Prozess

Mord an Pferdewirtin: Die Fantasiewelt des Robin H.

Angeklagter soll die Tötung der 21-Jährigen in Auftrag gegeben haben. Eine Bekannte beschreibt ihn als notorischen Lügner

Eigentlich lebt sie ja gar nicht. Sabrina S. ist angeblich an Krebs verstorben oder auch bei einem Jagdunfall. Und ihre Asche wurde in die Nordsee gestreut. Die 43-Jährige ist wenig amüsiert, als ihr das vom Vorsitzenden Richter Ralph Ehestädt im Saal 500 des Moabiter Kriminalgerichts vorgehalten wird.

Behauptet hatte das alles der 24-jährige Robin H. Er zählt zu den Hauptangeklagten im Prozess um den Mord an der 21-jährige Christin R. Der Pferdewirt Robin H. war ihr ehemaliger Geliebter. Er soll den Mord an der Freundin in Auftrag gegeben haben. Weil er Geld für einen eigenen Reiterhof brauchte. Robin H. und seine Mutter hatten für Christin R. acht Risikolebensversicherungen abgeschlossen. Bei ihrem Tod sollten 2,4 Millionen Euro gezahlt werden. Den Ermittlungen zufolge wurde Christin R. am 20. Juni 2012 von einem nun ebenfalls angeklagten Auftragsmörder auf einem Parkplatz in Lübars erwürgt.

Die als Zeugin geladene Sabrina S. hatte von den Mord unmittelbar nach der Festnahme von Robin H. erfahren. Seine Mutter – die nun ebenfalls auf der Anklagebank sitzt – hatte ihr davon erzählt. Und Sabrina S. hatte sofort begonnen, sich zu kümmern – so wie sie sich schon zuvor um den fast 20 Jahren jüngeren Mann gekümmert hatte: Sie beauftragte einen Verteidiger, beglich Schulden, schickte Kleidung ins Gefängnis.

Kennengelernt hatte sie Robin H. Ende 2009 in Nordrhein-Westfalen bei einer Reitveranstaltung. Die gelernte Finanzbuchhalterin besitzt selber einige Pferde. Das Thema Pferde sei zwischen ihr und dem „Einreiter“ – so bezeichnete sie ihn mehrfach vor Gericht – letztlich das verbindende Element gewesen. So habe er sich öfter um ihre Pferde gekümmert, wenn sie dienstlich unterwegs gewesen sei. „Ich habe nie geglaubt, dass er so eine Tat begehen kann“, sagt sie. „Und ich würde ihm das auch heute noch nicht zutrauen.“ Er sei „zuvorkommend und hilfsbereit, gleichzeitig gab es bei ihm auch einen Hang, sich selbst zu überschätzen“. Unter Pferdefreunden habe es nur zwei Meinungen über ihn gegeben, so die Zeugin. „Bei den einen war er sehr beliebt.“ Die anderen hätten ihn „wegen seiner teilweise schon sehr überheblichen Art nicht gemocht“.

Beziehung geleugnet

Wie sie den Angeklagten Robin H. sonst noch so beschreiben würde, möchte Richter Ehestädt wissen. Wie das Verhältnis zu ihr persönlich gewesen sei? Die Zeugin stutzt, überlegt, blickt hinüber zum Angeklagten, der den Blick aber nicht erwidert und während ihrer Aussage fast ständig vor sich auf die Tischplatte sieht. Robin H. sei „eher introvertiert und nicht sehr gesprächig“ gewesen, sagt sie. So habe er ihr auch nie davon erzählt, dass es eine Beziehung mit Christin R. gegeben habe. „Da war immer nur von der Pferdepflegerin die Rede.“ Auch sonst habe er „über persönliche Dinge so gut wie nicht gesprochen“.

Richter Ehestädt gibt sich damit noch nicht zufrieden, zitiert aus polizeilichen Vernehmungsprotokollen. Da war bei aller Sympathie auch sehr viel Distanz herauszuhören. Was Sabrina S. vor Gericht sofort bestätigt: Es sei richtig, dass sie H. für nicht besonders intelligent halte. Er sei Legastheniker, habe „Probleme mit mathematischen Zusammenhängen" und ein „schlechtes Allgemeinwissen“.

Sein größtes Manko seien jedoch seine vielen Spinnereien gewesen. Immer wieder habe sie ihn beim Lügen ertappt, sagt Sabrina S. Das begann bei Behauptung wie: er habe die Pferde gefüttert, obwohl er es gar nicht getan hatte; oder dass er angeblich an einem Reitturnier teilgenommen habe. Aber auch bei anderen Themen sei bei ihm„regelmäßig die Fantasie durchgegangen: So habe er erzählt, angeblich in der Bundeswehr in einer Spezialeinheit an Kampfeinsätzen beteiligt gewesen zu sein. Oder dass er an einer Erbkrankheit leide und mit Mitte 40 sterben werde. Wenn sie ihn deswegen zur Rede stellte und ihm empfahl, „ zu einem Psychologen zu gehen“, habe er ausweichend reagiert oder einfach eine neue Lügengeschichte erfunden. Er habe nicht mitbekommen, dass das kränkend oder verletzend sein kann, sagt sie. „Er realisiert nicht, wie sehr er anderen Menschen weh tun kann.“

Aber sie mag ihn immer noch. Wie sehr, wird sie vor Gericht nicht verraten. Sie ist eine sehr kontrollierte Frau, die genau weiß, was sie sagt und wie sie es sagt. Auf Richter Ehestädts Frage, warum sie trotz der vielen Lügen und Spinnereien weiter so viel für Robin H. getan habe, scheint sie vorbereitet. „Das ist mein Naturell“, sagt sie. „Ich bin ein Typ, der jemanden, der um Hilfe bittet, auch hilft.“ Und es habe bei ihr ja auch geschäftliche Interessen gegeben, als Robin H. half, im Brandenburgischen einen passenden Reiterhof zu finden.

Es klingt logisch, aber nicht überzeugend. Es gab Christin R., die fast bis zuletzt an Robin H.s Liebe glaubte, ihm vertraute – und das mit dem Leben bezahlen musste. Es gibt die ebenfalls angeklagte Tanja L., die Christin R. nach eigener Aussage vergiften wollte – beauftragt von Robin H., den sie liebte. Und es gibt die Zeugin Sabrina S., die den mutmaßlichen Auftraggeber des Mordes auch jetzt noch für unschuldig hält.