notebook, Wasserflasche, Panzerkabelschloss, GPS-Gerät, Kamera, Regenjacke, Ministandpumpe und anderen Kleinigkeiten. Zehn Kilogramm kommen da locker zusammen – insgesamt also rund 88 Kilogramm. Da auf einer Strecke täglich mit Sicherheit Gegenwind herrscht, bin ich nach den Vorstellungen der E-Bike-Hersteller also immer am Rande von Extrembedingungen unterwegs.

In den vergangenen Jahren habe ich mehr als zehn verschiedenen E-Bikes getestet: Mit der Flyer X-Serie, einem schicken Mountainbike, den Nationalpark Hohe Tauern durchquert. Auf einem Kalkhoff Agattu das Kleinwalsertal entdeckt. Durch die Steiermark und auf dem Mur-Radweg natürlich ein Steirerbike genutzt. Von Königs Wusterhausen in den Spreewald auf dem Dahme-Radweg ein Flyer der C-Serie an seine Grenzen gebracht. Und schließlich vom Oderbruch in die Berge rund um Bad Freienwalde mit einer Hercules Roberta unterwegs. Ein paar tausend Kilometer kamen so zusammen. Doch ein Langzeittest im Alltag fehlte noch. Mit dem Koga E-Lement sollten es quer durch Berlin und das Umland am Ende fast 3000 Kilometer werden – in nur zwei Monaten. Und um es vorweg zu nehmen: Mit einem Großstadtgefühl, wie es mit keinem anderen Verkehrsmittel möglich ist.

Es ist der 23. März 2013. Das Thermometer startet am Morgen mit minus zehn Grad. Von Berlin aus soll es rund 90 Kilometer in den Nationalpark Unteres Odertal gehen. Im Winterhalbjahr ist es besonders schön, wenn hier tausende Zugvögel wie Singschwäne und Wildgänse rasten. Natürlich ist der Akku für diese Betriebstemperatur zugelassen und soll bei vergleichbarem Gewicht auch im Winter 30 Prozent leistungsfähiger als das Vorjahresmodell sein.

Bereits in der ersten Schneewehe ist Schieben angesagt – trotz Spikes-Reifen und 250 Prozent Unterstützung durch den Elektromotor. Später wird der Asphalt des Oder-Neiße-Radweges fast wie im Sommer befahrbar sein. Im „Eco“-Modus mit nur 30 Prozent Zusatzkraft durch den Motor ist dennoch nach 45 Kilometern Schluss. Soll es das wirklich gewesen sein?

Das Koga E-Lement ist mit knapp 25 Kilogramm immer noch rund zehn Kilo schwerer als ein „normales“ Fahrrad. Ich beginne es in den Alltag einzubauen. Plötzlich merke ich, wie eng meine Kellertreppe ist. Nachts ein 2649 Euro teures E-Bike vor der Haustür abzustellen findet keine Versicherung gut. Und erstaunlich viele U- und S-Bahnhöfe haben noch immer keine Rolltreppen und Fahrstühle. Kann man wirklich in einer Stadt wie Berlin alle Wege nur mit dem Fahrrad zurücklegen? Ohne Auto und ohne U-Bahn?

Nach einigen Tagen entwickle ich vollkommen neue Strategien. Plötzlich fahre ich lange Strecken mit dem E-Bike, die ich vorher nie mit dem Fahrrad gefahren wäre. Morgens in der Rushhour wähle ich nun nicht mehr den kürzesten, sondern den grünsten und ruhigsten Weg. Staus gibt es nicht, Treppen steigen und Warten auf die S-Bahn auch nicht. Mit einer garantierten Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 Kilometern pro Stunde bin ich immer schneller als mit dem Auto. Die Fahrt zwischen zwei Terminen ist immer auf die Minute kalkulierbar – auch bei Gegenwind und Halt an jeder roten Ampel. Gesunde Bewegung, die den Kopf frei macht, inklusive. Und eine Werbung wird wirklich Wirklichkeit: nie mehr verschwitzt ins Büro kommen. Im Gegenteil: Man muss sich wärmer anziehen.

Mit den steigenden Temperaturen wird auch die Reichweite des Akkus größer. Zwischen knapp 70 und gut 90 Kilometern sollte nun eine Akkuladung reichen. Weniger als in der Werbung versprochen, aber deutlich mehr als es noch vor drei Jahren Standard war. Nach rund zwei Monaten werde ich am Ende ziemlich genau 50 Kilometer pro Tag unterwegs gewesen sein.

Und in Berlin fallen E-Bikes noch immer auf. Mitten auf der Schloßstraße spricht mich ein Mopedfahrer an und ist begeistert. Vor dem Copyshop am Strausberger Platz will ein Student jede Einzelheit der Ausstattung wissen. Der Geschäftsführer aus Helsinki kann es gar nicht glauben, dass ein Elektrofahrrad so unauffällig aussehen kann. Die Zahnarzthelferin klagt, dass sie mit dem Auto doppelt so lange zur Praxis im Ortsteil Baumschulenweg unterwegs ist wie ich. Der Ingenieur erzählt, dass er für die 15 Kilometer zur Arbeit endlich ein E-Bike kaufen möchte. Und der Rennradfahrer auf der Landsberger Allee gibt nach fünf Kilometern entnervt auf. Plötzlich wird die Großstadt ganz klein. Ganz ohne staatliche Förderung. Nur mit einem einfachen Fahrrad. Und einem kleinen Elektromotor.

Der Autor ist einer der bekanntesten Radfahrer Berlins. Benno Koch (47) war von 1995 bis 2008 Sprecher des ADFC Berlin und von 2003 bis 2009 Fahrradbeauftragter des Senats. Heute ist er freier Radjournalist, Berater und Moderator. Nach eigenen Angaben fährt er jährlich 12.000 Kilometer mit dem Rad – E-Bikes nicht eingerechnet.