Energie

Wärme aus dem Speicher

Vattenfall plant Neubau in Spandau. Anlage soll den CO2-Ausstoß um 100.000 Tonnen verringern

Der mächtige Kühlturm am Heizkraftwerk Reuter West in Spandau bekommt Konkurrenz. Der Energieversorger Vattenfall plant auf dem Gelände einen 45 Meter hohen Fernwärmespeicher, den ersten dieser Art und Größe in Berlin. In dieser Woche hat der Konzern die Planungsunterlagen bei den Behörden eingereicht, wie Vattenfall-Sprecher Hannes Hönemann bestätigte. Baubeginn soll im kommenden Jahr sein, Anfang 2016 soll die Anlage in Betrieb gehen. 23 Millionen Euro will der Energieversorger nach aktuellem Stand in das Großprojekt investieren. Probleme bei der Genehmigung sieht das Unternehmen nicht. „Es wird gebaut“, sagte Hönemann der Berliner Morgenpost.

Hintergrund der Millioneninvestition ist die angestrebte Energiewende in Deutschland. Fernwärme aus Anlagen zur Kraft-Wärme-Kopplung – also aus Kraftwerken, die wie Reuter West gleichzeitig Strom und Wärme erzeugen – erlebt dank staatlicher Förderung seit dem politischen Kurswechsel eine Renaissance. Auch in anderen deutschen Städten mit Fernwärmenetz planen Energieversorger daher den Bau riesiger Speicher, um ihre Anlagen flexibler an den tatsächlichen Verbrauch anpassen zu können. Vattenfall selbst betreibt bereits eine vergleichbare Anlage in Hamburg, weitere in Schweden, Dänemark und den Niederlanden.

Das Prinzip ist vergleichsweise simpel oder, wie Vattenfall-Sprecher Hönemann es formulierte, „keine Raketentechnik“. Der in Spandau geplante Speicher ist im Wesentlichen ein riesiger, hohler Zylinder mit 44 Metern Durchmesser. Unter den Stahlwänden, die von 2014 an in den Berliner Himmel wachsen sollen, verbirgt sich eine dicke Isolierschicht. „Im Prinzip ist der Speicher damit ähnlich konstruiert wie Warmwasserbehälter von normalen Heizungssystemen“, sagte Hönemann. Nur sehr viel größer. Im Inneren ist Platz für 66.000 Kubikmeter Wasser, das entspricht mehr als 300.000 Badewannenfüllungen.

Wie eine riesige Batterie

Um den Speicher mit Wärme aufzuladen, fließt 99 Grad heißes Wasser aus dem Kraftwerk in den oberen Teil, kaltes Wasser fließt unten ins Kraftwerk zurück. Wie eine riesige Batterie lädt sich der Zylinder mit Wärme auf, die je nach Bedarf abgegeben werden kann. Und das hat nach Betreiber-Angaben gleich mehrere Vorteile: Wird Elektrizität, aber keine Fernwärme benötigt, puffert der Speicher die bei der Stromerzeugung entstehende Wärme für eine spätere Nutzung. Er entkoppelt also die Erzeugung der Fernwärme von ihrer Lieferung an die Verbraucher.

Im Gegenzug gilt: Ist der Strombedarf aus dem mit Steinkohle betriebenen Kraftwerk geringer – etwa weil dank günstigen Wetters große Mengen Energie aus Windkraft- oder Solaranlagen ins Netz eingespeist werden – kann das Heizkraftwerk künftig heruntergefahren werden. Die Fernwärme kommt dann aus dem Speicher. Der Kohleverbrauch sinkt und mit ihm der Ausstoß des Klimagases Kohlendioxid (CO2). „Nach heutigen Berechnungen könnten durch den Speicher im Berliner Energieversorgungssystem jährlich 100.000 Tonnen CO2 eingespart werden“, sagte Hönemann. Bis zu 57.000 Haushalte könnten 13 Stunden lang allein mit Wärme aus dem geplanten Speicher versorgt werden. Das Projekt zeige damit, „welche wichtige Rolle die Kraft-Wärme-Kopplung im Zusammenspiel mit den erneuerbaren Energien übernehmen kann“, sagte Wolf-Dietrich Kunze, Vorstand der Vattenfall Europe Wärme AG.

Der Speicher soll nicht zuletzt dazu beitragen, die Ziele der 2009 zwischen dem Senat und Vattenfall abgeschlossenen Klimaschutzvereinbarung zu erreichen. Das Land Berlin will seine CO2-Emissionen bis 2020 um 40 Prozent reduzieren. Der Energieversorger hat sich dazu verpflichtet, den Kohlendioxid-Ausstoß seiner Berliner Anlagen bis 2020 gegenüber dem Jahr 1991 um 50 Prozent zu senken. Nach eigenen Angaben investiert Vattenfall dafür fast zwei Milliarden Euro am Standort Berlin.

Allerdings läuft nicht immer alles nach Plan. So verabschiedete sich der schwedische Konzern im Vorjahr – auch auf Druck von Anwohnern – von Planungen, das veraltete Braunkohle-Kraftwerk Klingenberg in Lichtenberg durch zwei Neubauten für die Verbrennung von Biomasse zu ersetzen. Stattdessen soll in Abstimmung mit dem Bezirk auf dem Areal an der Spree in Rummelsburg nun ein Gas- und Dampfturbinenheizkraftwerk entstehen. Folge der Umplanung: Klingenberg bleibt länger als geplant im Braunkohle-Betrieb. Statt 2016 werden die neuen, umweltfreundlichen Anlagen wohl erst 2020 in Betrieb gehen können. Auch andere Projekte in Lichterfelde und Marzahn liegen hinter dem Zeitplan. Trotzdem steht der Konzern bislang zu seiner Zusage, den CO2-Ausstoß zum versprochenen Zeitpunkt halbiert zu haben.

Neun große Kraftwerke

Ob dafür zukünftig noch weitere Fernwärmespeicher gebaut werden, ließ Unternehmenssprecher Hönemann vorerst offen. In Hamburg etwa sind gleich zwei zusätzliche Speicheranlagen von Vattenfall im Bau oder in Planung. Nach derzeitigen Berechnungen reiche die eine Anlage aber voraussichtlich, um die Versorgung in der Stadt so flexibel wie gewünscht zu machen, sagte Hönemann der Berliner Morgenpost. Trotzdem sei der Bau zusätzlicher Speicher auch in Berlin „nicht grundsätzlich ausgeschlossen“, so der Sprecher. „Konkrete Planungen gibt es aber noch nicht.“

Vattenfall betreibt in Berlin neun große Kraftwerke, in denen Strom und Wärme vor allem aus Kohle und Gas erzeugt werden. Das Ende der 80er-Jahre in Betrieb genommene Kraftwerk Reuter West in Spandau versorgt 440.000 Wohnungen – vor allem in Spandau, Charlottenburg und Wilmersdorf – mit Fernwärme. Eine Million Haushalte beziehen ihren Strom aus der Anlage.