Auszeichnung

„Berlin ist der Beweis, dass sich Dinge bessern können“

Afrikanische Homosexuelle mit dem Zivilcourage-Preis geehrt. CSD-Gala vergibt ihn bereits seit zwölf Jahren

„Es ist noch nicht so lange her, dass in meiner Stadt ein Massenmord an Schwulen und Lesben verübt wurde“, sagt Kasha Jacqueline Nabagesera. Gerade hat sie den Zivilcourage-Preis gewonnen, der im Rahmen der Berlin Pride-Week seit 2001 jährlich vergeben wird. „Gerade deswegen“, betont sie, „ist Berlin der Beweis, dass sich Dinge bessern können und es tatsächlich auch tun.“

Daran glaubt sie, man hört es in jedem Wort. Und das muss sie. Als eine der Gründerinnen von Freedom and Roam Uganda (Farug) weiß sie, wie hart der Kampf für die Gleichberechtigung sexueller Minderheiten sein kann. In Uganda ist Homosexualität, wie in 36 anderen afrikanischen Staaten auch, nach wie vor strafbar. Gewalt gegen Schwule und Lesben ist an der Tagesordnung. 2010 veröffentlichte eine der großen Zeitungen des Landes eine Liste von Homosexuellen und forderte ihre sofortige Hinrichtung. Nabagesera, seit ihrem 21. Lebensjahr eine der berühmtesten Aktivistinnen des Landes, war eine davon. Seitdem ist es für sie nicht einfacher geworden. Sie ist gezwungen, ihren Aufenthaltsort geheim zu halten, wechselt ihn so oft wie möglich, muss sich bedeckt halten, so gut es geht. Doch das hält sie nicht davon ab, weiterhin für die Gesellschaft, an die sie glaubt, zu kämpfen.

Als eine von wenigen afrikanischen Homosexuellen war sie im ugandischen Fernsehen zu sehen. Mit zwei Mitstreitern verklagte sie die Zeitung wegen Aufrufs zum Mord. David Kato, ebenfalls Aktivist aus Uganda, stand auch auf der Liste der Zeitung. Ein paar Monate später fand man ihn ermordet. Es besteht eine reale Gefahr für Nabageseras Leben. Doch sie beharrt darauf, in Uganda zu bleiben und ihren Kampf fortzusetzen. Sie werde erst aufgeben, sagt sie, wenn die internationalen Rechte, die ihr Heimatland zwar unterschrieben, aber nie umgesetzt hat, tatsächlich gelten. „Mein Land ist wunderschön und von der Natur gesegnet“, sagt sie bei der Preisverleihung auf der CSD-Gala. „Ich werde immer eine stolze Bürgerin Ugandas sein – und eine stolze Lesbe.“

Sie ist nicht die Einzige, die dieses Jahr mit dem Berliner Zivilcourage-Preis ausgezeichnet wurde. Traditionell werden damit drei oder vier Menschen und Institutionen geehrt, die sich im Kampf um die Gleichberechtigung Homo- und Transsexueller besonders verdient gemacht haben. Der zweite Preisträger des Jahres 2013: Dirk Siegfried. Der Berliner Anwalt kämpft seit über 20 Jahren für die Rechte Homosexueller. „Natürlich misst sich der Wert so einer Arbeit nicht an der Verleihung eines Preises“, sagt er. „Aber es ist gut, dass damit das öffentliche Interesse auf dieses Thema gelenkt wird.“

In seiner Kanzlei im neunten Stock eines Bürogebäudes sind die Jalousien gegen die blendende Morgensonne geschlossen. Trotzdem ist es heiß. Siegfried hat sein Hemd einen Knopf weit gelockert und verschränkt die Hände hinter dem Kopf. „Ich glaube fest, dass das selbstverständliche Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare nur noch eine Frage der Zeit ist“, sagt der Mann, der als Anwalt mit dafür verantwortlich ist, dass das Bundesverfassungsgericht erstmals seine Linie in Bezug auf homosexuelle Partnerschaften änderte. „In fünf Jahren, vielleicht in zehn, werden wir so weit sein, dass der Kampf um Gleichberechtigung zumindest in Deutschland nicht mehr von Juristen ausgefochten werden muss.“

Der Anwalt und Notar lebt zwar in Berlin, tritt aber überall im Land für die Fälle seiner Mandanten ein. Er sagt, es wären nicht immer die großen Städte, in denen sich Dinge zuerst verändern. Auch in kleineren Städten, wie zum Beispiel Rosenheim, seien Urteile gefällt worden, die später bundesweit galten. „Die großen Siege sind nicht die, die an großen Gerichten erfochten werden“, betont er. „Natürlich haben die eine andere Dimension. Aber wenn man nach einem langen Streit das Leben eines Paares zum Besseren wendet, ist das ein persönlicher Erfolg einer ganz anderen Art.“